Aus Erfahrung klug werden

“Systematisierung von Erfahrungen” mag in seiner deutschen Übersetzung sperrig klingen (original: Sistematización de Experiencias), sein von der lateinamerikanischen Befreiungspädagogik geprägtes Grundkonzept ist aber recht einfach erklärt: Kollektives Lernen von der eigenen Praxis und für die eigene Praxis.Eine theoretische und praktische Einführung zur Systematisierung von Erfahrungen mit Selbstorganisation in der Stadt boten Elisabeth Schmid und Petra Herout am 15. Juni im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung an. Die Veranstaltung mit dem Titel Aus Erfahrung klug werden war ein Kick-Off für eine fünfteilige Workshop-Reihe und wurde von Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) und Philip Taucher (Grüne Bildungswerkstatt) moderiert. Das Paulo Freire Zentrum und die Grüne Bildungswerkstatt Wien luden damit ein, die alternative Lernmethode aus Lateinamerika in der Praxis kennenzulernen.

“Tun, was wir wissen und wissen, was wir tun”

 – so beschrieben die Referentinnen Elisabeth Schmid und Petra Herout das Grundprinzip der Systematisierung von Erfahrungen. Die Lern- und Forschungsmethode, die auf der Verbindung von Denken und Handeln beruht, hatten sie in ihrer Tätigkeit bei Horizont 3000 in Lateinamerika kennengelernt, wo sie in sozialen Bewegungen und in der NGO-Szene sehr bekannt ist. Systematisierung von Erfahrungen sei ein Prozess der gemeinsamen Reflexion, Dokumentation, Interpretation und Analyse einer Erfahrung, um diese besser verstehen zu können und in Folge auch Praxen zu verändern, so Schmid. Die Erfahrung, die systematisiert werden kann, sei ein zeitlich und räumlich begrenzter Ausschnitt aus der Realität, wie etwa eine Aktion oder ein Projekt, den eine Gruppe von Menschen erlebt hat.

Schmid betonte, dass Systematisierung von Erfahrungen eine Methode aus der Praxis und für die Praxis sei und sich daher sehr unterschiedlich gestalten kann. Dennoch stellte sie einige Grundsätze vor, die bei der Durchführung solch eines kollektiven Lernprozesses essentiell sind. Gemäß der Educación Popular basiere er auf der Annahme, dass es kein absolutes, objektives Wissen “im luftleeren Raum” gibt. Subjektivität und Betroffenheit stellen gemeinsam mit der Kollektivität wesentliche Grundpfeiler dar, wobei die kollektive Bearbeitung wiederum das subjektive Erfahrungswissen “objektiviere”.

Die Perspektivenvielfalt sei essentiell in der Systematisierung von Erfahrungen, weil sie die vielen unterschiedlichen Facetten der rekonstruierten Geschichte sichtbar und in Folge interpretierbar mache. Besonders die kritische Reflexion und Analyse sowie die Frage nach Veränderung nähren sich von der kollektiven Kreativität. Als essentiell für den partizipativen Lernprozess nannte Schmid ein Team von FacilitatorInnen, das diesen organisiere, moderiere, dokumentiere, und vor allem, einen respektvollen und demokratischen Raum gestalte, der gleichberechtigte Partizipation ermöglicht.

Erfahrungen (mit-)teilen

Petra Herout ergänzte die theoretische Einführung Schmids mit Illustrationen aus der Praxis von Horizont 3000. In der Wissensmanagement-Abteilung Know How 3000, wo sie tätig ist, sei die Systematisierung von Erfahrungen eine angesehene Methode, die nicht nur das Voneinanderlernen innerhalb eines Projekts, sondern auch in der gesamten Organisation forciere. Statt in jedem Projekt das Rad neu erfinden zu müssen, könne dadurch auf ähnliche Erfahrungen zurückgegriffen werden, sofern diese Vergleiche zuließen, denn wirklich übertragbar sei das Erfahrungswissen nicht, wie Schmid bereits betont hatte.

Herout führte unter anderem das Beispiel einer landwirtschaftlichen Kooperative in Uganda an, die Bananen und Cassava biologisch produziert. Während die ökologische Produktion bei den Bananen gut funktioniere, scheitere sie bei den Cassava-Wurzeln. Eine Systematisierung der Erfahrungen ermögliche die kritische Gesamtbetrachtung, die auch soziale und politische Kontexte inkludiert, und frage genau nach, warum was wie passiert ist. Im Gegensatz zu einer Evaluierung, die nur überprüft, ob gesetzte Ziele erreicht wurden, sei die Systematisierung also ein ganzheitlicher individueller und kollektiver Lernprozess. Als besonderen Erfolg wertete Herout, dass Horizont 3000 die Methode der Systematisierung von Erfahrungen von ihrem lateinamerikanischen Mutterland nach Afrika gebracht habe. In Europa hingegen sei sie noch weitgehend unbekannt.

Die Systematisierung von Erfahrungen in die Praxis bringen

Um die Methode Systematisierung von Erfahrungen auch in Österreich erlebbar zu machen, bieten das Paulo Freire Zentrum in Kooperation mit der Grünen Bildungswerkstatt eine fünfteilige Workshop-Reihe an. Sie richtet sich an politisch aktive Kollektive in Wien, die sich im Themenfeld Selbstorganisation und Repräsentation in der Stadt bewegen und lernen wollen, wie sie von und für ihre Praxis lernen können.

Im Anschluss an die Vorträge lud Philip Taucher von der Grünen Bildungswerkstatt zur Partizipation in “Bienenkörben” ein, wo der Input verdaut und für die eigene Praxis konkretisiert werden konnte. Die Teilnehmenden tauschten sich über den Umgang mit Erfahrungswissen in ihren Tätigkeitsfeldern aus und diskutierten unter anderem, was die Umsetzung der Systematisierung von Erfahrungen böte und bräuchte.

Eine fixe Gruppe hat sich an diesem Abend noch nicht gebildet, aber bis zum Folgetreffen am Montag, 6. Juli 2015 zeigte sich deutliches Interesse von den Food Coops in Wien. Die vielseitigen Erfahrungen mit selbstorganisierter Ernährungssouveränität in Wien bergen viele Erkenntnisse und Lektionen, die in dem kollektiven Lernraum eine Bühne finden und der Weiterentwicklung der ernährungssouveränen Praxen dienen können. Interessierte, die sich mit der Thematik aktiv beschäftigen, sind daher herzlich eingeladen, sich an dem Systematisierungsprozess zu beteiligen und mit dem Paulo Freire Zentrum in Kontakt zu treten!

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums. Reaktionen bitten an redaktion@pfz.at  

Links:

– Zum Heft Nr. 12, Aktion&Reflexion, „Verstehen, was wir tun. Systematisierung von Erfahrungen als partizipativer Lernprozess“: https://www.pfz.at/list77.htm

– Zur Veranstaltung: https://www.pfz.at/article1738.htm

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