Agroökologische Lernräume: Bildung von BäuerIn zu BäuerIn.

Im Rahmen der Studierendenkonferenz „In[ter]ventions“ sprach Katrin Aiterwegmair am 13. März über die Ermöglichung partizipativer Lernräume für BäuerInnen in Mexiko und Kuba. Diese Form von agroökologischer Bildung ist Thema des neuen Forschungsprojekts, das sie für das Paulo Freire Zentrum durchführt.Das Forschungsprojekt wird von BäuerInnenorganisationen sowie wissenschaftlichen Institutionen in Mexiko und Kuba und dem Paulo Freire Zentrum getragen und von der österreichischen Kommission für Entwicklungsforschung (KEF) finanziert.

Zunächst stellte die Referentin jedoch die Bezugspunkte ihrer vorangegangen Diplomarbeitsforschung auf Kuba vor. Darin beschäftigte sie sich mit der Frage, wie Bildung auf Kuba auf partizipative Weise von BäuerIn zu BäuerIn weitergegeben wird. Anschließend ging die Vortragende auf das neue Forschungsprojekt ein. So bot die erstmalig durchgeführte Studierendenkonferenz „In[ter]ventions“ Katrin Aiterwegmair und anderen Studierenden erstmals einen Raum, indem sie selbst produziertes Wissen präsentieren, teilen und zur Diskussion stellen konnten.

„Volksbildung“ und „Agrarökologie“ als zentrale Bezugspunkte der Forschung.

„Niemand weiß alles, niemand weiß nichts“. Mit diesem bekannten Zitat von Paulo Freire führte die Referentin in ihr Thema ein und stellte die grundlegenden Ideen einer „Volksbildung“ (Portugiesisch: Educação Popular) des brasilianischen Befreiungspädagogen vor. Die Vortragende verdeutlichte, dass Freire das konventionelle Bildungssystem kritisierte und stattdessen für praxisorientierte, dialogische Lernräume plädierte, in denen sich Lehrende und Lernende auf Augenhöhe begegnen können. So soll Bildung zur Ermächtigung von Benachteiligten und Unterdrückten beitragen. Im Zentrum des Ansatzes stehe eine politische Bewusstseinsbildung, bei der die Lebenswirklichkeit als veränderbar wahrgenommen, kritisch analysiert und hinterfragt werde.

Anschließend setzte die Referentin die Vorstellungen einer Volksbildung mit denen einer „Agroökologie“ in Verbindung. Dabei wurde deutlich, dass Agroökologie einen inter- und transdisziplinären Wissenschaftszweig darstellt, wobei (dem Ansatz Freires sehr ähnlich) lokales Wissen und Wissenschaft verbunden werden sollen. Das bedeutet, dass Wissenschaft für die Anliegen der Bevölkerung praktiziert wird. Darüber hinaus ist mit Agroökologie auch eine landwirtschaftliche Praxis gemeint, in der ökologische Landwirtschaft, basierend auf einem ganzheitlichen Verständnis des Agrarökosystems, verfolgt wird. Als wesentliche AkteurInnen der Agrarökologie wurden sowohl BäuerInnenorganisationen und -bewegungen, wie beispielsweise „La Via Campesina„, Nichtregierungsorganisationen und engagierte WissenschaftlerInnen benannt.

Die Vortragende machte deutlich, dass die beiden Ansätze „Educação Popular“ nach Paulo Freire und „Agroökologie“ zentrale Bezugspunkte für die Forschungsaktivitäten in Mexiko und auf Kuba darstellen.

Partizipative Aktionsforschung und Systematisierung von Erfahrungen als Methodik.

Auf die Präsentation der theoretischen Grundlagen ihrer Diplomarbeit folgte die Darstellung des aktuellen internationalen und transdisziplinären Forschungsprojekts auf Kuba und in Mexiko. Die grundlegenden Methoden dieses Forschungsprojekts, das im April auf Kuba startete, sind „Partizipative Aktionsforschung“ und „Systematisierung von Erfahrungen“. Im Rahmen von partizipativer Aktionsforschung soll Wissen mittels Bildung und Forschung generiert werden, aber auch in Aktionen münden. Mit der Systematisierung von Erfahrungen sollen Erlebnisse und Wissen zusammengetragen, analysiert, reflektiert und kritisch interpretiert werden. Durch deren Rekonstruktion und Strukturierung könne die Logik des erlebten Prozesses sowie die Faktoren, die diesen Prozess beeinflussen, entdeckt und explizit gemacht werden. Letztendlich solle die Systematisierung von Erfahrungen der Weiterentwicklung der bäuerlichen Bildungspraxis dienlich sein.

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Die Vortragende betonte außerdem die Bedeutung einer für diesen Prozess notwendigen Grundhaltung in der Forschung: Diese solle auf den Prinzipien Transdisziplinarität, Dialog und Ermächtigung beruhen. Eine transdisziplinäre wissenschaftliche Herangehensweise orientiere sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft, im Falle der Forschungsarbeit an den Bedürfnissen von BäuerInnen.

Durch Dialog verschiedener AkteurInnen soll es zu einem Austausch zwischen bäuerlichem Erfahrungswissen und wissenschaftlich-theoretischem Wissen kommen. Auf Kuba existiere beispielsweise ein agroökologisches Wissensnetzwerk bestehend aus KleinbäuerInnen, Nichtregierungs- und Regierungsorganisationen sowie WissenschaftlerInnen.

Schließlich sei es das Oberziel der partizipativen, transdisziplinären, dialogischen Forschung, auf diese Weise zur Ermächtigung lokaler AkteurInnen, insbesondere BäuerInnen, beizutragen.

Conclusio: Lernräume ermöglichen!

Als Conclusio ihrer bisherigen Forschungserfahrungen in Mexiko und auf Kuba hob die Referentin schlussendlich auch die Bedeutung von informellen Lernräumen hervor. Beispielhaft nannte Aiterwegmair Lernräume wie Kooperativen, Konferenzen, Workshops oder wechselseitige Hofbesuche. Die Schaffung solcher Lernräume, die Lernen ermöglichen anstatt zu behindern, sei die zentrale Aufgabe von Lehrenden und Forschenden. Mit dem aktuellen Projekt beginne ein Experiment, bei dem Forschung als ein solcher Lernraum gestaltet werden solle.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 

Fotos: Barbara Groß © Paulo Freire Zentrum


 

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