Für diese Aussage steht Paulo Roberto Padilha, brasilianischer Pädagoge, Musiker und Direktor für institutionelle Entwicklung des „Instituto Paulo Freire“ in São Paulo mit seinen Ideen und Konzepten. Am 15. und 16. Mai wird er anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Paulo Freire Zentrums über die aktuellen Ansätze und Chancen emanzipatorischer Bildung sprechen.
In einem armen Viertel in einem Vorort von Sao Paulo aufgewachsen hat Padilha die restriktiven und vorurteilsgeladenen Praktiken des brasilianischen Schulsystems selbst erfahren. Doch wie kann Bildung weniger zum Herrschaftsinstrument werden, die verschiedenen Fähigkeiten und das unterschiedliche Wissen der Schüler wertschätzen? Wie kann durch Bildung das Leben aller verbessert werden? Dafür entwickelte Padilha verschiedene Ansätze und Ideen.
Foto: Paulo Padilha
Das Intertranskulturelle Curriculum
Seine Doktorarbeit schrieb Paulo Padilha über das Intertranskulturelle Curriculum. Was verbirgt sich hinter diesem zunächst widersprüchlich klingenden Begriff?
Als Ausgangspunkt jedes formalen oder informellen Vorgangs von Bildungsvermittlung sollten, nach Padilhas Auffassung, die Beziehungen der Personen untereinander und die Beziehung der am Bildungsprozess teilnehmenden Personen zur Welt gelten. Für eine intertranskulturelle Bildung sei ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der Interaktion nötig. (Darauf beziehe sich das inter des Begriffs.) Im Prozess des Kennenlernens erkenne man sich selbst im Gegenüber, erkenne Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Durch die Interaktion und den Dialog solle jedoch eine neue Ebene der Beziehung, eine neue Form der Weltsicht, die über das vorherige hinaus gehe, erreicht werden. (Darauf beziehe sich das trans). Durch eine intertranskulturelle Bildung solle eine Hierarchisierung von Wissen und eine vereinfachte Wahrnehmung der Welt in dichothomischen Gegensätzen überwunden werden. Verschiedene Kulturen, unterschiedliche Arten von Wissen und persönliche Fähigkeiten könnten so gleichwertig miteinbezogen werden. Die unterschiedlichen Dimensionen der Realität gehören für Padilha zusammen. Es wäre in seinem Denken unmöglich, Aktion von Reflektion, Theorie von Praxis, Vernunft von Emotion, Politik von Ethik etc. zu trennen.
Durch eine intertranskulturelle Bildung sollen Kinder, Jugendliche und Erwachsen die Möglichkeit bekommen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ihre Aktionen zu verstehen, zu reflektieren, zu träumen, zu verbessern. In Padilhas Sinne bleibt Bildung jedoch nicht auf die geschlossenen Räume der Schulen und Universitäten beschränkt, sondern will die gesamte Umwelt mit einbeziehen. Lesen lernen solle nicht nur zur Lektüre von Schulbüchern befähigen, sondern auch das eigene Leben und „die Welt zu lesen“.
Lesen als Mittel zur Emanzipation
„Das Leben lesen, die Welt lesen, die Hoffnung neu schreiben“ ist der Titel eines 2013 von Padilha verfassten Artikels. Aufbauend auf den Ideen und Schriften Paulo Freires versteht er Bildung als politisches Instrument. Durch unterschiedliche Hürden im Zugang zu Bildung werden viele Menschen von einer Mitgestaltung der Gesellschaft praktisch ausgeschlossen.
Um diese Hürden zu überwinden, spiele die Fähigkeit zu lesen eine Schlüsselfunktion. Lesen hat nach Padilhas Auffassung sehr unterschiedliche Funktionen und Dimensionen. Es ist immer ein Akt des Wissenerwerbs, persönlichen und kollektiven Wachstums, lesen inspiriert, beflügelt die Seele, verändert unser Leben, bringt uns anderen Menschen und anderen Kulturen näher. Die Fähigkeit zu „lesen“ zu „interpretieren“ ist somit die Voraussetzung, um sich selbst und soziale Situationen zu verändern.
Das Leben lesen, die Welt lesen, die Hoffnung neu schreiben
Das Leben lesen heißt für Padilha, unsere heutige Lebenssituation zu erkennen und mit früheren Situationen vergleichen zu können. Dazu gehöre auch, die komplexen historischen Zusammenhänge zu begreifen, die zu unserem Lebensstil geführt haben. Das bedeute, sich selbst nicht nur als Objekt, sondern auch als Subjekt der Geschichte zu begreifen. Wir seien fähig, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und ein besseres Zusammenleben aller Menschen, Lebewesen und Ökosysteme zu ermöglichen.
Die Welt lesen beinhaltet in Padilhas Verständnis eine bewusste, dauerhafte Aufmerksamkeit gegenüber den Dingen, die in unserer unmittelbaren Umwelt, aber auch weiter entfernt passieren. Das bedeute, den Blick zu schärfen, um die verschiedenen Dimensionen der (politischen, sozialen, ökonomischen, ethischen, ästhetischen, ökologischen, sexuellen, kulturellen etc.) Realität, die uns umgibt, immer besser zu verstehen und zu interpretieren. Das heiße aber vor allem eine Offenheit für Wandel, eine Offenheit, alte Überzeugungen hinter sich zu lassen, eine Offenheit immer wieder Dinge neu zu betrachten um eine wirkliche Veränderung zu erreichen.
Angesichts der Ungerechtigkeiten und der großen Probleme in unserer heutigen Welt sei man oft hoffnungslos. Doch durch Entschlossenheit und die Fähigkeit die Welt und das Leben zu lesen und von einer besseren Welt zu träumen, wachse eine neue Hoffnung. Durch positive Erfahrungen im Dialog, in der Gemeinschaft, entstehe Hoffnung, die einen befähige weitere Projekte voranzutreiben, weitere Welten besser zu machen. So werde in jedem Bidungsprojekt durch das Lesen des Lebens und das Lesen der Welt die Hoffnung neu geschrieben.
Paulo Padilha wird am Donnerstag, 15. Mai ab 18.00 Uhr im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung mit Robert Misik über Herausforderungen einer befreienden Bildungsarbeit heute reden und am Freitag, 16. Mai ab 19.00 Uhr in der Hauptbücherei Wien mit Erich Hackl und Tina Leisch über das Lesen und die Kunst und das darin enthaltene Potential zur Ermächtigung diskutieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Portugiesische Texte von Padilha: