Das Jahr 2015 ist ein Schlüsseljahr in der internationalen Bildungspolitik. Denn im September werden die seit 2000 gültigen Richtlinien der Education for All-Initiative (EFA) und der Millenium Development Goals (MDGs) im Rahmen der sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) abgelöst. Über die Bedeutung dieser Prozesse diskutierten am 27. April 2015 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis. Der Soziologe Xavier Bonal von der Universitat Autónoma in Barcelona, Nafisa Baboo, Beraterin für inklusive Bildung bei Licht für die Welt, Pier Paolo Pasqualoni von der Universität Klagenfurt sowie Lydia Walter von der Bundesjugendvertretung legten ihre Sicht zu aktuellen Umbrüchen in der globalen Bildungsarchitektur dar. Rund 80 Interessierte waren der Einladung der Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“ gefolgt.
Vom Sein und Werden der globalen Bildungsarchitektur.
Zunächst skizzierte Xavier Bonal die wechselhaften Konjunkturen, Interessen und Machtverhältnisse in der internationalen Bildungsdebatte der letzten 30 Jahre. Wurde das Feld lange Zeit von der Weltbank dominiert, so habe im Laufe der 1990er Jahre eine Reihe neuer Akteure – Nationalstaaten, Privatunternehmen, internationale Organisationen aber auch zivilgesellschaftliche Initiativen – an Einfluss gewonnen. Aus dieser heterogenen Konstellation seien die EFA- und MDG-Abkommen des Jahres 2000 hervorgegangen, in denen sich die internationale Staatengemeinschaft dazu verpflichtet habe, allen Kindern weltweit Zugang zu Grundschulbildung zu verschaffen. Doch obwohl gesellschaftliche Randgruppen auch heute von qualitativ hochwertigen Schulen und weiterführenden Bildungsangeboten häufig ausgeschlossen bleiben, spiele diese Zielsetzung in den Vorschlägen für die SDGs keine große Rolle mehr. “Statt darüber nachzudenken, warum sie ihre Hausaufgaben nicht geschafft haben, scheinen Nationalstaaten und internationale Organisationen beschlossen zu haben, einfach die Aufgabenstellung zu ändern”, konstatierte Bonal.
Allheilmittel Bildung?
Die neuen Richtlinien sprechen nunmehr weniger von Zugang als von abstrakten Lernergebnissen – Kernkompetenzen für eine nachhaltige und friedliche Entwicklung – die es sicherzustellen gelte. Dem liegen, so Bonal, vor allem polit-ökonomische Verschiebungen zugrunde. In der globalisierten Wissensgesellschaft werde Bildung zur Schlüsselressource und somit zur begehrten Ware. Persönliche Berufschancen und nationale Wettbewerbsfähigkeit forderten immer höhere und immer neue Qualifikationen. Zugleich sei der Sektor, angetrieben von öffentlichem Spardruck und privaten Geschäftsinteressen, in den vergangenen Jahren zunehmend liberalisiert worden – eine Tendenz die sich nun fortsetze. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Richtlinien, legten die vagen Zielformulierungen der SDGs keine klare staatliche Verantwortung mehr fest und ermöglichten so eine weitere Öffnung des Bildungsmarktes für private AnbieterInnen.
Um gesellschaftliche Ungleichheiten tatsächlich reduzieren zu können, brauche es dagegen einen Paradigmenwechsel in der Bildungsdebatte. “Statt immer nur über die Auswirkungen von Bildung auf Armut zu sprechen, sollten wir auch darüber nachdenken, welche Konsequenzen Ungleichheit und Armut auf den Bildungserwerb haben.” Bildung sei nicht jener Schlüssel zu Entwicklung, als der sie oft betrachtet werde und könne ihre emanzipatorischen Versprechungen nur im Rahmen einer umfassenden gleichheitsorientierten Politik erfüllen.
Allen nach ihren Bedürfnissen.
Anschließend betonte Nafisa Baboo die Notwendigkeit inklusiver Bildung für eine gleichheitsorientierte Agenda. Kinder mit Behinderung zählen heute zu den am stärksten ausgegrenzten Gruppen und müssten in den neuen Richtlinien besonders berücksichtigt werden. Zunächst gelte es, tatsächlich allen Kindern Zugang zu Bildung zu verschaffen, doch seien auch grundlegende qualitative Veränderungen vonnöten. Denn Bildung könne nur dann gelingen, wenn sie auf die spezifischen Bedürfnisse der Lernenden eingehe. Für Kinder mit Behinderung existierten allerdings kaum entsprechende Angebote. Baboo forderte daher eine Mainstreaming-Strategie. Statt Behinderung weiter als Nischenthema abzuhandeln, sollten die besonderen Bedürfnisse aller Kinder in allen Bereichen der Bildungspolitik an erster Stelle stehen.
Wer da hat, dem wird gegeben werden.
Pier Paolo Pasqualoni griff das Thema SDGs aus Bonals Vortrag auf und sprach über die Bedeutung der neuen Richtlinien für Österreich. Er machte deutlich, dass ungleiche Bildungschancen kein ausschließliches Problem des “Globalen Südens” sind. “Wir haben hierzulande einen starken ‚Matthäus-Effekt‘, das heißt, Menschen mit hohem Bildungsniveau verfügen auch über bessere Möglichkeiten für künftigen Bildungserwerb“. Die Ursachen liegen neben ungleichen Ressourcen nicht zuletzt in negativen Schulerfahrungen, die Menschen aus bildungsfernen Kontexten häufig vor weiterführenden Lernangeboten abschrecken würden. Und dies sei vor allem demokratiepolitisch problematisch: “Bildung mag zwar nicht der Schlüssel für Entwicklung sein, aber es ist der Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung”, betonte Pasqualoni gegenüber Bonal.
Politisierung vs. Ökonomisierung.
Lydia Walter, die letztes Jahr als Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen tätig war, gab schließlich einen Einblick in die Perspektive österreichischer Jugendlicher. Diese fühlten sich von der offiziellen Bildungspolitik häufig übergangen. Denn während sich die SchülerInnen selbst eine politischere Bildung wünschten, die sie zu kritischer Reflexion und Meinungsbildung befähige, schreiten Ökonomisierung und Standardisierung der Schule scheinbar unaufhaltsam voran. Walter ortete darin eine Kluft zwischen politischen Entscheidungsgremien und Gesellschaft, die nur überwunden werden könne, wenn die Menschen lernten ihre Interessen effektiv einzubringen. “Es ist eine Frage von Bildung, Mittel und Wege politischer Partizipation zu finden und nutzen zu können!” schloß Walter.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Am darauffolgenden Tag fand eine von der Plattform „Globale Bildungsgerechtigkeit“ organisierte Fachwerkstatt für Bildungsprojekte im globalen Süden statt. Hier gehts zum Bericht.
Fotos: Nadine Mittempergher (Paulo Freire Zentrum