Das Thema Bildungsgerechtigkeit hat die Autorin dieser Artikelserie und ehemalige AHS-Direktorin seit dem Beginn ihrer Tätigkeit in der Schule quasi leitmotivisch begleitet. Ihr verschriftlichter Kommentar von der Veranstaltung „Für Bildungsgerechtigkeit kämpfen“ am 25. April 2013 wirft einen kritischen Blick auf die Bildungsungerechtigkeit in Österreich.
Der Kompromiss einer neuen PädagogInnenbildung
„Wo es um Bildung geht, darf es keine Stände geben“, sagt Konfuzius. Und in einem Sprichwort heißt es: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Konfuzius könnten wir in Österreich auch heute noch gut als Mahner brauchen und das auf Luther zurückgehende Sprichwort hat ebenfalls noch nichts an Aktualität verloren. Auch wenn wir inzwischen wissen, dass Lernen bis ins höchste Alter möglich ist, ist doch die immense Bedeutung frühkindlichen Lernens mittlerweile ebenso unumstritten. Diese Befunde unter anderem aus der empirischen Forschung können inzwischen getrost als Allgemeinwissen bezeichnet werden. Nur manche verantwortliche PolitikerInnen nehmen oder wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass gerade im Bereich der Elementarpädagogik entscheidende Weichen fürs Leben gestellt werden.
In der Tat tut sich rund um das Beispiel des Lehrberufs bzw. der aktuellen Debatten um die neue LehrerInnenbildung ein Feld auf, an dem sich geradezu exemplarisch die Grundproblematik illustrieren lässt. Es ist kein Zufall, dass jahrelang der Entwurf für eine neue PädagogInnenbildung in Erarbeitung war und dennoch nur als ein Kompromiss verabschiedet werden kann.
Desillusionierende Befunde
Zunächst aber einmal ein Blick auf aktuelle Befunde zu einer höchst unerfreulichen Erkenntnis: Österreich ist ein zutiefst inegalitäres Land und im Bereich Schule, Bildung und Ausbildung kommt dies besonders deutlich zum Ausdruck. Man mag zu PISA und Co. stehen wie man will, und die kritischen Stimmen aus den letzten Jahren verdienen gehört zu werden, doch haben Zahlen, Daten und Fakten uns erstmals ein deutliches Bild davon gegeben, wie es um die österreichische Schule wirklich beschaffen ist. Bis dahin war gerne von deren exzellenten Qualität die Rede und KritikerInnen wurden mit dem Killerargument „Wir lassen uns die österreichische Schule nicht schlechtreden“ abgekanzelt. PISA sowie andere internationale empirische Vergleichsstudien, wie etwa die OECD-Studien „Education at a Glance“, haben uns die Augen geöffnet und die Mär vom exzellenten österreichischen Schulsystem mit harten Fakten widerlegt.
Sicher, nicht alles ist schlecht im österreichischen Schulsystem; ich möchte hier insbesondere das Feld der berufsbildenden Schulen herausgreifen, vor allem die Lehrausbildung und die Berufsbildenden Höheren Schulen. Uns interessiert aber in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, ob unsere Schule in der Lage ist, so viele Kinder und Jugendliche wie nur möglich so gut wie nur möglich zu fördern und fordern und ihnen die bestmögliche Bildung und Ausbildung mitzugeben, unabhängig davon, woher sie kommen, welcher Religion sie angehören oder welches Geschlecht sie haben. Zu Chancengleichheit und der Erlangung eines garantierten Bildungsminimums verpflichtet seit 2005 auch die österreichische Verfassung in Art. 14 Abs. 5a, wo es heißt, Schule soll „(…) der gesamten Bevölkerung, unabhängig von Herkunft, sozialer Lage und finanziellem Hintergrund, unter steter Sicherung und Weiterentwicklung bestmöglicher Qualität ein höchstmögliches Bildungsniveau“ sichern. Außerdem soll „Jeder Jugendliche (…) befähigt werden, am Kultur- und Wissenschaftsleben Österreichs, Europas und der Welt“ teilzunehmen. Dennoch lautet die Antwort auf die Frage, ob die österreichische Schule diesen Anspruch erfüllt, auch 2013: NEIN! Nicht nur die Resultate aus der PISA-Testung 2009, sondern vor allem der aktuelle – zweite – nationale Bildungsbericht, der vor kurzem erschienen ist, bieten wenig Anlass zur Freude.
Ungleichheit in Zahlen und Fakten (PISA 2009 und Nationaler Bildungsbericht 2012)
- Ein Drittel der österreichischen SchülerInnen sind Lese-RisikoschülerInnen, das heißt, dass sie einen Text nicht sinnerfassend lesen können. Unnötig zu betonen, welche Beeinträchtigung es für einen solchen jungen Menschen ist, mit einem derartigen Defizit aus der Schule entlassen zu werden.
- Die soziale Herkunft stellt in Österreich die zentrale Ungleichheitsdimension dar. Sie wirkt sich durchgehend in der ganzen Bildungslaufbahn aus. Ausschlaggebende Faktoren für den Bildungsverlauf und das Bildungsniveau sind soziale und regionale Herkunft, das Geschlecht einer Person sowie frühe Richtungsentscheidungen an den Weichenstellungen unseres Bildungssystems. Als besonders diskriminierend hervorzuheben wäre an dieser Stelle die Schullaufbahnentscheidung mit neun (!) Jahren.
- Das Risiko des Schulabbruchs ist für Kinder mit anderer Muttersprache als Deutsch je nach Geschlecht und Sprache zwei- bis dreimal höher als für Kinder deutscher Alltagssprache. 17,8% der Buben und 17,3% der Mädchen mit türkischer Umgangssprache brachen 2010 nach dem Ende der Schulpflicht die Schule ab.
- Für Buben türkischer Herkunft in der Volksschule, deren Eltern nur Volksschulabschluss haben und deren Status in das unterste Quintil der Sozialstruktur fallen, ist die Wahrscheinlichkeit der Kompetenzarmut sechsmal höher als für Buben gut situierter, einheimischer Familien mit höherer Bildung.
- Das Haushaltseinkommen bestimmt in Österreich maßgeblich den Bildungsweg der Kinder. 83% der Kinder von Vätern, die nur einen Pflichtschulabschluss haben, besuchen die Hauptschule, hingegen nur 22% der Kinder von Vätern mit Hochschulabschluss.
- Von der Gruppe der 15-34-Jährigen (Statistik Austria 2009) erreichten nur 5% einen akademischen Bildungsabschluss, wenn ihre Eltern nur einen Pflichtschulabschluss hatten. Waren die Eltern hingegen selbst AkademikerInnen, konnten 41% einen akademischen Abschluss erreichen.
Die Zukunft hängt in Österreich also von der Herkunft ab, und zwar in einem derart hohen Ausmaß wie in kaum einem anderen vergleichbaren – wohlhabenden – Land. Wie kommt das?
Lesen Sie im 2. Teil der Artikelserie weiter!
Die Autorin ist Vorsitzende der Bildungsinitiative BildungGrenzenlos und ehemalige Direktorin einer Allgemeinbildenden Höheren Schule (AHS). Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.