
Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert jung zu sein und welche Rolle spielen Jugendkulturen im aktuellen Zeitalter? Damit beschäftigen sich die AutorInnen der Ausgabe 147 des Schulheftes und versuchen, den Begriff der Jugendkultur zu definieren, aber auch zu entmystifizieren.Das 2012 im StudienVerlag erschienene Schulheft, herausgegeben von Barbara Falkinger, Zorica Raki? und Michael Rittberger, umfasst 124 Seiten und setzt sich aus elf Kapiteln verschiedener AutorInnen zusammen. Der Titel „Jugendkultur in der Krise?“ ist die gemeinsame Ausgangsfrage der Ausgabe. Ausführlich behandelt das Schulheft die Fragen, welche Auswirkungen aktuelle gesellschaftliche Veränderungen auf die Lebenswelten, Vorstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich haben und welche Konfliktpunkte daraus entstehen.
Die Krise des Jugendbegriffs
Nach einem kurzen Vorwort nähern sich die AutorInnen in den ersten Kapiteln den Begriffen der Jugend, der Kultur sowie der Jugendkultur. Dabei wird klar, dass Jugend immer kontext-, zeit- und kulturabhängig ist und der Begriff im Laufe der Geschichte und an verschiedenen Orten unterschiedlich verwendet wurde. Die Jugendphase, hier verstanden als biologisch-psychische Entwicklung zwischen dem Kindes- und dem Erwachsenenalter, scheint aber besonders heute ein immer schwerer zu definierender und einzugrenzender Abschnitt zu sein. Durch längere Ausbildungszeiten und das immer frühere Einsetzen der Pubertät dehnt sich die Jugendphase stark nach hinten und vorne aus, Übergänge werden entritualisiert und der Begriff der Jugend beginnt zu verschwimmen.
Zu einer Verschärfung dieser Entwicklung kam es in jüngster Zeit vor allem durch die Wirtschaftskrise und die Veränderungen am Arbeitsmarkt. Steigende Jugendarbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse und die verstärkte Forderung nach Flexibilität und diversen Zusatzqualifikationen verzögern und verkomplizieren den Einstieg ins Berufsleben. Ein wichtiger Schritt zum Übergang ins Erwachsenenalter wird so erschwert.
Jugendkultur als Chance
Vor dem Hintergrund dieser wachsenden Unsicherheiten behandeln einige AutorInnen nun auch die Bedeutung von Jugendkultur(en). In der Soziologie werden sie beschrieben als „Gesellungsformen von Jugendlichen sowie darin wirkende Normen und Wertvorstellungen, durch die sich Jugendliche (in modernen Gesellschaften) von Erwachsenen unterscheiden“ (Fuchs et al. zitiert nach Rakic 2012, Schulheft 147: 27).
Als Möglichkeit zur Identitätsentwicklung, Selbstdarstellung und Mitteilung eigener Weltanschauungen, als Raum zur Partizipation und Reflexion, aber auch als Möglichkeit des Widerstandes gegen Fremdzuschreibungen nehmen Jugendkulturen eine wichtige Rolle ein. Nach einer allgemeinen theoretischen Auseinandersetzung und einem anschließenden kurzen Überblick über verschiedene Jugendkulturen und -szenen bietet das Heft auch eine Analyse konkreter Beispiele. Hier werden vor allem Rap und Graffiti genauer betrachtet. Wichtige Aspekte wie die tragende Rolle der Medien, das Spannungsverhältnis zwischen Globalem und Lokalem sowie der Bereich Migration werden ebenso thematisiert. So leben Jugendliche mit Migrationshintergrund oft in oder zwischen zwei kulturellen Welten. Jugendkulturen können ihnen dabei helfen, verschiedene kulturelle Einflüsse zu verbinden und damit ihre eigene Identität zu entwickeln bzw. auszudrücken.
Den Abschluss bildet ein kurzes Kapitel, welches den Kulturbegriff erneut aufgreift, kritisch hinterfragt und die im Laufe des Heftes bereits mehrmals auftauchende Bedeutung von Milieu und Habitus für Jugendliche benennt und hervorhebt.
Bunt gemischt
Bunt gemischt und sehr unterschiedlich gestaltet sind die einzelnen Beiträge in diesem Heft. Dies betrifft neben den Schwerpunkten und dem Aufbau der Texte auch die Herangehensweise der einzelnen AutorInnen. Inhaltlich bleibt ein roter Faden aber gut erkennbar, ein klarer Bogen spannt sich von der Begriffsannäherung über die allgemeine Problemstellung bis hin zu konkreten Beispielen.
Die begriffliche und theoretische Auseinandersetzung erfolgt genau und gut verständlich, durch das langsame Vorantasten der AutorInnen finden LeserInnen hier eine gute Orientierung und Einführung. Auch die konkreten Beispiele (Rap und Graffiti) werden trotz des engen Rahmens sehr ausführlich und analytisch behandelt. Auf wenigen Seiten schaffen es die AutorInnen, gute Einblicke in die Szenen zu gewähren und bringen auch Informationen aus Interviews mit Jugendlichen ein. Klischees und Vorurteile werden problematisiert und entkräftet sowie die Potentiale von Rap und textuellen Graffiti klar herausgearbeitet ohne dabei in eine Romantisierung abzurutschen. Interessant ist auch die Beschäftigung mit der Bedeutung von Sprache, wobei die AutorInnen hier nicht auf die Auseinandersetzung mit kritischen Momenten der Jugendkulturen verzichten.
Nur einzelne Beiträge im Heft scheinen dagegen eher beschreibend. Bei der (gekürzten) glossarartigen Vorstellung der unterschiedlichen Szenen wirkt dies teilweise verallgemeinernd und zuschreibend. Zusammenfassend bietet das Schulheft auf weiten Strecken aber gute Einführungen und interessante Vertiefungen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Falkinger, Barbara / Rakic, Zorica / Rittberger, Michael (Hg., 2012): Schulheft 147. Jugendkultur in der Krise? Wien: StudienVerlag. ISBN: 978-3-7065-5184-7.