1977 wurde die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung gegründet. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums setzt sich die Vortragsreihe „Politische Bildung in Österreich – Geschichte, Zugänge, Konzepte“ kritisch mit politischer (Erwachsenen-)Bildung in Österreich auseinander.
Der erste Vortrag dieser Reihe fand am 18. Oktober 2017 unter dem Titel „Politische Bildung – ein Paradoxon?“ im Wiener Depot statt und stellte einen Streifzug durch die letzten vier Jahrzehnte politischer Erwachsenenbildung in Österreich dar.
Hakan Gürses, wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung, geleitete das Publikum durch den Abend. Margarete Wallmann, Pädagogin, ehemalige Direktorin des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung und Geschäftsführerin der Volkshochschule für politische Bildung im Burgenland, gestaltete den Hauptteil des Vortrags. Nicht nur beschrieb sie den Weg der politischen (Erwachsenen-)Bildung von der Aufbruchsstimmung Ende der 1960er Jahre bis hin zu deren Institutionalisierung und Professionalisierung, sondern widmete sich auch dem heutigen Stellenwert und Wirkungsradius dieses Bereiches. Vor allem die geschichtliche Entwicklung veranschaulichte Margarete Wallmann mit Hilfe ihres persönlichen Werdegangs, der schon seit Jugendjahren mit der Thematik emanzipatorischer und politischer Bildung verknüpft ist.
Von ersten Begegnungen und Bewegungen.
Der Geist der 68er Bewegung ging auch an Österreich nicht spurlos vorüber und so kam es, dass Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre die Rufe nach mehr Demokratie und Selbstbestimmung in der Lehre hierzulande immer lauter wurden. „Der Turnsaal wurde zum Verhandlungsraum“, erinnert sich Margarete Wallmann an die ersten SchülerInnenvertretungswahlen an ihrer ehemaligen Schule, aus denen sie als Schulsprecherin hervorging. Sehr schnell seien ihr aber auch die Grenzen dieser neuen Möglichkeiten aufgezeigt worden, denn über besseres Kantinenessen und einen neuen Raucherbereich ging diese Demokratisierungswelle dann doch nicht hinaus. Nichtsdestotrotz wäre der Wunsch nach Emanzipation und im weiteren Sinne nach einer gerechteren Gesellschaft entflammt.
Das Zusammenspiel von Persönlichem und Politischem.
Die Parole „Das Private ist politisch!“ der Frauenbewegung der 1970er Jahre passe nicht nur zeitlich zur Anfangsphase der politischen (Erwachsenen-)Bildung in Österreich, sondern auch inhaltlich. Das Konzept für politische Bildung müsse näher an der Lebenswelt der Menschen ansetzen und dazu ermutigen, die persönliche Situation zu analysieren und reflektieren, so Wallmann. In der Erwachsenenbildung gäbe es unheimlich viele Möglichkeiten des politischen Engagements. So fänden bis heute fast jährlich Tagungen zu Fragen regionaler Entwicklung, ob nun auf politischer oder sozialer Ebene, durch das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung und die Arbeitsgemeinschaft Bildungshäuser statt. Außerdem bieten Organisationen wie beispielsweise Elternvereine oder diverse Projektgruppen Chancen neue Ideen und Ansätze im Bereich Lernen und Bildung zu entwickeln. Auch habe sie sich, so Wallmann, durch Freire, Habermas und Luhman motiviert, in ihrer Dissertation mit politischer Apathie und Politisierung befasst.
Schritte in Richtung Professionalisierung.
Nach und nach wurden in Österreich, auf Landes- wie auch auf Bundesebene, mehr Organisationen der Erwachsenenbildung und/oder politischer Bildung implementiert. Hinzu kommt, dass man auch begann das hauptamtliche Personal aufzustocken und Strukturen in den Regionen zu schaffen. Diese Regionalstellen sollten örtliche Stellen unterstützen. Ab 1992 konzentrierte man sich vermehrt auf die Koordination der Aufgaben und politische Bildung sei großgeschrieben worden. Daraus folgte ein gut ausgebautes Netzwerk von Kultur,-Beratungs- und Forschungseinrichtungen, so Wallmann.
Dennoch habe es auch immer wieder Hürden gegeben, beispielsweise in Form von parteipolitischen Blockaden. Diese seien auch dafür verantwortlich, dass hierzulande Politische Bildung als Unterrichtsgegenstand aus den Schulen verschwunden ist. Bisher habe man nur einen Grundsatzerlass bewirkt, es fehle jedoch auch ausgebildeten Lehrkräften, da es in Wien dafür kein Studium gäbe. Die österreichische Gesellschaft für politische Bildung habe es trotz allem geschafft, eine von Parteipolitik befreite Organisation zu bleiben, die sowohl auf Bedürfnisse innerhalb der Erwachsenenbildung wie auch auf gesellschaftspolitische Fragen eingehe und dabei als inhaltlicher Seismograph diene.
Das Paradoxon der politischen Bildung.
Doch worin liegt nun genau das Paradoxon politischer Bildung? Laut Wallmann zeichne sich dieses durch die permanente Spannung zwischen Anpassung und Kritik, Zweckfreiheit und Verwertbarkeit aus. Es sei schwierig sich selbst (partei)politisch zu engagieren und gleichzeitig politische Bildung zu betreiben. Ehrenamtliches Engagement stehe in Opposition zu notwendigen Förderungen. Auch stelle sich immer wieder die Frage, wie staatstragend politische Bildung sein darf. Hierbei verweist Wallmann auf die Wichtigkeit des zivilgesellschaftlichen Aspekts.
Der Wunsch die Welt zu verändern stehe immer einer sich verändernden Welt gegenüber. Dieses Spannungsfeld könne man jedoch produktiv nutzen, da es Möglichkeiten eröffne und zu Diskussionen anregt. Menschen müssen lernen, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und wenn nötig Widerstand zu leisten. Man dürfe nie müde werden, Zusammenhänge zwischen scheinbar objektiven Erkenntnissen und persönlicher Wünsche aufzuzeigen, so Wallmann abschließend.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB): https://www.politischebildung.at/oegpb/bildungsangebot/vortragsreihe/?detail=88070