Kimani Ng’ang’a Maruge ist 84 Jahre alt, als er im Radio erfährt, dass von Seiten der kenianischen Regierung nun Bildung für alle versprochen wird. Gleich am nächsten Morgen macht er sich auf zur Dorfschule, um seinen lang gehegten Wunsch, Lesen und Schreiben zu lernen, wahr werden zu lassen.Maruges Anfrage nach einem Platz im Klassenzimmer, um endlich Lesen und Schreiben zu lernen, stößt zunächst auf Unverständnis und wird belächelt: „Maruge, geh‘ nach Hause und ruhe in Frieden“, so die Antwort eines Lehrers. „Aber ich bin nicht tot“, kontert Maruge. Jeden Morgen steht er erneut vor dem versperrten Schultor. Eines Tages gibt die Schulleiterin nach und bittet ihn hinein. In einem überfüllten Klassenzimmer, zwischen sechsjährigen Kindern lernt Maruge seine ersten Buchstaben.
Traumatische Erinnerungen an den Unabhängigkeitskampf
Der Grund, warum Maruge in seinem Alter weder Lesen noch Schreiben kann, liegt in seiner traumatischen Vergangenheit. In den 50er Jahren kämpfte Maruge auf Seiten der Mau-Mau-Krieger für die Unabhängigkeit Kenias. Als junger Mann musste er mit ansehen, wie Frau und Kind brutal ermordet werden. In britischer Gefangenschaft erlitt er härteste Foltermaßnahmen. Narben auf dem Rücken und ein zerstörtes Trommelfell wurden zu ewigen Spuren aus dieser Zeit.
Maruge beginnt, seine schmerzlichen Erfahrungen als Mau-Mau-Krieger mit der Gegenwart zu vermengen und reagiert wirsch auf die Gewaltspiele zwischen den Kindern in der Pause. Dies besorgt nicht nur zunehmend die LehrerInnen, sondern auch die Eltern der Schulkinder, die für einen Schulverweis plädieren. Der alte Schüler beschließt, persönlich bis zu den höchsten politschen Rängen vorzudringen, um sein Recht auf Bildung durchzusetzen und letztlich die Aufarbeitung seiner und Kenias Geschichte anzustoßen. Schließlich kann er als Schüler und Klassenhelfer an der Schule bleiben, bringt den Kindern Lieder und Tänze, Zahlen sowie ein Stück Emanzipation bei.
Eine wahre Geschichte
Der Film „The First Grader“ (2009) von Justin Chadwick basiert auf der wahren Geschichte von Kimani Ng’ang’a Maruge, der sich 2004 im Alter von 84 Jahren tatsächlich für die erste Klasse einer Grundschule anmeldete. Die kenianische Regierung hatte 2003 das Schulgeld für die Grundschulen erlassen und bewirkte damit einen enormen Andrang auf die Schulen. Die große Zahl an Kindern, die bis zu diesem Moment keine Möglichkeit gehabt hatten, Bildungsangebote in Anspruch zu nehmen, ebenso wie die vielen alten Menschen, die nie Lesen und Schreiben gelernt hatten, spiegelten den enormen Bedarf an formeller und informeller Bildung wider. Die Initiative Global Education First, die den Wandel in der Bildungspolitik Kenias und anderer Länder eingeleitet hatte, geht auf den UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zurück und gründet auf die Education for all Goals. Bis 2015 geht es demnach vor allem darum, dass jedes Kind eine Schule besuchen kann sowie eine qualitative Bildung erhält.
Bildung für alle, aber welche?
„The First Grader“ wurde am 15. April 2013 auf Initiative des United Nations Informationsservice, Ciné-ONU Vienna, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Filmfestival der Menschenrechte this human world und dem Topkino ausgestrahlt. In der anschließenden Diskussion zum Film ging es um die Wichtigkeit von Bildung ebenso wie um ihren Inhalt. Alle Kinder sollen Zugang zu Schulen haben, doch zeigt der Film durch Maruges Geschichte auch die Lücke in der Erwachsenenbildung auf. Somit geht es beim Thema Bildung nicht mehr bloß um die Schule, sondern um lebenslanges Lernen. Wie das Lernen konkret aussehen und was gelernt werden soll, bleibt im Film jedoch ausgeblendet. Kritisch zu bemerken ist auch, dass im Film der Schulunterricht auf Englisch stattfindet, was wohl auf die britische Kolonialzeit, aber auch auf den Versuch zurückzuführen ist, die Vielfalt an verschiedenen kenianischen Ethnien, ihre Kulturen und Sprachen im Bildungsbereich unter einen Hut zu bringen. Im Film wird diese Problematik zum Beispiel in einer Szene thematisiert, in der die Schule von JournalistInnen überrannt wird. Die auf Englisch gestellten Fragen beantwortet der nun gefeierte „älteste Schüler der Welt“ gelassen auf seiner Muttersprache.
Dass die oft heute noch durch verschiedene ethnische Zugehörigkeiten verursachten Feindschaften über den Kontakt von Jung und Alt überwunden werden und diese Begegnungen reiche Früchte tragen können, zeigt eine andere kleine, aber zentrale Szene im Film: Ein Bub im überfüllten Klassenzimmer der kenianischen Dorfschule schreibt die Zahl 5 immer spiegelverkehrt, worauf die Lehrerin nur sagt, er müsse das nochmal schreiben. In einer Pause setzt sich Maruge neben den jungen Schüler auf die Bank und zeichnet mit seinem Krückstock, einen Spruch aufsagend („Long neck, tummy fat, with a hat“), die 5 in den Sand. Der Bub macht es nach und lernt so nicht nur, die 5 richtig zu schreiben, sondern auch gegen den Sinn seines mittlerweile erbosten Vaters, diesen alten Mann trotz anderer Herkunft als Freund zu betrachten.
Kreative Lösungen für den jeweiligen Kontext
Das Thema Bildung ist immer schon ein komplexes gewesen und seit einigen Jahren zentral in der Entwicklungsdebatte. Nachdem es zunächst vorrangig darum ging, alle zu erreichen, zeichnet sich der Diskurs vermehrt durch den Fokus auf die Qualität von Bildung aus. Nicht nur Lernen soll wichtig sein, sondern der Weg, wie Wissen erlangt und längerfristig praktiziert, genutzt und multipliziert werden kann. Außerdem wird das Lernen nicht mehr bloß auf die Ausbildungszeit beschränkt gesehen, sondern soll lebenslang möglich sein. Die Begegnung von Alt und Jung wird im Film als Bereicherung gesehen, weil hier Informationen geteilt werden sowie verschiedene Erfahrungen und Fähigkeiten zu neuen Ergebnissen führen. Doch soll es nicht um die Produktion von möglichst flexiblen und marktkonformen Angestellten gehen, sondern dringend auch darum, ein Gefühl von Bewusstsein und Verantwortlichkeit zu schaffen. Die Möglichkeit, Lebensperspektiven zu wählen und zu verändern, muss als zentraler Wert im Bildungsprozess thematisiert werden.
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Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.