Am 19. November fanden sich rund vierzig Interessierte im C3 – C3ntrum für Internationale Entwicklung ein, um das Konzept der Inklusiven Bildung und das Recht auf Bildung für alle im österreichischen Entwicklungskontext zu diskutieren.Veranstaltet wurde dieser Abend von der Austrian Development Agency (ADA), der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) und der Plattform Globale Bildungsgerechtigkeit. Nach einer Begrüßung der Moderatorin Magarita Langthaler (ÖFSE), führte Florence Migeon, Programmkoordinatorin für Inklusive Bildung bei der UNESCO, in das Konzept der inklusiven Bildung ein.
Das Konzept Inklusive Bildung.
Laut Migeon sei nicht klar, was unter Inklusiver Bildung verstanden werden könne, denn es gebe darüber kein allgemeingültiges Übereinkommen. Was aber klar sei, sei dass es sich dabei um mehr als um Integration handle. In diesem Sinne gehe es um alle Lernenden, denn Inklusion sei ein Prozess, der sich an den Bedürfnissen der SchülerInnen orientiere. Aus diesem Grund – so Migeon – müsse sich das System an die Lernenden anpassen und nicht die Lernenden an das System. Ihrer Ansicht nach müssten daher alle Bildungssysteme überdacht werden. Dabei liege die größte Herausforderung darin, diejenigen zu erreichen, die am meisten marginalisiert sind. Ein weiteres Problem bestehe darin, die Bildungsungleichheiten innerhalb und zwischen den Staaten zu reduzieren. Als Fortschritt im globalen Bildungsdiskurs bezeichnete sie den Ansatz des lebenslangen Lernens, der in den Sustainable Development Goals (SDG’s) unter dem Ziel Nummer vier, Quality Education formuliert ist und im Vergleich zu den Millenium Development Goals (MDG’s) mehrere Bildungsniveaus umfasst. Die SDG’s seien überhaupt ein guter Zeitpunkt für Inklusive Bildung, denn Inklusivität bilde das Herzstück der SDG’s.
Nach diesem Überblick teilte sich das Plenum in zwei Arbeitsgruppen. Die erste, von Margarita Langthaler (ÖFSE) moderierte Gruppe diskutierte nach einem Input von Myriam Hummel vom REFIE-Projekt über die Grenzen und Möglichkeiten der Umsetzung von Inklusiver Bildung auf nationaler Ebene.
Themen der zweiten Arbeitsgruppe waren Behinderung und Sprache als Ausschlussgründe im Kontext der Inklusiven Bildung mit den ReferentInnen Benjamin Bach, Programmkoordinator für Inklusive Bildung bei Licht für die Welt und Gabriele Slezak vom Institut für Afrikawissenschaften (Uni Wien). Den Workshop moderierte Franz Halbartschlager, Bereichsleiter für Bildung bei Südwind.
Arbeitsgruppe 1: Inklusion und Ungleichheit in der Bildung.
Myriam Hummel vom REFIE-Projekt an der Leibniz Universität Hannover betonte die Schwierigkeit, ein dem jeweiligen Kontext entsprechendes nationales Verständnis von inklusiver Bildung aufzubauen. Eine große Herausforderung ergäbe sich aus der fehlenden bzw. mangelhaften Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Ebenen, von den lokalen Schulen, über die regionale Verwaltung bis zur Ministeriums-Ebene. Sie zeichnete aber auch nach, dass in vielen lokalen Zusammenhängen inklusive Bildung bereits stattfinde, wenn eben alle Kinder ungeachtet ihrer Altersunterschiede, Kompetenzen und möglichen Einschränkungen in dieselbe Schule gehen. Freilich werde diese in der Praxis stattfindende Inklusion oft nicht als solche wahrgenommen und daher auch selten als positives Beispiel angesehen, von dem ausgehend Strategien entwickelt werden könnten. Die AG 1 kam u.a. zu dem Schluss, dass Inklusion in der Bildung auch im größeren gesellschaftlichen Zusammenhang von Ungleichheit betrachtet und an diesen rückgebunden werden müsse.
Arbeitsgruppe 2: Exklusion durch Behinderung und Sprache.
