Österreichs Bildungsziel der Agenda 2030.

Wo steht Österreich bei der Umsetzung des SDG 4 zu Bildung? Mit welchen Herausforderungen hat Österreichs Bildungslandschaft zu kämpfen? Welcher Handlungsbedarf besteht? Anlässlich der Präsentation des aktuellen Global Education Monitoring Reports 2017/18 wurde diskutiert.

Mit der Vereinbarung der Globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) hat sich Österreich dazu verpflichtet, diese Ziele bis 2030 zu erreichen. Das schließt mitunter das Bildungsziel der Agenda ein: „Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sicherzustellen sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen zu fördern.“ Von der Österreichischen UNESCO Kommission in Kooperation mit den Bundesministerien für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Europa, Integration und Auswärtige Angelegenheiten, der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), der Plattform für Globale Bildungsgerechtigkeit sowie SDG Watch Austria wurde hierzu am 5. Dezember 2017 der Global Education Monitoring Report 2017/18 vorgestellt und im Anschluss unter Moderation von Margarita Langthaler (ÖFSE) die Umsetzung des SDG 4 in Österreich mit VertreterInnen aus der Praxis diskutiert.

Die neue Bildungsreform – ein Erfolg?

Die große Bedeutung von Bildung lasse sich an zahlreichen Maßnahmen ablesen, allerdings stelle sich die Frage, ob dies immer die richtigen Maßnahmen seien, so Andreas Thaller (Generalsekretär BM Bildung). Auch in Schulen, die als eine der wichtigsten Institutionen für Bildung betrachtet werden, seien nicht immer die richtigen Rahmenbedingungen vorhanden, die diese benötigen würden. Österreichs Bildungssystem sei durch ein ausgeprägtes Zuständigkeitssystem gekennzeichnet, das jedoch aufgrund der komplexen Struktur schwer zu steuern sei. Außerdem seien Qualitätsmerkmale schwer zu messen, da jede Schule/ jede Klasse eigene Voraussetzungen mitbringt und andere Bedürfnisse hat. Mit der neuen Bildungsreform und dem einschließenden Autonomiepaket werde versucht, dem entgegen zu wirken und mehr Raum für bedarfsorientierte Unterrichtsgestaltung zu lassen. Schulen hätten somit in Zukunft mehr Entscheidungsfreiheit. Ob die Reform ein Erfolg sei, könne man erst in einigen Jahren beurteilen, jedoch sei es wichtig, Geduld zu bewahren. In der Vergangenheit seien zu oft frühzeitige Schlüsse gezogen und falsche Entscheidungen getroffen worden, so Thaller.

Zeit zu handeln!

Daraufhin präsentierte Anna D’Addio (Senior Policy Analyst, Global Education Monitoring Report, UNESCO) die Ergebnisse des Global Education Monitoring Report 2017/ 2018 in Hinblick auf das SDG 4. Nach einem Überblick zu den SDGs und besonders zu SDG 4, zeigte sie auf, dass global betrachtet noch an vielen Stellen Handlungsbedarf zur Erreichung der Ziele bestehe. Auch Österreichs Ergebnisse lassen erkennen, dass das Ziel einer inklusiven, gleichberechtigten und hochwertigen Bildung noch nicht erreicht ist und besonders Hindernisse der Geschlechtergerechtigkeit als auch Chancengerechtigkeit überwunden werden müssen. Zudem betonte D’Addio die Verantwortung und Rechenschaftspflicht der Regierungen, nachhaltige Bildungspläne zu schaffen und diese auch umzusetzen.

„Klassenkampf von oben.“

In der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „Verantwortung für Bildung – Verbindlichkeit in der Umsetzung des SDG 4. Herausforderungen für Österreich?“ lag der Schwerpunkt wieder vertieft auf Österreich. Claudia Schreiner (BIFIE) thematisierte die Herausforderungen zur Umsetzung des SDG 4, welche im Besonderen die Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und die Risikogruppen betreffen, da die Ergebnisse hier noch besonderen Bedarf aufzeigen würden und gesellschaftliche Teilhabe und lebenslanges Lernen für alle erreicht werden müsse. Darauf aufbauend betonte Barbara Herzog-Punzenberger (JKU Linz), dass Chancengerechtigkeit derzeit nicht gewährleistet sei. Ein großes Hindernis sei die frühe Selektion in der Schule, die bereits benachteiligte Kinder noch mehr benachteilige. Daten würden aufzeigen, dass besonders das Bildungsprofil der Eltern bedeutend ist und nicht die Mehrsprachigkeit. Herzog-Punzenberger forderte dazu auf, Mehrsprachigkeit nicht als Hindernis zu sehen, sondern vielmehr als Potenzial. Sie plädierte für eine sozialinduzierte Mittelvergabe, die an den richtigen Stellen verteilt wird.

Auch Harald Walser (Bildungsexperte und ehemaliger Schuldirektor) kritisierte die zu frühe Aufteilung von SchülerInnen und bezeichnete die Schulstruktur als „Klassenkampf von oben“. Kinder müssten zusammengebracht werden, denn Lernen finde vor allem außerhalb des Klassenzimmers statt. Die aktuelle Bildungsreform würde mit einem Ausbau von Eliteschulen, der weiteren Selektion im frühen Alter und dem Weiterbestand von Sonderschulen diese Benachteiligung fördern.

Im Anschluss erklärte Derai Al Nuaimi (Bundesjugendvertretung/ SDG Watch), Bildung in Österreich werde vererbt und plädierte ebenfalls für mehr Chancengerechtigkeit. Dabei solle keine/r ausgelassen werden-was auch Geflüchtete betreffe, die ebenfalls in die Ausbildungspflicht eingebunden werden sollen. Das Schulsystem müsse erneuert und neue Fächer integriert werden, um den Ansprüchen der SchülerInnen gerecht zu werden. Bildung solle aufgewertet werden und eine neue Wahrnehmung von Bildung als Recht, und nicht als Pflicht, geschaffen werden.

Was kommt jetzt?

Zusammen mit den ZuhörerInnen wurden insbesondere die frühe Bewertung und Aufteilung sowie die daraus folgenden Konsequenzen in den Kindergärten und Schulen für die Zukunft der Kinder diskutiert und kritisch hinterfragt. Außerdem wurde die Frage gestellt, inwiefern die Kinder und Jugendlichen die Bildungsreform konkret zu spüren bekommen werden. Dies sei wohl die Entscheidung der Schuldirektion und pädagogischen Kräfte, wie diese die flexible Unterrichtsgestaltung durch das Autonomiepaket einsetzen würden, so Thaller abschließend.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links: 

– Die Veranstaltung im Rückblick der ÖFSE: https://www.oefse.at/veranstaltungen/rueckblick/veranstaltung/event/show/Event/praesentation-des-aktuellen-global-education-monitoring-reports/

– Die Veranstaltung im Rückblick der UNESCO: https://www.unesco.at/bildung/bildung-2030/artikel/article/blickpunkt-bildung-praesentation-des-global-education-monitoring-reports-in-wien/

– Power Point Präsentation: https://www.oefse.at/fileadmin/content/Downloads/Veranstaltungen/Tagungsdokus/Praesentation_D_Addio_GEM_2017_5_12_2017.pdf 

– Fotogalerie der ÖFSE zur Veranstaltung: https://www.oefse.at/service/fotogalerien/Fotogalerie_05_12_2017/

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