Christoph Reinprecht, Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien, sprach im Rahmen der Ringvorlesung „Bildung und Entwicklung“ am 11. Mai 2015 über das Thema Migration als Bildungsprozess und die Bedeutung von Bildung für Migration.Migration sei kein Ereignis, das von A nach B verlaufe, sondern müsse vielmehr als Prozess, der über mehrere Generationen andauert, gesehen werden. Deshalb sprach Reinprecht in seinem Vortrag über die Bedeutung und die Auswirkungen von Migration auf die zweite Generation. Im Fokus seines Vortrages stellte er die Frage, welche Rolle Bildung bei der Integration spiele.
Migration als doppelte Kapitalanlage
Reinprecht griff Bourdieus Ansatz der Kapitalarten auf, um die Bildungschancen der zweiten Generation zu untersuchen: In Hinblick auf die Frage des Generationenwandels spiele insbesondere das kulturelle Kapital eine große Rolle. Dieses lasse sich in institutionelles sowie verinnerlichtes bzw. sozialisiertes kulturelles Kapital unterteilen. Institutionelles kulturelles Kapital seien ökonomische Titel, Bildungstitel bzw. Berufsabschlüsse, wohingegen verinnerlichtes/sozialisiertes kulturelles Kapital Religion sowie Tradition meine. Das kulturelle Kapital sei in der soziologischen Ungleichheitsforschung eine zentrale Variable zur Messung von (Bildungs-)Mobilität. Die traditionelle Migrationsforschung beschäftige sich mit der Frage, welches Bildungskapital Kinder von MigrantInnen, also die zweite Generation, erreichen können. Ist es ihnen möglich, ein höheres kulturelles Kapital als die Eltern zu erlangen und wenn ja, was können sie damit auf dem Arbeitsmarkt anfangen? Zur Beantwortung dieser Fragen komme das verinnerlichte kulturelle Kapital zum Einsatz, über welches MigrantInnen aufgrund ihrer Herkunft verfügen. Diese Ressource, über eine bestimmte Weltansicht, über bestimmte Fertigkeiten und Kenntnisse aus einem spezifischen Milieu zu verfügen, sei unterschiedlich einsetzbar.
Rolle der Bildung bei der Integration
MigrantInnen müssten über ausreichende Bildungsressourcen verfügen, um Migration erfolgreich gestalten zu können. Je höher die Bildung, also das kulturelle Kapital eines Menschen, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein gedachtes Projekt, in dem Fall Migration, tatsächlich realisiert werde. Somit sei Bildung zwar einerseits höchst relevant, um Migration zu realisieren, andererseits müsse klar sein, dass Migration auch immer einen Ressourcenverlust beinhalte. Aufgrund der Logik des Arbeitsmarktes, könne Migration leider häufig auch das Risiko der Dequalifizierung bzw. der Titeldegradierung bedeuten.
Diverse Realität der Migration
Da der Wunsch nach hochqualifizierter Zuwanderung in den letzten Jahren gestiegen sei, rückte die Wertigkeit von Bildung mehr und mehr in den Mittelpunkt. Obwohl Migration mit weniger Bildungsressourcen schwierig sei, gebe es auch bei MigrantInnen bildungsnähere und –fernere Gruppen. Heutzutage sei Migration ein staatlich regulierter Prozess, der durch Bildungsressourcen, wie beispielsweise Sprachkompetenzen, gesteuert werde. Somit haben hochqualifizierte MigrantInnen überproportional gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da das Humankapital unbedingt im Zielland gehalten werden soll.
Diversifizierung von Migration
50 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen der österreichischen Regierung mit der Türkei habe Migration ihre Form verändert und eine neue Dynamik erreicht. Besonderes Merkmal hierbei sei nicht nur die Diversifizierung, sondern die Abkehr vom klassischen Modell der Migration – Assimilation und Integration – hin zu einem transnational-turn. Migration geschehe nicht mehr unilinear bzw. unidirektional, sondern transnational. Die Beziehungen zum vorherigen Leben werden nicht vollständig abgeschnitten, sondern bestehen dank der globalisierten Welt weiter. Dieser transnational-turn bringe auch den Begriff der Bildung wieder in den Vordergrund. Migration selbst werde zum Bildungsprozess, der nicht dann beendet sei, wenn ich an Punkt B ankomme, sondern darüber hinaus weiter gehe. Migration werde zur Erfahrung und Relevanz für das soziale Leben. Dadurch entstehen Intergenerationsdynamiken sowie hybride Identitäten. Somit bekomme auch Bildung eine generationsübergreifende Wirkung.
ENTER – Projekt der Erwachsenenbildung
Zum Ende seines Vortrags sprach Reinprecht noch über ein Projekt, das er mit einer Kollegin (Gülay Ates) in Einrichtungen für Erwachsenenbildung von MigrantInnen in mehreren europäischen Städten durchgeführt hatte. Reinprecht und Ates wollten herausfinden, inwiefern Bildungsbedürfnisse mit dem Bildungsangebot übereinstimmen. Sie betrachteten, welche Personen überhaupt an Bildungsangeboten teilnahmen, was ihre Bildungsinteressen sind (nicht nur berufsbezogenen, sondern vor allem kulturelle und soziale) und wie zufrieden die TeilnehmerInnen mit dem Bildungsangebot waren. Da Bildungsbedürfnisse viel mit den eigenen Lebensbereichen zu tun haben, galt es aufzudecken, wo es Diskrepanzen zwischen Relevanz und Erfüllung gibt, um so herauszufinden, wo effektive Bildungsarbeit ansetzen muss. Die Ergebnisse der Studie hätten gezeigt, dass ein ausgeprägtes Interesse an der Teilhabe und an den Angeboten der Erwachsenenbildung bestand. Die Offenheit und Zugänglichkeit, institutionelle, sowie eine Reihe von individuellen Barrieren beeinflussten die Motivation und Teilhabe an Bildungsangeboten.
Abschließend sei festzuhalten, dass der soziale Wandel eine wissensbasierte, postethnische Migrationsgesellschaft hervorgebracht habe. Obwohl unsere Gesellschaft Wanderung zum Überleben brauche, seien die Erwartungen an MigrantInnen enorm gestiegen. Bildung und lebenslanges Lernen werde somit zur Anforderung der Gesellschaft an sich selbst. Wissen gelte als Produktivkraft, das kulturelle Kapital, sowohl das institutionelle als auch das sozialisierte, entscheide über die Platzierung am Arbeitsmarkt und somit sei Bildung längst nicht mehr nur an Titeln festzumachen, sondern gelte als Gestaltungsprozess des eigenen Lebens.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at