Paulo Freire und Ruth C. Cohn als Inspiration für feministisch-politische Bildungsarbeit

In ihrer 1996 publizierten Dissertation „Mit Lust an der Welt – in Sorge um sie“ entwirft Silvia Habringer-Hagleitner – auf Basis der Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire und der Themenzentrierten Interaktion von Ruth C. Cohn – ein praktisches Konzept zu feministisch-politischer Bildungsarbeit für ein gutes Leben für alle.Ausgehend von einem Feminismusbegriff, der Gleichberechtigung und Liebe für alle sozialen Kategorien fordert und deshalb die blinde Gewalt patriarchaler Strukturen sichtbar machen möchte, fordert Silvia Habringer-Hagleitner Frauen dazu auf, sich in der Welt Raum zu erkämpfen. Eine Handlungsoption erkennt die Linzer Dozentin für Religionspädagogik und Gruppenleiterin für Themenzentrierte Interaktion (TZI) in feministischer Befreiungstheologie und in kritischer (kirchlicher) Erwachsenenbildung, die für die Schwachen unserer Gesellschaft eintritt.

Zur Erreichung des formulierten Ziels, ein praktisch relevantes und anwendbares Konzept zu entwickeln, unterlegt Silvia Habringer-Hagleitner dieses mit feminismusfremden, aus der pädagogischen Praxis entwickelten politischen Ideen sozialer Bildungsarbeit. Konkret verknüpft sie die aus dem globalen Süden stammende Pädagogik der Unterdrückten von Paulo Freire mit der im Norden durch Ruth C. Cohn erarbeiteten Themenzentrierten Interaktion.

Wider jeder Unterdrückung

Ausgangspunkt für Freires Pädagogik der Unterdrückten ist seine historische Erfahrung der Unterdrückung der Bevölkerung Lateinamerikas durch Diktatur und Großgrundbesitz. Erziehung und Bildung werden darin als notwendigerweise politisch und im besten Falle emanzipatorisch begriffen. Als historisches Wesen mit Bewusstsein sei der Mensch in der Lage, mit anderen in Dialog zu treten und so, durch Reflexion seiner Situation und durch dialogische Praxis, die Welt nicht nur zu benennen, sondern auch aktiv umzugestalten. Diese Aufgabe schreibt Freire Unterdrückten zu, die durch befreiende Reflexion und Praxis nicht nur sich selbst sondern auch ihre Herren befreien könnten. Dazu gelte es, die „Kultur des Schweigens“ zu durchbrechen und sich der kulturellen Invasion der Unterdrücker gewahr zu werden. Als Weg schlägt er eine dialogische Lehr-Lernpraxis vor, in der Lehrende wie Lernende gleichberechtigt voneinander lernen können.

In Kooperation und Autonomie

Ruth C. Cohns Themenzentrierte Interaktion ist ein gesellschaftstherapeutischer Ansatz. Auch hier stehen an humanistischen Werten ausgerichtete Kommunikation und Kooperation im Mittelpunkt, um individuelles Wachstum und die Politisierung einer Gesellschaft sowie lebendiges Lernen und Lehren zu fördern. Dies geschieht entlang dreier existenziell-anthropologischer Axiome, nach denen der Mensch gleichzeitig autonom aber auch interdependent, also auf andere angewiesen ist. Je mehr sich eine Person ihrer Interdependenz bewusst wird, desto mehr kann sie ihre Autonomie ausbauen. Dies solle in Respekt vor allem Lebendigen geschehen, um die Grenzen des eigenen Gestaltungsraums möglichst auszuweiten. Dazu bedürfe es der Annahme humaner Verantwortung durch jedeN EinzelneN.

Aus den drei Axiomen leitet Cohn zwei existenzielle Postulate ab: Die Verantwortung der Einzelnen resultiert aus der Freiheit zu jeder Entscheidung. Weiters gelte es, erkannte Hindernisse aufzuarbeiten, um individuelles Wachstum zu ermöglichen. Ruth C. Cohn betrachtet den Menschen als lernendes und veränderndes Subjekt, solange er sich in einer Situation des Vertrauens befindet. Deshalb solle man Mitmenschen ernst nehmen, ihnen zuhören und sie anerkennen. Wie auch bei Freire ist offener Dialog, in dem Menschen, die mit einer Unrechtsituation konfrontiert sind, Hand in Hand eine bessere Welt gestalten, die Basis für Veränderung. In diesem Sinne kämpft der Ansatz der TZI gegen die zunehmende Flucht der Menschen aus Realität, Politik und persönlicher Verantwortung.

Frauen erhebt eure Stimme

Im Versuch einer Synthese der beiden Theorien erkennt Silvia Habringer-Hagleitner, dass politische Bildungsarbeit nach innen wie nach außen gerichtet sein müsse. Einerseits seien verneinte, unbewusste innere Triebe oder Gefühle zu reflektieren und anzuerkennen. Andererseits müsse gegenüber Ungerechtigkeitssituationen die eigene Stimme erhoben werden, um entfremdenden Strukturen kritisch zu begegnen. So wird entsprechende Bildungsarbeit praktisch und praxisverändernd. Ihr zugrunde legt sie einen weiten Politikbegriff, der konfliktorientiert und partizipatorisch die Vernetztheit politischen Handelns reflektiert. Dieser soll Frauen bei ihrer emanzipierten Ortssuche helfen, der Befreiung aller Unterdrückten dienen und die Mittäterschaft von Frauen thematisieren, diese also aus ihrer Opferrolle entheben. Entgegen der Strukturen von Patriarchat und Expertentum sollen Frauen ihre vielfältigen Stimmen hören lassen, um strukturelle Hürden und innere Barrieren zu überwinden.

Leicht zu lesen ist „Mit Lust an der Welt“ aufgrund des Formats der sozialwissenschaftlichen Dissertation keinesfalls. Für ForscherInnen am Nexus von Christentum, Pädagogik und Feminismus kann das Buch aber einen wertvollen Beitrag zur Vertiefung von Schnittstellen zwischen Frauen- und Kirchenarbeit leisten, aber auch gleichzeitig eigene feministische Praxis theoretisch fundieren.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Hagleitner, Silvia (1996): Mit Lust an der Welt – in Sorge um sie: feministisch-politische Bildungsarbeit nach Paulo Freire und Ruth C. Cohn. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag. ISBN: 3-7867-1957-8.

Restexemplare bei der Autorin erhältlich: s.habringer-hagleitner@ktu-linz.ac.at

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