Was meint Antonio Gramsci, wenn er von Alltagsverstand spricht? In welchem Zusammenhang steht dieser Begriff mit einer gesellschaftlichen Veränderung hin zu mehr Gerechtigkeit und Solidarität? Eine Veranstaltung im Depot thematisierte diese und andere Fragen zu Alltagsverstand und politischer Bildung.Am 9. Mai 2018 sprach Kulturwissenschafter Ingo Pohn-Lauggas (Universität Wien), im Depot mit Sozialwissenschafter Uwe Hirschfeld (Evangelischen Hochschule Dresden) über Alltagsverstand und politische Bildung. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Arbeitskreis Kulturanalyse und dem Verband der Österreichischen Volkshochschulen statt. Das Programm umfasste zwei Teile: Zuerst hielt Hirschfeld einen Vortrag mit Fokus auf die Theoriearbeit, dann folgte ein Gespräch zwischen den beiden geladenen Gästen. Im Gespräch wurden nicht nur Verständnisfragen geklärt, sondern auch die Vermittlung und Bedeutung der politischen Bildungsarbeit diskutiert.
Alltagsverstand – Was ist das?
Der Begriff Alltagsverstand, wie er von Hirschfeld verwendet und verstanden wird, ist Teil der Hegemonietheorie von Antonio Gramsci und fungiert als politisch operativer Begriff. Er bezieht sich auf das politische Verständnis des Alltags in Herrschaftskontexten. Mit Kritik am Alltagsverstand könne somit die Hegemonie in Frage gestellt werden. Der Begriff diene als Modellvorstellung, um widersprüchliche Verhaltensweisen zu erklären, gravierende politische Fehleinschätzungen von Ideologie zu korrigieren und kritische Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Was jedoch nach wie vor ausstehe, sei eine kritische praktische Analyse der Empirie, bis jetzt können nur vorläufige Hypothesen geliefert werden, so Hirschfeld.
Die Reformierung des Alltagsverstandes.
Hinsichtlich einer Reformation des Alltagsverstandes bezieht sich Hirschfeld auf Alex Demirović, einen deutschen Sozialwissenschafter und Vertreter der kritischen Theorie. Laut Demirović wird das, was als individuelle und unmittelbare soziale Praxis Einzelner erscheint, zu einer festen Kultur und Lebensweise, in der man sich nicht mehr nach deren Entstehung und Veränderbarkeit fragt. Will man Alltagsverstand nun reformieren, so müsse man hiergegen arbeiten, um eine neue Kultur zu schaffen. So setze es beispielsweise eine neue Kultur voraus, um eine gerechtere Gesellschaft schaffen zu können. Eine gesellschaftliche Transformation hin zu mehr Partizipation und sozialer Selbstbestimmung brauche eine Kultur, deren Angehörige den Willen verfolgen, dass wirtschaftliche Entscheidungen nicht den Gesetzen der Kapitalakkumulation folgen, sondern den sozialen und gesellschaftlichen Anforderungen einer Gesellschaft.
Keine Politik ohne Bildung, keine Bildung ohne Politik.
Aufgabe von emanzipatorischer Politik und kritischer Bildung müsste sein, die Fragmentierung, Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten des Alltagsverstandes zu verändern und zu reflektieren. Das führe dazu, dass man Politik als Bildung verstehen und behandeln müsse. Jede politische und organisatorische Arbeit solle auch als Angebot für wechselseitige Lernprozesse funktionieren können. Hier schlägt Hirschfeld auch den Bogen zu Paulo Freire, der schon meinte, dass Bildung immer auch politisch sei. Er fügt hinzu, dass sich unsere Gesellschaft aktuell in einer Situation befinde, in der sie lernen müsse, Politik als Bildung zu verstehen und betreiben. Hierbei gehe es keinesfalls darum zu belehren, sondern Bildung zu ermöglichen und zu befördern. Auch aus politiktheoretischer Perspektive spreche man hierbei nicht von einer pädagogischen Professionalisierung, sondern von Erkennen und Fördern von Prozessen der politischen und kulturellen Selbstdefinition und Selbstorganisation. Diese Auffassungen lassen sich mit Gramscis Verständnis von Bildung in Einklang bringen. Auch er sah Bildung nicht als reines Ausbildungs- und Erziehungsprogramm. Hegemonie sei notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis. Es gebe keine Politik ohne Bildung und keine Bildung ohne Politik.
Ein inkludierender Anspruch.
Es zeige sich, dass der Anspruch auf eine kritische Reflexion des Alltagsverstandes und die Entwicklung einer kritischen Theorie sowie die Entstehung philosophischer Praxis geistig-kognitive Anstrengung voraussetze, so Hirschfeld. Jedoch sei festzuhalten, dass nicht alles, was es für die Gesamtgesellschaft brauche, auf jeden Einzelfall zutreffen müsse. Die Philosophie der Praxis sei Praxis per se und nicht Philosophie über die Praxis. Dadurch würden Menschen mit eingeschlossen, die ansonsten von akademischen Diskussionen ausgeschlossen werden, aber gleichwohl die Praxis solidarischer Vergesellschaftung erfahren können. Nichtsdestotrotz funktioniere der Weg, der vorbei an den Anstrengungen der Theorie führt nur dann, wenn er die Ausnahme der Regel kollektiv geistiger Arbeit darstelle. So komme man, gibt Hirschfeld zu bedenken, um kritisch theoretische Anstrengungen nicht herum, auch wenn die praktische Erfahrung von Liebe und Solidarität jedem einzelnen Menschen unmittelbar zugänglich sei.
Ein Projekt der Befreiung.
So meine auch Gramsci, wenn er von Einheitlichkeit spricht, nicht, dass etwas gleich genormt sein solle, sondern gesamtgesellschaftliche und allgemeine Perspektiven, die niemanden ausschließen. Das Bewusstsein müsse als allumfassendes Bewusstsein entwickelt werden. Hierfür müssen die einzelnen ökonomischen Interessen einer bestimmten Gruppe überwunden und ein von Gleichen entwickeltes Projekt der Befreiung geschaffen werden. Der Alltagsverstand solle als allgemeines Bewusstsein Gleicher so entwickelt werden, dass sie gemeinsam zusammenhängend kritik- und handlungsfähig werden und solidarisch miteinander umgehen.
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