Licht für die Welt sei eine NGO, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen weltweit einsetzt. Sie versuche das Bildungssystem so inklusiv wie möglich mit zu gestalten, damit alle Kinder daran teilnehmen können, so Bach. Laut seinen Schätzungen seien rund 20 Millionen Kinder mit Behinderung von Bildungssystemen ausgeschlossen. Wichtig im Kontext der Inklusiven Bildung seien sogenannte „transition classes“, in denen alle Kinder, egal mit welchen (dis-)abilities zusammen lernen und eine Gemeinschaft bilden. In der Praxis ergeben sich aber folgende Schwierigkeiten: Einerseits funktioniere inklusive Bildung nur, wenn andere soziale Systeme, wie etwa das Gesundheitswesen, auch ausgebaut würden. Andererseits werde das Konzept der Inklusiven Bildung immer noch mit Integration verwechselt, obwohl diese Konzepte sich in ihrer Zielsetzung unterscheiden: Während Integration die Teilhabe am bestehenden (Bildungs)System zum Ziel habe, solle Inklusive Bildung das System so verändern, dass auch auf individuelles Lernen eingangen werden kann.
Gabriele Slezak sprach darüber, wie Exklusion und Marginalisierung auf sprachlicher Ebene entstehen: Ausschluss erfolge darüber, dass gewisse sprachliche Standards im Bildungssystem zur Norm gemacht würden und dadurch Menschen, die weniger Zugang zu dieser Sprache haben, exkludiert werden. Dadurch würden aber nicht nur verschiedene Sprachvariationen ausgeschlossen, sondern vor allem die SprecherInnen exkludiert. Während die informelle Kommunikation im Schulkontext durch einen bedürfnisorientierten Einsatz geprägt sei, verstärke die Unterrichtssprache Asymmetrien. Es wäre ein gewisses Niveau notwendig, um am Unterricht teilnehmen zu können, was dazu führe, dass Defizite im Vordergrund stehen. Problematisch sehe sie, dass auf politischer Ebene Sprache nie dasselbe Gewicht wie anderen Formen der Exklusion zugestanden werde, dabei gehe es bei inklusiver Bildung gerade darum, den Unterricht ressourcen- und bedürfnisorientiert zu gestalten.
Auch für Licht für die Welt sei Sprache ein zentrales Thema für ein inklusives Klassenzimmer, betonte Bach. So sei es einerseits für die Kinder eine Herausforderung auf einer Sprache zu lernen, die sie zuhause nicht sprechen und andererseits auch für die LehererInnen schwierig auf einer Fremdsprache unterrichten zu müssen, erläuterte der NGO-Mitarbeiter.
Zusammenschau und Ausblick.
Anschließend fanden sich alle TeilnehmerInnen wieder im Plenum zusammen, um die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen zusammen zu führen. Bach kritisierte, dass ihm in der Diskussion die Frage danach, warum bestimmte Gruppen im schulischen Kontext ausgeschlossen werden fehlte, denn gerade im Bildungssystem sehe man, wie viel eine Gesellschaft an Offenheit und Akzeptanz zulasse. Migeon betonte noch einmal, dass Inklusive Bildung als holistischer Zugang verstanden werden müsse. Daher sei es notwendig, die verschiedenen Diskriminierungsformen gleichzeitig anzugreifen. Weniger optimistische Worte fand Hummel, die mit einem Blick auf die Grundstruktur und gegenwärtige Situation unseres Bildungssystems davor warnte, von Inklusion zu sprechen.
Wie Langthaler in ihren abschließenden Worten festhielt habe der Prozess um Inklusive Bildung erst begonnen. Es sei nötig, das Konzept mit mehr politischem Gehalt zu füllen und sich auch mit offen geblieben Fragen auseinander zu setzen: Inwiefern verstärkt das Bildungssystem soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft oder allgemeiner: Welche Funktion hat Bildung?
Es schien, als gebe es rund um das Thema (Inklusiver) Bildung genügend Diskussionsbedarf. Weitere Veranstaltungen der Plattform Globale Bildungsgerechtigkeit finden Sie hier: https://www.pfz.at/article1792.htm
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und ist Praktikantin am Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Die Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“ versteht sich als offener Zusammenschluss österreichischer Organisationen, die sich für Bildungsgerechtigkeit in globaler Perspektive einsetzen. Getragen wird sie derzeit von: Bundesjugendvertretung, Jugend Eine Welt, Kindernothilfe Österreich, Licht für die Welt, ÖFSE, Paulo Freire Zentrum.
Fotos: ÖFSE, Paulo Freire Zentrum