Mit 1. Juni verabschiedete sich mit Helmuth Hartmeyer ein Pionier Globalen Lernens in die Pension. Zeit um Bilanz zu ziehen und über die Herausforderungen entwicklungspolitischer Bildungsarbeit in Zeiten der Krise zu diskutieren. Am 28. Mai 2015 luden elf entwicklungspolitische Organisationen im Rahmen der Reihe “Bildung im C3ntrum” zu einer Veranstaltung für den Jungpensionisten. Neben Lob und Dank sollte es auch ein Abend der Reflexion, der Rück- und Ausblicke werden. Helmuth Hartmeyer hat die entwicklungspolitische Landschaft Österreichs in den letzten drei Jahrzehnten wesentlich mitgestaltet. Als Verantwortlicher für Bildungs- und Kommunikationsarbeit der staatlichen Entwicklungsagentur ADA bildete er zuletzt eine wichtige Andockstelle für zivilgesellschaftliche Organisationen in der öffentlichen Verwaltung. Entsprechend groß war das Interesse: Rund 100 Personen hatten sich zu diesem “Maturatreffen der entwicklungspolitischen Community”, wie es Georg Lennkh, ehemaliger Leiter der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (EZA) bezeichnete, im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung eingefunden.
Bildung für die Transformation.
Zunächst präsentierte Klaus Seitz von “Brot für die Welt” seine Vorstellungen einer “transformativen Bildung”. Er ging dabei von Zitaten aus Helmuth Hartmeyers Publikationen für ein “Globales Lernen” aus, das die eigene Verwobenheit in globale Zusammenhänge reflektiere und so nationalstaatliche Engführungen gängiger Bildungspraxen aufbreche. Doch gelte es auch dieses Konzept stets einer sich permanent verändernden Welt anzupassen. “Globales Lernen muss sich heute als transformative Bildung verstehen” forderte Seitz. Klimawandel und globale Ungleichheiten machten deutlich, dass der fossile Kapitalismus an seine Grenzen stoße und die Privilegien der Zentren nicht für alle Menschen universalisierbar seien. Die Welt befinde sich in einer Systemkrise, die nicht durch rein technische Optimierungen zu überwinden sei. Es brauche daher strukturelle Transformationen – auch auf Ebene der Wert- und Geisteshaltungen. Denn die instrumentalistische Machbarkeits- und Wachstumslogik, auf der unsere Zivilisation basiere, sei gescheitert. Doch könne der nötige Systemwandel nicht einfach pädagogisch “verordnet” werden. Bildung müsse vielmehr Möglichkeiten bieten, um in Alternativen zu denken und zu handeln und die Menschen dazu befähigen, gesellschaftliche Entwicklungsziele zu problematisieren und gemeinsam neu zu definieren.
Die Frage nach dem Sinn.
Anschließend wurden diese Denkanstöße in einer Podiumsdiskussion weitergesponnen. Der Religionspädagoge Martin Jäggle von der Universität Wien warnte davor, Erziehung als Hebel für den ersehnten Systemwandel zu instrumentalisieren. Bildung könne bestehende Sichtweisen und Verhaltensmuster hinterfragen, darüber hinaus brauche es aber breitere ethische Grundorientierungen. “Ohne Träume, ohne Sehnsüchte, enden wir letzlich alle in blinder Geschäftigkeit”, argumentierte Jäggle. Der Impuls und Antrieb gesellschaftlicher Veränderung entstehe nicht durch rationale Analyse, sondern liege in kulturell-mythologischen Sinnstiftungen und der Freude am Leben. Religionen etwa böten mit ihren Visionen vom guten Leben solche Quellen der Erneuerung. Andererseits führe es geradewegs zu Gewalt und Unterdrückung, wenn versucht werde, diese Vorstellung anderen Menschen aufzuzwingen. In diesem Sinne brauche es Bildung für ein gutes Leben für alle. Schule müsse zur gesellschaftlichen Zukunftswerkstatt werden, in der bestehende Sichtweisen auf den Kopf gestellt und mit Utopien und neuen Modellen experimentiert werden könne.
Foto: Martin Jäggle, Petra Dannecker, Kurt Luger, Gerald Faschingeder; © Paulo Freire Zentrum
Eine Welt – eine Bildung?
Petra Dannecker, Leiterin des Instituts für Internationale Entwicklung an der Universität Wien, mahnte bei allem Nachdenken über die Zukunft die gegenwärtige Realität nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn die dominanten Leitlinien der globalen Bildungspolitik laufen den hier vorgeschlagenen Alternativen diametral entgegen. Für die geforderte Vielfalt einer emanzipatorischen Lehrpraxis, die die spezifischen Lebensrealitäten, Sichtweisen und Bedürfnisse der Lernenden ernst nehme, sei in Zeiten der allseitigen Ökonomisierung kaum Platz. Stattdessen würden einheitlich messbare Lernziele und andere Standardisierungsmaßnahmen Bildung immer mehr in ein Instrument globaler Gleichschaltung für den wirtschaftlichen Wettbewerb verwandeln.
Mediale Alphabetisierung.
Kurt Luger, Professor für transkulturelle Kommunikation an der Universität Salzburg, thematisierte den kommunikationstechnologischen Wandel der letzten Jahrzehnte. Die oft behauptete demokratisierende Kraft von Internet und Social Media wollte er allerdings nicht so recht erkennen. Vielmehr würden viele Menschen heute in einer Medienflut versinken, deren Hintergründe und Konsequenzen sie nicht verstehen. “Im digitalen Netzwerkkapitalismus werden wir alle zu gläsernen Menschen, doch niemand wehrt sich dagegen.” Die neuen Kommunikationsmittel hätten kapitalistische Verwertungslogiken nur vertieft. So wie frühere technologische Innovationen, können aber auch diese für emanzipatorische Anliegen genutzt werden. Kritische Bildungsarbeit müsse derartige Entwicklungen mitvollziehen und die Welt unter veränderten Bedingungen neu lesen lehren, um die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln zurückzugewinnen.
Bildung statt PR.
Abschließend warf Helmuth Hartmeyer einen Blick zurück auf seine wechselvolle berufliche Laufbahn. In dieser Zeit habe er die Vielfalt der entwicklungspolitischen Landschaft in Österreich kennengelernt. Eine Vielfalt, die es weiterhin zu schützen gelte, denn “EZA aus einem Guss”, wie sie manch PolitikerIn vorschwebe, werde der Komplexität der einen Welt nicht gerecht. Entwicklungspolitische Bildung dürfe nicht auf Öffentlichkeits- und Informationsarbeit über den sogenannten “Globalen Süden” und die “Wohltaten” der EZA reduziert werden, sondern müsse Menschen zu kritischem und global vernetztem Denken anregen
Der Autor studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at