Bildung und Flucht – lässt sich das vereinbaren? Und welche Rolle spielen dabei die Sustainable Development Goals (SDGs)? Dazu luden die Plattform Globale Bildungsgerechtigkeit und das WienXtra am 10. Dezember 2015 zu einer Veranstaltung ein. Begrüßt wurde das rund fünfzigköpfige Publikum im WienXtra – Institut für Freizeitpädagogik von Maria Lettner (BJV) und Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum). Moderatorin des Abends war Johanna Mang (Licht für die Welt).
Flucht und das gelobte Bildungsziel der Sustainable Development Goals (SDGs)
Das Ziel Vier „Quality Education“ der SDGs soll inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle Menschen fördern. Auch Österreich unterzeichnete diese Agenda. Julia Rainer, Österreichische UNO-Jugenddeligierte, versuchte in ihrer Key Note das Ziel 4 mit den Debatten um Bildung auf der Flucht zu verknüpfen. Sie sprach an, dass dieses Ziel den Bildungszugang für alle Menschen, daher auch für Flüchtende und Geflüchtete, ermöglichen will. Rainer wies daraufhin, dass die SDGs beim Thema Bildung einen Schritt weiter gingen als die Millenium Development Goals (MDGs), da sie mehrere Bildungsniveaus umfassen. Aber die Voraussetzungen, um Bildung für alle im Sinne der SDGs zu erreichen, seien in Österreich nicht vorhanden. Der mangelnde Zugang zum Arbeitsmarkt führe zu einem „Ohnmachtsgefühl“, welches der größte Feind der Integration sei. Daher solle Österreich anfangen, sich für die Umsetzung und Erreichung dieses Zieles im Kontext Bildung auf der Flucht ein zu setzen.
Schule ist dort, wo Schule ist!
Terezija Stoisits, Flüchtlingsbeauftragte im Bundesministerium für Bildung und Frauen, sah die größte Herausforderung im Bereich Bildung und Flucht in der folgenden Frage: Wie können unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, für die die Schulpflicht nicht mehr gilt, ins Bildungssystem integriert werden? Das Problem sei, dass sie nach Ablauf der Schulfpflicht aus dem formalen Bildungssystem exkludiert werden, sofern sie nicht auf eine weiterführende Schule kommen oder eine Lehrstelle finden. Von diesem Ausschluss seien gegenwärtig rund 600 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter zwischen 15 und 18 betroffen.
Stoisits, die sich selbst als „Lobbyistin für Flüchtlingskinder“ verstehe, sprach auch an, dass es auch um die Rahmenbedingungen gehe. Ob ein Kind zur Schule gehe, das keine feste Unterkunft hat, sei eine weitere Frage. Für sie sei die Institution Schule ein wichtiger Raum für die genannte Zielgruppe, denn „Schule ist dort, wo Schule ist!“, so die Beamtin. Schule wirke nämlich identitätsstiftend. Dort hätten die geflüchteten Kinder die Möglichkeit, eine Gruppe zu bilden, „wo sie sind, wie alle anderen auch“. Wenn ihnen diese Möglichkeit genommen würde, dann fehle ein „Andockpunkt“, nicht nur für die SchülerInnen, sondern auch für deren Eltern.
Der Podiumsgast Wissam Alhawi, Grafikdesigner und anerkannter Flüchtling aus Syrien, bestätigte, dass nicht mehr schulpflichtigen Flüchtlingen ein Andockpunkt fehle. Als er nach Österreich kam, hatte er kaum Zugang zu Informationen in Bezug auf Bildungsangebote. Obwohl sich dies mittlerweile gebessert habe, wünsche er sich mehr gebündelte Informationen über Bildungsangebote, speziell für geflüchtete Menschen, die man etwa online abrufen könne.
Rassismus im Bildungssystem
PROSA – „Projekt Schule für Alle“ arbeitet im non-formalen Bildungssektor und bietet seit 2012 Pflichtschulabschlüsse und Basisbildungskurse für geflüchtete und flüchtende Menschen an, die im (formalen) Regelschulsystem marginalisiert wurden. Sina Farahmandnia, Geschäftsführer von PROSA, sprach in der Diskussionsrunde zwei wichtige Punkte an: Einerseits müssten wir uns mit dem Schulsystem an sich auseinandersetzen. „Wie kaputt ist ein Schul- und Bildungssystem, in dem Bildung erblich ist?“, fragte Farahmandnia. Arbeiterkinder würden den Weg auf die Universität selten finden. Das Schulsystem prekarisiere also alle Menschen, Geflüchtete genauso wie Nichtgeflüchtete. Daneben sei Rassismus ein ganz zentrales Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen. Hier liege das Problem darin, dass die „Ressourcen“ und sprachlichen Kompetenzen von Menschen nicht als solche erkannt werden. Im Gegenteil: MigrantInnen und Flüchtlingen werden jahrelang gesellschaftlich diskriminiert. Wolle man also ernsthaft über Bildung sprechen, könne die Frage nach (ökonomischer) Gerechtigkeit nicht ausgeklammert werden, so Farahmandnia zusammenfassend.
Konkrete Maßnahmen im Bereich Bildung und Flucht
In der Abschlussrunde hatten die DiskutantInnen die Möglichkeit, ihre konkreten Forderungen und Maßnahmen darzulegen. Wissam Alhawi kritisierte das Problem der Anerkennung von nicht-europäischen (Bildungs-)abschlüssen. Langwierige Anerkennungsprozesse negieren bereits erworbene Bildung. Auch Rainer sprach die Öffnung der Arbeitsmärkte als konkreten nächsten Schritt an, aber auch ihren Wunsch nach mehr Wertschätzung gegenüber den Sprachen geflüchteter Menschen. Laut Farahmandnia müssten als ersten Schritt die Grundbedürfnisse der Menschen gedeckt werden – und dazu brauche es mehr Gelder in dem Bereich. Stoisits Forderung war, Familien aus Notquartieren herauszuholen und alle Gemeinden dazu zu bringen, Flüchtlinge aufzunehmen. In einem zweiten Schritt sollten die Kinder in die Schule gehen, damit sie hier auch ankommen könnten. Drittens müsse darüber nachgedacht werden, wie mit denjenigen umgegangen werde, die nicht mehr der Schulpflicht unterliegen. Abschließend kam Stoisits zum dem Schluss, dass jede und jeder einen Beitrag leisten könne, um Inklusion in unserer Gesellschaft möglich zu machen. Offen bleibe allerdings die Frage, welche konkreten politischen Maßnahmen gesetzt werden müssten, um Bildung auf der Flucht auch im Sinne des Ziel 4 der SDGs gewährleisten zu können.
Aus dem Publikum wurde kritisch auf die SDGs reagiert: Im Kontext von Bildung seien ökonomische und soziale Fragen wichtig. Die SDGs würden immer noch eine bestimmte Zielrichtung vorgeben, die der Logik Leistung-Konsum-Wachstum entsprechen würde. Vor diesem Hintergrund sei es eher zu bezweifeln, dass sich allein durch die Umsetzung der SDGs etwas verbessern würde.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien.Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Die Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“ versteht sich als offener Zusammenschluss österreichischer Organisationen, die sich für Bildungsgerechtigkeit in globaler Perspektive einsetzen. Getragen wird sie derzeit von: Südwind-Agentur, Bundesjugendvertretung, Jugend Eine Welt, Kindernothilfe Österreich, Licht für die Welt, ÖFSE, Paulo Freire Zentrum.
Fotos: Bundesjugendvertretung;