Politische Theaterarbeit mit Augusto Boal

Ein Wochenende, an dem die TeilnehmerInnen erfahren konnten, wie Politisches und Privates ineinander fließen kann. Ein Wochenende voller Reflexionen, erforschten Möglichkeiten und erweiterter Handlungsoptionen. Das war das erste Seminar im Rahmen des Seminarzyklus „Theater in Aktion“ vom 4.-6. Dezember 2015.An diesem Seminar-Wochenende ging es um Augusto Boals Methode des Forumtheaters. Wir versuchten, in einer sehr heterogenen, spiel- und austauschfreudigen Gruppe, erlebte Ungerechtigkeiten szenisch herauszuarbeiten und Wege des Intervenierens zu finden.

Geschützter Rahmen zum Ausprobieren

Als ich am letzen Tag des Seminarwochenendes raus in die kalte und leicht neblige Luft auf den Parkplatz des Seminarorts in Reichenau trat, war ich erfüllt von den Erfahrungen der Vortage, brannte für Boal und sein Forumtheater. Ich wollte auf jeden Fall mehr wissen, mehr lernen und hatte ein innerliches Zufriedenheitsgefühl. Die angenehmen und interessanten Menschen, denen ich in dieser Seminargruppe begegnet war, hatten dieses Wochenende mit so viel Energie ausgefüllt!

Es waren drei sehr intensive und dichte Tage, in denen wir uns in einem warmen und hellen Seminarraum an die möglichen Methoden des Forumtheaters herangetastet haben. In diesem geschützten Rahmen konnten wir einen kleinen Forumtheater-Werkzeugkoffer mit verschiedensten Methoden und Übungen füllen. Für uns alle war es eine Forschungssituation, denn das große Spektrum der Herangehensweisen Boals an politische Arbeit mit Theater haben wir spielerisch und durch viele Erzählungen erfahren. Die Seminarleiterin Birgit Fritz (Autorin, Uni Wien, Theater in Aktion) hat Boals aufregendes Leben in Anekdoten so lebendig erzählt, dass mir Boal und seine Energie und Leidenschaft deutlich vor Augen standen. Wie Kunst, und vor allem Theater, politisch nutzbar gemacht werden kann; die Grenze aufgehoben wird zwischen Handelnden und Zusehenden und alle Beteiligten zu Handlungsmächtigen gemacht werden, das ist das Faszinierende an Boal. Durch das Erproben des Forumtheaters in der Gruppe konnten die Teilnehmenden am eigenen Leib erfahren, wie selbstermächtigend diese Theaterform auf Menschen wirken kann.

Vom Statuentheater zu Interventionen

Es war faszinierend wie, ausgehend von gemeinsam erarbeiteten Standbildern, ein zwei Tage füllender Prozess des szenischen Ausprobierens und der Erfahrung des Intervenierens entstand. Aus Statuentheater wurden Bilder und Geschichten, alle brachten Erlebnisse ein, die sie selbst als ungerecht erlebt, erfahren oder beobachtet haben. Ausgewählt wurden schließlich zwei Themen. Eine Gruppe setzte sich mit der Ausgrenzung einer Person innerhalb des Arbeitsumfelds auseinander. Die andere Gruppe entwickelte eine Szene, in der eine Person eine Lehrerin beobachtete, die ein Kind vor anderen Kindern anbrüllte. Durch die Anwendung verschiedenster, von Boal entwickelter Probetechniken, wandelten sich bereits beim Probieren unsere Herangehensweisen an die Figuren und ihre Körperlichkeiten in unseren Szenen. Vor allem der Rollentausch innerhalb der Gruppen, in dem wir alle uns einmal an die unterdrückte oder die unterdrückende Rolle heranwagten, entwickelte die Figuren weiter.

Der/die JokerIn füllt die wichtige Funktion des Moderierens und Begleitens der in einer Szene intervenierenden Personen aus. Er/sie moderiert das Einsteigen in verschiedene Rollen der Szenen, vor allem jedoch in die Rolle der unterdrückten Figur. So ist es allen Teilnehmenden des Forumtheaters, dem Publikum ebenso wie den Spielenden, möglich, sich an Veränderungen auszuprobieren.

Aktion, Reflexion und Veränderung

Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Forumtheater konnten auch wir uns an diesem Wochenende als aktiv Handelnde erleben, die in diesem sicheren Erlebensraum festgeschriebene Strukturen und Narrative unseres Lebens hinterfragen. Nichts ist unveränderbar und Boals Forumtheater ist eine Option, sich an Veränderungsmöglichkeiten auszuprobieren. Durch die Abwechslung von Aktion und Reflexion wurde mir an diesem Wochenende sehr bewusst, dass auch jene Strukturen, in denen wir uns bewegen, nur von uns verinnerlichte Rollen sind. Interventionstheater macht uns diese Rollen bewusst und zeigt darüber hinaus Möglichkeiten auf, anders zu handeln. Die sehr begeisterungsfähige und aktive Gruppe ging auch in den Reflexionen sehr aufeinander ein. Das gespielte und wahrgenommene wurde besprochen und den Spielenden ein Feedback über die Inhalte und die Form ihrer Szenen gegeben.

Sich aufeinander zu beziehen und die anderen Personen in ihren Bedürfnissen und Herangehensweisen wahrzunehmen, war auch ein wichtiger Bestandteil der Übungen und Reflexionen dieses Wochenendes. Durch Übungen wie die „Kolumbianische Hypnose“, bei der eine Person den Blick nicht von der Hand der/des SpielpartnerIn löst und den Bewegungen mit dem ganzen Körper folgt, wurde die Intensivierung der Wahrnehmung von eigenen und anderen Körpern und Grenzen zur Sinneserfahrung.

Am Ende dieses intensiven Prozesses standen zwei Szenen, die sich aus den oben genannten Ungerechtigekeitserfahrungen entwickelten. Sie problematisierten die Themen Ausgrenzung in einer Gruppe am Arbeitsplatz und Willkür einer erwachsenen Person gegenüber einem Kind. Das Eingreifen und Ausprobieren einer eventuellen Lösung eröffnete neue Handlungsmöglichkeiten für zukünftige Situationen dieser Art. Das Wochenende und der Austausch mit den Leiterinnen und Teilnehmenden haben bei mir Energien freigesetzt und den Wunsch hinterlassen, mich weiter mit Forumtheater zu beschäftigen.

Katharina Fischer ist spielwütig, theatersüchtig und leidenschaftliche Theaterpädagogikstudentin. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at 

Weite Infos zu den nächsten Terminen des Seminarzyklus „Theater in Aktion“ finden Sie hier: https://www.pfz.at/article1756.htm

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