Bildung als Weg in eine bessere Zukunft – eine Initiative für Straßenkinder in Indien

Die Ashraya Initiative for Children (AIC) ist eine Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, indischen Straßenkindern durch eine gute Schulbildung und Zugang zu medizinischer Versorgung einen Weg in eine bessere, gesicherte Zukunft zu ermöglichen. In Pune, im Westen von Indien, arbeitet die Initiative mit fast 300 Slum- und Straßenkindern zusammen.Indien ist unter den zehn größten Volkswirtschaften der Welt und doch leben 44% der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar am Tag. Laut Schätzungen von UNICEF sterben in Indien 2,1 Millionen Kinder noch vor ihrem fünften Geburtstag. 18 Millionen Kinder leben auf der Straße. In Mumbai wurde 2010 das weltteuerste Einfamilienhaus gebaut, gleichzeitig gibt es in der Stadt den größten Slum Asiens.

 

Vier Autostunden südlich von Mumbai liegt Pune, bedeutsam als Militärbasis und bekannt für den Osho Ashram, wo jedes Jahr viele TouristInnen hinpilgern. Offiziell hat die Stadt 3,1 Millionen Einwohner, im Großraum sind es fast 6 Millionen und täglich kommt eine Unzahl an Menschen dazu, für die es lukrativer ist, ihren Grund und Boden zu verkaufen, als weiterhin Ackerbau darauf zu betreiben. Sie ziehen in die Stadt, weil sie auf Arbeit und Unterkunft hoffen und finden oft nur zu Elend und Leid.

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Foto: Judith Eckl

 

Slums, Vorurteile und Armut

Wo es nur möglich ist, entwickeln sich in der Stadt Slums: entlang von Bahngleisen, entlang der Straße, am verschmutzten Fluss. Viele davon werden von der Regierung immer wieder geräumt, andere sind offizielle Slums. In einem offiziellen Slum muss die Regierung Wasserversorgung, Elektrizität und ein Abwassersystem zur Verfügung stellen. In Pune gibt es insgesamt 492 dieser Slums. Einer davon ist der Stadtteil Yerwada, der sich hauptsächlich nach dem Bau des Flughafens 1911 entwickelt hat. Der Begriff Slum steht hier für informelle Ansiedlung, das bedeutet, dass den Menschen der Grund und Boden nicht gehört, auf dem sie gebaut haben. Deshalb gibt es Slums in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Neben solide gebauten Häusern, in denen die kleinen Geschäfte florieren, stehen Wellblechhütten und auch die Lebensbedingungen ihrer BewohnerInnen sind sehr unterschiedlich.

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Foto: Judith Eckl

Im ärmsten Teil von Yerwada, wo zwischen den Wellblechhütten manchmal nur ein halber Meter als Gasse übrig bleibt und Menschen auf engstem Raum ohne die Chance auf Privatsphäre oder angemessene Hygiene zusammenleben, wohnen die beiden Völker der Waghri und Shikligars, die von der Ashraya Initiative for Children betreut werden. Beide Gemeinschaften sind Nomaden und wurden während der Kolonialzeit (im Jahr 1871) von den BritInnen ganz unabhängig von ihren Aktivitäten und individuellen Mitgliedern in die Liste der kriminellen Stämme aufgenommen. Erst nach 1952 wurde der Kriminellenstatus aufgehoben. Dennoch haben sie immer noch mit der Diskriminierung zu kämpfen, die diese alte Bezeichnung mit sich bringt und werden von vielen Mitgliedern der Gesellschaft gemieden. Viele der Kinder, die in diesen Gemeinschaften groß werden, leiden an Hunger, Unterernährung, Missbrauch, Gewalt und Armut. Wenn es noch Eltern gibt, sind diese oft AlkoholikerInnen und die Kinder gehen mit ihnen arbeiten oder betteln.

Neue Perspektiven durch individuelle Förderung

Es gibt in Pune englischsprachige und marathisprachige, zudem öffentliche und private Schulen. Die Qualität des Schulunterrichts differiert stark zwischen den verschiedenen Schultypen. Wenn die Kinder eine Ausbildung bekommen sollen, die ihnen aus den Verhältnissen im Slum hilft, ist es unerlässlich, dass sie gute private Schulen besuchen, die sich die Familien jedoch niemals leisten könnten. Selbst dort sitzen noch 70 Kinder in einer Klasse und es ist für die LehrerInnen kaum möglich, sich auf einzelne Kinder zu konzentrieren.

Im Education Outreach Center von AIC wird deshalb in kleineren Gruppen gearbeitet und versucht, die Kinder individuell zu fordern und zu fördern. Damit strebt es die Initiative an, den Kindern durch eine solide Schulbildung Möglichkeiten und neue Perspektiven aufzuzeigen und ihnen dadurch zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Die Arbeit von AIC geht in diesem Sinne über den reinen Schulunterricht hinaus. Ein 15-jähriges Mädchen, das von ihren Zieheltern verheiratet werden sollte, wandte sich beispielsweise an die Koordinatorin des Education Outreach Programs, bekam einen Anwalt zur Seite gestellt und zog in ein Wohnheim. Einzelne kleine Projekte oder Ideen werden von Kindern angesprochen, diskutiert und gegebenenfalls umgesetzt.

k_IMG_4343a.jpg Foto: Judith Eckl

Von Grenzen und Erfolgen

Ein Ziel von AIC ist es, den Kindern einen Weg aus dem Slum aufzuzeigen, in dem sie täglich mit Rauschmittelmissbrauch und Gewalt zu kämpfen haben. Nicht alle Kinder schaffen den Absprung. Ein Leben auf der Straße hinterlässt bei ihnen schwer zu beseitigende Spuren. Sie sind traumatisiert und können Liebe oft nicht richtig verstehen. Sie imitieren die Verhaltensmuster ihrer Eltern. Nicht selten fehlen die Mittel, die Kinder angemessen zu betreuen.

Es ist nicht leicht, die Spirale der Gewalt in einem Land zu durchbrechen, in dem die Prügelstrafe an den Schulen gerade erst abgeschafft wurde und es ist eine Herausforderung, im Wirrwarr der indischen Bürokratie und Korruption nicht unterzugehen. Die Initiative stößt also immer wieder an ihre Grenzen.

IMG_6359a.jpgNichtsdestotrotz kann AIC viele Erfolge verbuchen. Seit diesem Jahr studieren die ersten SchülerInnen aus dem Programm am College und an den Schulen ändert sich das Bild, das LehrerInnen und Eltern von den Waghri- und Shikligars-Gemeinschaften haben. Die DirektorInnen bringen zum Ausdruck, wie sehr sie sich von ihren Vorurteilen geleitet in den Kindern getäuscht haben und sind stolz auf die hart-arbeitenden und intelligenten Kinder. Die Kinder bei AIC tragen somit ihren Teil dazu bei, dass das Vorurteil eines kriminellen Stammes immer mehr verblasst und die Gesellschaft langsam die Scheu vor den Nomadengemeinschaften verliert.

Hier gehts zur Homepage der Initiative: www.ashrayainitiative.org

Die Autorin arbeitet als Architektin und ist ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei der Ashraya Initiative for Children. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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