Eine neue LehrerInnenbildung soll jetzt ganz neue Weichen für das österreichische Bildungssystem stellen. Für die Autorin geht das Konzept grundsätzlich in die richtige Richtung, jedoch sieht sie auch zahlreiche Schwächen und Lücken am Kompromiss-Modell.
Die Idee einer kompetenzorientierten Ausbildung für alle
Von Anfang an sollte es eine gemeinsame Ausbildung mit universitärem Charakter mit Masterabschluss sein, und zwar für alle LehrerInnen. Der Kernpunkt des Konzepts, das derzeit in Begutachtung ist, ist die Kompetenzorientierung. Allgemeine und spezielle Kompetenzen wie Förderkompetenz, Diagnosekompetenz, Kompetenz für differenzierenden und individualisierten Unterricht sind künftig ebenso Teil der Ausbildung wie fachliche und didaktische, inklusive und interkulturelle, soziale, Beratungs- und Professionalitätskompetenz. Unter diesem letzteren, etwas sperrigen Begriff versteht man etwa die Reflexionsfähigkeit des eigenen Rollenverständnisses, Bereitschaft zur Weiterbildung u.a. An ein vierjähriges Bachelorstudium schließt ein ein-/zweijähriges berufsbegleitendes Masterstudium an. Besonders positiv sehe ich, gerade auf dem Hintergrund der zuvor beschriebenen österreichischen Spezifika, die Tatsache, dass nicht mehr nach Schultypen ausgebildet werden soll, sondern die Qualifikation nach Altersstufen erworben wird. Hier besteht eine Chance, durch die flexiblere Einsatzmöglichkeit vor allem der LehrerInnen der Sekundarstufe 1, die ideologischen Mauern zu durchbrechen, die jegliche Bewegung in diesem Bereich bis jetzt verhindert haben.
Kompromisshafte Realität
So viel zum grundsätzlich Erfreulichen. Schon vor der Präsentation des Entwurfs musste man von der Idee der gemeinsamen Ausbildung für alle PädagogInnen abgehen. Die ElementarpädagogInnen wurden nicht in die neue Ausbildungsschiene hineingenommen. Eine ganz große Schwäche des Konzepts. Darüber hinaus zeigt sich genau an dieser neuen PädagogInnenbildung, dass die ideologischen Gräben sich nicht so leicht überwinden lassen. Kaum war das mühsam errungene Kompromiss-Modell von den beiden zuständigen MinisterInnen präsentiert worden, wurde schon aus den herkömmlichen Schützengräben geschossen. Es fügt sich genau in das Bild, das ich im ersten und zweiten Teil dieser Artikelserie präsentiert habe. Die Konfliktlinien betreffen die Ausbildung der LehrerInnen für die 10- bis 14-Jährigen. Nach der Vorstellung der SPÖ und den Grünen soll diese gemeinsam an Universitäten, Pädagogischen Hochschulen in jeweiligen Kooperationen nach lokalen Gegebenheiten stattfinden. Nach der Vorstellung der ÖVP sollen nach wie vor die LehrerInnen für Gymnasien an den Universitäten ausgebildet werden, die LehrerInnen für die Hauptschulen / Neuen Mittelschulen an den Pädagogischen Hochschulen.
Wäre hier Durchlässigkeit gegeben, so bestünde die reale „Gefahr“, dass die strenge Trennung zwischen der ersten und zweiten Klasse Unterstufe aufgeweicht würde. Und dann käme es eines Tages vielleicht wirklich so weit, dass „jedeR ins Gymnasium gehen“ kann. Mit der Einführung einer gemeinsamen Schule ändert sich nicht automatisch die Unterrichtsqualität. Doch: Da die frühe Trennung nachweislich grobe soziale Ungleichheiten schafft, muss sie weg!
ElementarpädagogInnen im Hintertreffen
Und was ist mit der Elementarpädagogik passiert? Der Status Quo ist, wie bereits erwähnt, beschämend schlecht. Und obwohl alle ExpertInnen die immense Bedeutung der frühkindlichen Phase hinsichtlich sozialen Ausgleichs betonen, wird in Österreich für diese Altersstufe gar nichts getan. Es hängt unter anderem damit zusammen, dass in unserem föderalen System die Kindergärten derzeit in Länder- und Gemeindekompetenz fallen, und die Bundesländer demnach kein Interesse haben, hier sehr viel mehr zu investieren, etwa in die höhere Bezahlung besser qualifizierter PädagogInnen. Dazu kommt, dass es derzeit auch an qualifizierten AusbildnerInnen mangelt, um eine großflächig angelegte neue Ausbildung zu starten. Dennoch: Wenn einem Staat die Beseitigung sozialer Ungerechtigkeiten und die Bekämpfung von Bildungsarmut ein vorrangiges Anliegen ist, so setzt er dort an, wo nachweislich die besten Ausgleichsmöglichkeiten bestehen, in der frühkindlichen Förderung. Ein Schwerpunkt in der Ressourcenzuteilung wäre die Konsequenz, ein stufenweiser Masterplan für die Ausbildung müsste auch in Österreich zu schaffen sein. Doch das Gegenteil geschieht: Wider besseres Wissen wird gerade hier alles beim Alten belassen. Ein Indiz dafür, dass es (noch) nicht so weit her ist mit dem Willen nach Bildungsgerechtigkeit. Luthers Ratschlag wäre auch heute noch unseren PolitikerInnen ins Stammbuch zu schreiben!
Migration als Normalität, Diversität als Defizit
Österreich ist längst ein Zuwanderungsland und vor allem die Städte sind davon geprägt. Das wurde lange nicht zur Kenntnis genommen, Problem- und Konfliktfelder schöngeredet, Ressourcen und Potentiale gar nicht wahrgenommen. Wenn man bedenkt, dass gesamtösterreichisch gesehen ein Fünftel der hier lebenden Personen Migrationshintergrund hat und in Wien bereits mehr als die Hälfte, so wird das Versäumnis auf diesem Gebiet noch eklatanter sichtbar. Im Bereich Bildung und Schule herrscht noch immer der problem- und defizitorientierte Zugang vor, wie man derzeit besonders gut an der Debatte um die Deutschkenntnisse mit Schulbeginn sehen kann. Nicht die Mehrsprachigkeit als Ressource, nicht die Kompetenz in der Muttersprache des Kindes sollen ausschlaggebend sein für die Schulreife, sondern die Deutschkenntnisse zählen als Eintrittskarte in das österreichische Schulsystem. Wer der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig ist, muss noch draußen bleiben. So ist es jedenfalls vorgesehen – entgegen aller Empfehlungen und Einwände maßgeblicher WissenschaftlerInnen.
Wir sehen also: Es ist noch viel zu tun in diesem Land, um dem Auftrag, den uns unsere Bundesverfassung gibt, gerecht zu werden! Doch Tagungen, zahlreiche Initiativen und Interessengemeinschaften, die das Thema Bildungsgerechtigkeit mit Nachdruck einfordern, haben sich in den letzten Jahren gebildet. Sie mögen unsere PolitikerInnen inspirieren!
Die Autorin ist Vorsitzende der Bildungsinitiative BildungGrenzenlos und ehemalige Direktorin einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS). Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.