Beim Reden kommen die Leut z‘amm.

Im Rahmen des „Langen Tags der Flucht“ am 30. September 2016 lud die BIWI-SOLIdee ins Institut für Bildungswissenschaft ein. Bei ungezwungener Atmosphäre wurden Geschichten zum Thema Flucht erzählt und Initiativen zu Migration und Bildung vorgestellt.

G’schichtldruckn, Plaudern und Austauschen.

Ganz nach dem Veranstaltungsmotto „Beim Reden kommen die Leut z’amm“ tauschten sich ungefähr 20 TeilnehmerInnen zu verschiedensten Themen rund um das Thema Flucht und Asyl aus. Die Idee der VeranstalterInnen der BIWI-SOLIdee Initiative war es, gemütlich beisammen zu sitzen und abseits von der Dramatik der gegenwärtigen Ereignisse über das Thema Flucht reden zu können.

Dafür hatten sie bereits vier GeschichtenerzählerInnen eingeladen: In einer Vorstellungsrunde stellte sich Tobias Mindler (Mitarbeiter des Roten Kreuzes) vor, der von seinem Einsatz in sogenannten „Auffanglager“ berichtete. Satar Nezami, der aus Afghanistan flüchten musste, gab eine Anekdote zur Rolle der Frau in seinem Heimatland preis. Shering Kante aus Gambia und Tarek Alaswad aus Syrien luden ein, sich über ihren Alltag in der Heimat auszutauschen.

Als Einstieg zum gemeinsamen G’schichtldruckn mit den TeilnehmerInnen rief Sabine Krause von der BIWI-SOLIdee dazu auf, darüber zu reflektieren, wie man über Sachverhalte (zum Beispiel im Kontext von Flucht und Migration) spreche und mahnte, dass vermeintliche Deutlichkeiten von Wahrheit zu hinterfragen seien. Nach den einführenden Worten teilte sich die Gruppe auf verschiedene Erzähltische auf.

Grenzerfahrungen und zivilgesellschaftliches Engagement.

Am ersten Tisch teilte Tobias Mindler vom Roten Kreuz seine einschneidende Grenzerfahrungen während der großen Fluchtbewegung im letzen Jahr mit dem Publikum und stellte ein daraus entstandenes Buch vor: „Grenzerfahrungen Grenze. Flucht. Bewegung. Rotes Kreuz. Burgenland. 2015“. Daraufhin berichtete Nora Schnabel (Musikprofessorin, die sich für Musiktherapie für Flüchtlingskinder einsetzt) beeindruckt vom Engagement zivilgesellschaftlicher Organisationen und Einzelpersonen und deren Macht, Druck auf politische Institutionen auszuüben. Es folgte eine Debatte über die Ausrichtung der Flüchtlingspolitik, die Fluchthintergründe und den Krieg in Syrien. Dabei waren sich alle einig, dass die Ursachen von Flucht in der Öffentlichkeit oft verkürzt dargestellt werden und die Zusammenhänge mit der Politik der sogenannten „Zielländer“ nicht ausreichend beleuchtet werden.

Ferdinand der Stier sucht einen Zufluchtsort.

An einem weiteren Tisch erzählte Gertraud Kremsner (BIWI-SOLIdee) begeistert von ihrem Lieblings-Kindheitsbuch, welches im entfernten Sinne auch mit Flucht zu tun hat. Das Kinderbuch „Ferdinand der Stier“ handelt von Ferdinand, der einen anderen Weg als seine wilden Brüder, die Wettkampfstiere, einschlagen möchte und seinen Zufluchtsort unter einem Baum sucht. In Verbindung zur Fluchtthematik lässt sich herauslesen, dass Ferdinand den Wunsch nach einem Ort der Behutsamkeit und des Wohlfühlens hegt. Er hat dafür den Mut, gegen den Strom zu schwimmen, um seinem Lebensentwurf nachgehen zu können.

Initiativen zu Bildung, Flucht und Asyl.

In einem weiteren Raum stellten sich drei Initiativen vor, die sich im Bereich Bildung, Flucht und Asyl engagieren. Bei offener Gesprächsatmosphäre ging es darum, sich auszutauschen und zu vernetzen.

Die Initiative „Vielmehr für alle“ präsentierte sich als ein Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe, der sich seit 2012 für Menschenrechte von Geflüchteten einsetzt. Mit ihrem Projekt „Schule für alle“ wird Schulunterricht für geflüchtete Jugendliche organisiert. Veronika Ehm berichtete, dass der Verein mit 32 Jugendlichen startete und nun einen ganzheitlichen Bildungsansatz für 180 geflüchtete Jugendliche, an zwölf öffentlichen Schulen, anbieten kann. Mit einem weiteren Projekt, dem „Café PROSA“, bietet er Ehrenamtlichen zudem die Möglichkeit, Nachhilfeunterricht zu geben. Weiters werden über die Plattform „Flüchtlinge Willkommen Österreich“ Zimmer in Privathaushalten und Wohngemeinschaften an Geflüchtete vermittelt. Mit den „Langen Nächten der Menschenrechte“ wird außerdem ein vielfältiges Kulturprogramm angeboten.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das integrative Weiterbildungsprogramm „More than one perspective (dt.: Mehr als eine Perspektive)“ für geflüchtete AkademikerInnen. Mitgründer Julian Richter stellte fest, dass es viele Bildungsinitiativen für Flüchtlinge gibt, aber bisher wenig für die Integration von voll ausgebildeten AkademikerInnen in den Arbeitsmarkt getan werde. Die Initiative solle deswegen die Vermittlung an Unternehmen erleichtern. Anhand eines Bewerbungsprozesses würden geeignete KandidatInnen ausgewählt, die durch Deutschkurse und Arbeitsmarkt-Workshops bei der Jobsuche und -Vermittlung unterstützt werden.

Schließlich stellte sich noch das Crowdfunding-Projekt „Blickwinkel“ vor. Kreativ gezeichnete Comics sollen für mehr Toleranz und Respekt zum Thema Flucht sorgen. Initiatorin Kathrin Kaisinger erklärte, dass sie viel Energie in das Projekt gesteckt haben, um ihre Comics in Arztpraxen und anderen Orten verteilen zu können, damit man sich wieder mit persönlichen Fluchtgeschichten beschäftige und nicht nur die „Zahlen, Daten und Fakten zu Flüchtlingsströmen“ im Kopf habe.

Flucht und Migration jenseits des hegemonialen Diskurses denken.

Im Ganzen war der „Lange Tag der Flucht“ eine gelungene Initiative, die den lockeren Austausch zum Thema Flucht mit dem Erzählen von Lebensgeschichten und der Vorstellung sozialer Initiativen zu verbinden verstand. Die TeilnehmerInnen wurden dazu angeregt, Flucht und Migration jenseits des hegemonialen Diskurses zu denken und sich mit ihren eigenen Geschichten und Erfahrungen zu vermeintlichen Deutlichkeiten über Flucht und Asyl auszutauschen. 

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Links zu den vorgestellten Initiativen:

– SOLIdee: www.solidee.at

– Vielmehr für alle: www.vielmehr.at

– More than one perspective: www.mtop.at

– Blickwinkel: www.mutzurperspektive.at

 


 

Fotos: Stefanie Beßler © Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.