Welchen Einfluss haben politische Veränderungen auf die politische (Erwachsenen-)Bildung? Und andersrum: Wie kann Erwachsenenbildung Xenophobie und Rechtspopulismus entgegenwirken? Der Vortrag „In der Hoffnung auf eine bessere Welt“ gab Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart und zeigte konkrete Lösungsstrategien auf.
Der dritte Vortrag der Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) mit dem Titel „Politische Bildung in Österreich – Geschichte, Zugänge, Konzepte“ fand am 29. November 2017 in der Volkshochschule Mariahilf statt und widmete sich vor allem den Entwicklungen der letzten 20 Jahre. Moderiert wurde der Abend von Hakan Gürses und den Vortrag hielt Marion Wisinger, Historikerin und Trainerin der politischen Bildung sowie ehemalige wissenschaftliche Leiterin der ÖGPB.
Politische Zeiten.
Das Ende der 1990er Jahre sei eine üppige Zeit für schulische politische Bildung gewesen, so Wisinger eingangs. Zu dieser Zeit sei politische Bildung noch als wirksames Mittel gegen Xenophobie und Menschenrechtsverletzungen angesehen worden. Die ÖGPB war noch Servicestelle für Schulen und sandte diesen kostenlos Materialien zu Themen wie Nationalsozialismus, Flucht, Exil und Migration zu. Man bemühte sich darum, aktuelle Diskurse in politische Bildung einzubringen. Auch ging es um die Bildung und Politisierung der Lehrkräfte, denen durchaus auch schwere Kost zugemutet wurde. Zudem sei es in dieser Zeit zum Aufbau der Weiterbildung für ErwachsenenbildnerInnen gekommen. Doch diese Ära der politischen Bildung hatte ein jähes Ende.
Komplizierte Zeiten.
Während der schwarz-blauen Koalition von 2000 bis 2005 habe die ÖGPB den Geschäftsbereich Schule verloren, wodurch sie in eine brenzliche Lage geriet, so Wisinger. Auch kam es zu verstärkter staatlicher Beobachtung von Organisationen, die sich eindeutig gegen rechts positionierten. So kam auch die ÖGPB ins Visier der Regierungsparteien. Die Instrumente einer solchen Politik waren laut Wisinger Klassiker: Einsparungen, Auslagerung, Umschichtung, Umstrukturierung und manchmal sogar Schließung. Der weitere Fortbestand von politischer (Erwachsenen-)Bildung sei in Bedrängnis gekommen. Erst 2006 konnten betroffene Organisationen und Personen im Zuge des Regierungswechsels wieder durchatmen.
Im Hinblick auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Österreich betonte Wisinger, dass man diese Ära nicht vergessen dürfe. In Zeiten, in denen es zur negativen Aufladung von den Begriffen „Willkommenskultur“ und „Gutmenschen“ komme, laufen Einrichtungen und Personen, die diese Begriffe verkörpern, Gefahr diskreditiert zu werden. Abermals stehen jene, die Wissen über Flucht und Asyl verbreiten, im Widerspruch zu den gewählten VertreterInnen des Volkes und die ÖGPB könne mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Es sei anzunehmen, dass sich die von der kommenden Regierung angekündigten, menschenrechtlich problematischen Maßnahmen konkret auf die politische Bildung auswirken werden. Dies betreffe vor allem den schulischen Bereich. Erwachsenenbildung sei etwas weniger gefährdet, da Strukturen und Organisationsformen divers seien und somit eine komplexere Angriffsfläche bieten. Diesbezüglich müsse nun überlegt werden, wie die ÖGPB, die sich klar gegen Rechtspopulismus ausspricht, in einer überparteilichen Haltung agieren könne. Gleichsam stelle sich die Frage, ob politische Bildung aus ihrer historischen Verantwortung heraus hier nicht eindeutiger reagieren solle.
Auf lange Sicht arbeiten.
Hinsichtlich möglicher Gegenstrategien sprach Wisinger von Sprache und Kommunikation. Das Problem sei, dass der „Stammtisch in die gute Stube eingezogen sei“ und Rückendeckung durch mediale Berichterstattung bekomme. Die Argumente und Beweise dagegen seien oft nur zweitrangig. Generell verschlimmere das Belehren und Moralisieren die Situation eher und man solle versuchen, das Gespräch respektvoll auf Augenhöhe zu suchen. Ein gut geführter Dialog könne zu neuen Lösungen mit Andersdenkenden führen, auch im Bereich der politischen Bildung. Das Ziel seien neue Kommunikationsformen, die Veränderung denkbar und möglich machen. Man solle die Polarisierung von Pro und Contra hinter sich lassen. Im Grunde gehe es um Persönlichkeitsstrukturen, die hinter Formulierungen und Aussagen stecken, diese tieferen Schichten müssen freigelegt werden. Angesichts der zunehmenden Radikalisierung von Sprache und Denken finden auch von der ÖGPB präsentierte Angebote, die oftmals eine Mischung aus Kommunikationstraining und hochdosierter politischer Bildung seien, viel Zuspruch von Seiten der InteressentInnen. Die hohe Nachfrage nach diesen Kursen sei aber auch mitunter durch die Verbreitung von Stammtischparolen generiert worden.
Einen anderen Raum für zivilgesellschaftliche Widerstandsformen biete das Internet, genauer gesagt soziale Medien, meinte Wisinger. Zwar könne und müsse man diese auch durchaus kritisch betrachten, aber sie seien auf alle Fälle ein politischer Raum. Hier geschehe soziale und politische Polarisierung, man tausche Informationen und Wissen aus. Sogar Initiativen können gestartet werden. Aus diesen Gründen biete die ÖGPB auch Projekte zu diesen Themen an, wie beispielsweise das Modul „Das Politische in Social Media“.
In Zeiten des Sozialabbaus liege es auch an der ÖGPB, ruhig und bedacht zu bleiben. Es gelte, Verhältnisse herzustellen, die es trotz allem erlauben, Rechtspopulismus und rechtspopulistische Parteien in der politischen Bildungsarbeit offen und auch offensiv zu thematisieren, so Wisinger abschließend. Wie genau dies erfolgen soll, wird für die ÖGPB wohl zur großen Zukunftsfrage.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB): https://www.politischebildung.at/oegpb/bildungsangebot/vortragsreihe/?detail=88070