Der weite Weg nach oben

Die Kamera schwenkt über eine karge, gelbe Landschaft, in der Mitte zwei kleine Figuren in weiß-blauer Schuluniform: Der Weg zur Schule ist weit. Was die reine Nennung der Entfernung, nämlich 15 Kilometer von der heimischen Hütte bis zum Schulgebäude, nur abstrakt verdeutlicht, macht die Kameraeinstellung offensichtlich.

Die Idee zum Film „Auf dem Weg zur Schule“ des französischen Regisseurs Pascal Plisson ist rein zufällig entstanden, als dieser für ein anderes Projekt nach Kenia  reiste. Dort traf er auf eine Gruppe junger Massai, die gerade ihren zweistündigen Schulweg zurücklegten. Dies rief Plisson in Erinnerung, dass ein schneller und komfortabler Zugang zur Schule noch lange nicht überall und für alle Menschen selbstverständlich ist.

On the Road

Der Film ist so etwas wie eine dokumentarische Mischung aus Roadmovie und Episodenfilm und erzählt eigentlich keine sonderlich spannende Geschichte: Das Filmteam begleitet vier Kinder mit ihren Geschwistern und FreundInnen auf verschiedenen Kontinenten auf ihrem Schulweg. Da ist Jackson aus Kenia, der gemeinsam mit seiner kleinen Schwester Salomé beinahe rennen muss, um den Weg zur Schule in zwei Stunden zu schaffen. Carlito, der eigentlich Carlos heißt, übernimmt ebenfalls unterwegs die Verantwortung für seine Schwester. Die beiden durchqueren die patagonische Einöde auf einem Pferd. Samuel, der in Indien lebt, ist darauf angewiesen, dass ihn seine zwei jüngeren Brüder Emanuel und Gabriel jeden Tag eine Stunde lang in seinem provisorischen Rollstuhl über sandige Wege schieben. Zahira und ihre Freundinnen aus Marokko brauchen für 22 Kilometer sogar vier Stunden zu Fuß über die steinigen Hänge des Atlasgebirges, um zur Schule zu kommen. Einen solchen Weg kann sie unmöglich täglich auf sich nehmen, daher ist sie von Montag bis Freitag im Internat und kehrt am Wochenende zurück nach Hause.

Die Eltern schicken ihre Kinder mit der Aufforderung aus dem Haus, gut auf sich Acht zu geben, „damit nichts passiert“, denn der Schulweg ist nicht nur lang, sondern oft auch gefährlich. Die Kinder müssen steiles und unwegsames Gelände durchqueren, sich vor großen Tieren in Acht nehmen, vorbeifahrende Autos bitten, sie mitzunehmen oder unterwegs einen platten Reifen von Samuels Rollstuhl reparieren. Dabei haben alle stetig die Angst, zu spät zu kommen und den Unterricht zu verpassen.

Über Bildung – für Bildung

Mehr oder weniger deutlich streift die Dokumentation drei zentrale Problematiken: das Recht auf Bildung für Mädchen, für arme Kinder und für Kinder mit Behinderungen. Die Dokumentation erzählt jedoch nicht nur die persönliche, kleine Erfolgsgeschichte der Kinder, sondern zeigt ebenso, dass gegenseitige Rücksichtnahme, Hilfe und Solidarität wichtig sind. Samuel könnte ohne seine Brüder den Weg zur Schule nicht zurücklegen, Carlito und Jackson haben während des Weges die Verantwortung für die kleinen Schwestern und ein Lastwagenlenker nimmt Zahira und ihre Freundinnen mit, damit diese nicht zu spät kommen müssen.

Der Film hat nicht nur Bildung als Sujet, sondern ebenso einen Bildungsauftrag. Es gibt eine komplett übersetzte Fassung für jüngere ZuseherInnen. Für die Zielgruppe der Schülerinnen und Schüler wird begleitendes Material zum Film auf der Webseite zur Verfügung gestellt, um im Unterricht mit dem Film zum Thema Bildung arbeiten zu können. Es soll so nicht nur verdeutlicht werden, dass Bildung in vielen Regionen immer noch ein Privileg ist. Der Film soll wohl ebenso implizit denen, die des Schulalltags vielleicht schon müde sind, aufzeigen, dass die Möglichkeit, zur Schule zu gehen für viele Kinder ein großes Glück ist. Es reicht nicht nur, das Recht auf Bildung gesetzlich festzulegen. Damit Kinder und Erwachsene lernen können, müssen die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, wie zum Beispiel eine Infrastruktur, die Schülerinnen und Schülern den Weg zu schulischen Einrichtungen ermöglicht und erleichtert. Es ist fraglich, warum sämtliche erwachsene ProtagonistInnen in der Synchronisation Deutsch mit Akzent sprechen- Möglicherweise soll hier für die jüngeren ZuseherInnen die regionale und kulturelle Einbettung deutlich gemacht werden. Leider mutet dies stattdessen eher exotisierend an, mindert aber nicht die Aussagekraft der Dialoge.

Bildung als die Leiter nach oben

Plisson schafft es, die Umstände des Schulbesuchs dieser Kinder nicht zu skandalisieren und doch zu problematisieren. Sie sind exemplarisch für die Situation von Millionen anderen Kinder mit schlechtem oder  gar keinem Zugang zu Bildungseinrichtungen. Und doch erwecken Jackson, Carlito, Zahira und Samuel kein Mitleid. Sie sind allesamt selbstständig und stolz, ihren Weg gemeinsam mit FreundInnen und Geschwistern zu meistern. Sie alle verbindet der Wille und die Begeisterung für das Lernen, und so scheint ihnen  der beschwerliche Weg kein Hindernis zu sein. Dennoch wird klar, dass es nicht nur der Drang zum Lernen ist, der die Kinder motiviert. Jedes von ihnen treibt die diffuse Vorstellung nach einem „besseren“ Leben an. Sie wollen Ärztin oder Pilot werden, später andere Länder bereisen und viel Geld verdienen, mit dem sie dann auch die Familien unterstützen. Denn obwohl der Film das Leben der Kinder vorwiegend idyllisch zeichnet (mit einer kurzen Unterbrechung, als die drei indischen Brüder eine mit Plastikabfällen gesäumte Straße entlang gehen) bekommt man hier doch einen Einblick in die Lebenswelten in der Peripherie. Diese Kinder lernen, damit sie und ihre Familien es einmal leichter haben. Doch bis dahin ist der Weg – für uns alle – noch lang.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums.  Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at .

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.