Robert Bichler, Dozent am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Salzburg, diskutierte in seinem Vortrag am 04.05.2015 im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und Entwicklung“ kritisch die Rolle von E-Learning-Angeboten als Möglichkeit eines egalitären Zugriffs auf Bildung.
Zur Problematik von E-Learning und dem internationalen Bildungshandel.
Der Begriff E-Learning umfasst verschiedene Formen des digitalen Lehrens und Lernens. TeilnehmerInnen von Lehrveranstaltungen haben damit zum Beispiel Zugang zu Lerninhalten über online-Plattformen. Aber auch Hausübungen oder Abschlussarbeiten können von den Studierenden auf die Plattformen geladen werden. Die Grundidee, einen erleichterten Massenzugang zu Bildung, erfülle die derzeitige Form des E-Learnings jedoch nicht. Im Gegenteil, E-Learning gelte als Beispiel für die grundlegende Durchdringung des Bildungssektors durch die neoliberale Ideologie, so Bichler. E-Learning sei der Marktplatz für den Handel mit dem Konsumgut Bildung. Doch wie bei allen Handelsbeziehungen sei auch in diesem Fall die Machtfrage nicht irrelevant: Wer profitiert von E-Learning und wer wird ausgeschlossen?
Eine weitere Tendenz in Richtung neoliberaler Ausrichtung des Bildungssektors sei die zunehmende Verstrickung zwischen Wirtschafts- und Bildungssektor. Dadurch, dass die öffentlichen Gelder immer weiter gekürzt werden, entstünde Druck seitens der Bildungseinrichtungen, Drittmittel aus Forschungsfonds oder der Privatwirtschaft anzunehmen. So verwachsen Bildung und Wirtschaft mehr und mehr. In Österreich beispielhaft dafür sei die Zusammenlegung von Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium.
Die Globalisierung von Bildung
Im Zuge der Globalisierung lasse sich laut Bichler eine stark voranschreitende Ökonomisierung des akademischen Betriebs feststellen. Diese fortschreitende Kommerzialisierung zeige sich anhand von drei Phänomenen. Erstens der Internationalisierung, die sich aus der zunehmenden Mobilität sowie der Etablierung internationaler Standards ergebe. Zweitens in der Liberalisierung des Bildungssektors und damit einhergehender Abgabe staatlicher Verantwortung an private Anbieter und der Wahrnehmungsverschiebung, Bildung nunmehr als individuelle Investition zu verstehen. Drittens in der Ökonomisierung, die sich aus dem Handel mit Bildung ergebe, sowie der damit verbundenen „Einführung von Marktmechanismen in nicht-kommerzielle Systeme“.
Bichler verwies auf die World Trade Organization (WTO) als eine Institution, die Barrieren zu ebnen versuche, um auch Dienstleistungen des Bildungssektors international handelbar zu machen. E-Learning, Mobilitätsprogramme (z.B. Erasmus, Joint Study, AISEC etc.), die Anerkennung von ausländischen Zeugnissen im Zuge der Bologna-Reform und bilateraler Abkommen sowie die Internationalisierung durch Gastprofessuren zeugten von einer Entwicklung, die profitorientiert sei. Deren Profiteure seien eindeutig privilegierte StudentInnen aus den Industrienationen, da zahlkräftige Studierende hauptsächlich aus Europa, Amerika und Australien kommen oder dorthin gehen. Studierende aus dem globalen Süden hätten gar nicht die finanziellen Mittel, um an dieser neuen Form der Mobilität teilzuhaben.
Kann E-Learning die Lösung sein?
Das E-Learning nehme in diesem Prozess eine besondere Rolle ein, meinte Bichler, da es die Möglichkeit suggeriere, Bildung für alle und überall zugänglich zu machen. Die Frage, ob das E-Learning die Lücken, besonders zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern schließen könne, müsse von mehreren Seiten betrachtet werden.
Dazu erklärte Bichler die Begriffe Digital Divide 1.0 und 2.0 als zwei Formen der Diskriminierung in Bezug auf E-Learning. Unter ersterem verstehe man vor allem den Zugang zur benötigten Technik, um E-Learning-Programme nutzen zu können. Probleme stellen die in vielen Entwicklungsländern mangelhaften Telekommunikationsverbindungen (vor allem Breitband-Internet), die zu teure bis unerschwingliche Hardware und die hohen Kosten für Internet-Dienste dar. Unter dem Stichwort Digital Divide 2.0 sei besonders das fehlende Wissen in Bezug auf digitale Dienste, auch aufgrund des niedrigen Bildungsniveaus zusammengefasst.
Nur eine moderne Form der Kolonialisierung?
Zu beobachten sei auch ein sogenannter „Rich get richer“-Effekt, denn das E-Learning begünstige die Industrieländer als Exporteure von Technik und Lernprogrammen und die bereits bestehenden Eliten in den Entwicklungsländern. Dies führe letztlich dazu, dass die Kluft innerhalb der Gesellschaft in den Entwicklungsländern immer größer werde, während die Kluft zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern bestehen bleibe oder sich gar vergrößere. Industrieländer schreiten immer weiter auf dem Pfad der „Bildungswirschaftlichkeit“.
Bichler bemängelte vor allem die fehlende Augenhöhe; ein egalitärer Zugang bleibe Utopie, solange die Rahmenbedingungen sich nicht änderten, also die zwei Formen des Digital Devide gelöst würden. Auch der kulturelle Kontext müsse höchste Priorität haben; Zielvorstellungen von Bildung müssten an die lokalen Gegebenheiten und nationalen Strategien angepasst werden. Nur dann könne E-Learning einen egalitären Zugang zu Bildung ermöglichen.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Verwendete Literatur:
Bichler, R
obert M./ Luger, Kurt (2015): Lernen virtuell. Ermöglicht das Internet den Massenkonsum von Bildung? Zur Problematik von E-Learning und dem internationalen Bildungshandel. 188-205. In: Faschingeder, Gerald; Kolland, Franz u.a. (Hg.,2015): Bildung und ungleiche Entwicklung. Globale Konvergenzen & Divergenzen in der Bildungswelt. Wien.
Infos zum Buch: https://www.mattersburgerkreis.at/hsk/index.php
Langthaler, Margarita/ Scharer, Veronika (2005): Bildungsökonomisierung in den Entwicklungsländern. Formen, Auswirkungen und Implikationen für die Bildungszusammenarbeit. ÖFSE-Working Paper 6. Wien.