650-Jahre Uni Wien: Wettbewerbs-Zirkus am Campus-Festival

Ein Kommentar.

Die Universität Wien im Prüfungsmonat: Seit fast zehn Jahren bin ich Teil eines Treibens, das ich den Junifluch nenne. Apathisch, lustlos und getrieben laufen wir Studierende wie Zombies unseren ECTS-Punkten hinterher.Rien ne va plus – inhaltlich geht im Juni nichts mehr, Prüfungen laufen im Schnellfeuer an einem vorüber, die Woche darauf ist das Semester Geschichte. Heuer ist etwas anders: Mitten im Prüfungsmonat tagt ein Wettbewerbs-Zirkus an der Universität, der mir meine Zukunft weißsagen möchte.

Überlegungen zum Campus-Festival.

Zeltstädte erwachsen am Campus und in den Höfen der Alma Mater. Anlässlich zu ihrem 650-jährigen Jubiläum lädt die Universität Wien die verschiedenen Institute zur bunten Nabelschau. Im Vorbeigehen beobachte ich die farbenreich aufgemachten Ständchen. Ganz im Sinne der ausgeklügelten Werbestrategie einer Public Relations-Abteilung erinnert mich das Campus-Festival an ein kraftvolles Inserat zur In-Wert-Setzung kulturellen Kapitals. Ich schlendere dieser Tage über den Arkadenhof der Universität Wien, dem Nukleus akademischen Denkens Österreichs, und betrete das Hauptzelt dieses Schauspiels. Im Inneren finde ich mich in einer mir unbekannten Atmosphäre wieder: Lieblos aufgestellte Linoleum-Sofas, ein kleines Podium, Plastik-Rattan-Möbel, die Seitenwände vollgezimmert mit diversen Firmenlogos und etlichen Werbe-Standarten, deren Sujets zumeist telefonierende junge Menschen in Nadelstreif-Anzügen zeigen. An den Ecken des Zeltes stehen Pinnwände, die – in freilich frischer, bunter Manier – Job-Optionen für sämtliche Studienrichtungen versprechen: Key-Account-Manager, Statistican, Export-Manager, Data-Science-Specialist, Junior Strategic Buyer, Quality Control Manager, Organization & Leadership Development Specialist etc.

Möchte mir dieser Mikro-Times-Square sagen, dass mein kulturelles Kapital bereitwillige Abnehmer finden würde? Was steckt hinter der Fassade dieser New-Economy-Jobs, die ständig Flexibilität und Kreativität einfordern und Selbstverwirklichung versprechen? Welche Geschichte hätte mir der junge Mann zu erzählen, würde er aus dem Sujet steigen und neben mir auf dem Linoleum-Sofa Platz nehmen? Selbstverständlich könnte er zufrieden sein mit einem Leben in dieser „schönen neuen Welt“. Allerdings wäre es genauso gut möglich, dass der Nadelstreif-Anzug, die weißen Zähne und der energische Blick voller Tatendrang lediglich eine Maske darstellen. Möglicherweise würde er mir von seinen durchgearbeiteten Nächten berichten, dass er nach Mitternacht noch Anrufe zu beantworten habe, dass er dennoch Probleme habe, seine Miete pünktlich zu bezahlen, dass er Tabletten zum Aufstehen und Schlafen nehmen müsse, dass er Angst vor sogenannten Teamsitzungen habe und dass seine einzige Freizeit im Leben das allmorgendliche Joggen im Schloss Schönbrunn darstelle. Vielleicht würde er mir flüstern, dass er sich in den Protagonisten von Kathrin Rögglas Roman „wir schlafen nicht“ wiederfände und dass die Probleme dieser New Economy keineswegs eine Erscheinung der 1990er-Jahre seien, sondern sich zusehends verschärfen.

Das Werbesujet im Zelt des Campus-Festivals starrt mich aber schweigend an. Denn für die Schattenseiten und Gefahren des akademischen Leistungsdünkels ist kein Platz auf diesen bunten Plakaten. Im Zentrum der österreichischen akademischen Landschaft tagt ein farbenreicher, greller Wettbewerbs-Zirkus, der die Studierenden aufruft, ihr eingelagertes Wissen in Kapital umzusetzen. Ganz im Sinne akademischer Selbstvermarktung hält mich das Campus-Festival irgendwie dazu an, weiter wie ein Zombie ECTS-Punkten nachzulaufen. Es suggeriert mir, dass die Aneignung von Humankapital der tiefere Sinn akademischer Tätigkeit sei. Irgendwann mache sich die apathische Arbeit bezahlt: Mit Nadelstreif-Anzug, strahlend weißen Zähnen und einem Smartphone locker am Ohr hängend.

Wir müssen diese Versprechen anzweifeln und wir sollten uns gegen die Dogmen der Leistungsgesellschaft zur Wehr setzen, etwa indem wir uns weigern, wie Untote ECTS-Punkten nachzulaufen. Ich möchte kein Zombie mehr sein.



Der Autor ist Mitarbeiter des Wiener Verlags Promedia. Er schreibt regelmäßig auf https://www.shabka.org/ Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at 

Zum Weiterlesen:

Röggla, Kathrin (2004): wir schlafen nicht. Roman. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.