Das Märchen von Demokratie durch Twitter

In jedem Märchen steckt eine zeitgemäße Symbolik und Moral. So enthält auch das Märchen von der Revolution durch Twitter Hoffnungen, Ängste und Mystik. Wie viele Tatsachen und wie viel Symbolik in diesem modernen Märchen enthalten sind, wurde am 24. Oktober 2012 im „depot“ diskutiert.



Social Media
für Politische Bildung?

Die Österreichische Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) eröffnete ihre Veranstaltungsreihe Soziale Bewegungen und politische Erwachsenenbildung mit dem Thema Social Media und soziale Bewegungen. Hans Christian Voigt stellte seine letzte Publikation vor und regte zu einer interessanten Diskussion an. Das Gute war, man musste keinE SpezialistIn für Social Media sein, um dem Vortrag folgen zu können. Voigt schaffte es, sein Fachwissen für das zahlreich erschienene Publikum greifbar zu machen. Auch wenn während des Vortrags und der Diskussion sicher nicht alle Aspekte des Themas angesprochen werden konnten, wurde ein guter Überblick über Problematiken und Definitionen im Spannungsfeld sozialer Bewegungen und Social Media gegeben.

Die Moderatorin Rahel Baumgartner (ÖGPB) eröffnete den Abend mit einigen Denkanstößen. Das Verhältnis zwischen Politischer Bildung und Sozialen Bewegungen sei schon immer ein heikles Thema gewesen und drehe sich hauptsächlich um das Selbstverständnis Politischer Bildung. Soll sie die Partizipation am bestehenden System fördern oder destabilisieren? Ab wann ist Bildung politisch? Alle Fragen sollten und konnten natürlich nicht an einem Abend beantwortet werden, würden die Veranstaltungsreihe aber wie einen roten Faden durchziehen. An jenem ersten Abend stand die Frage im Mittelpunkt, welchen Beitrag die Social Media zu Politischer Bildung leisten können.

Wie sozial sind Social Media?

Die direkte Übersetzung von Social Media, also soziale Medien, so Voigt, sei irreführend, da der Begriff sozial mit Gemeinwohl in Verbindung gebracht werde. Social Media, dazu zählen z.B. Twitter, Facebook oder Online-Petitionen, grenzen sich von Massenmedien, wie z.B. der Kronen Zeitung ab, da der Inhalt nicht von Professionellen (RedakteurInnen, PublizistInnen usw.) geschaffen wird. Die LeserInnen können direkt auf die Inhalte reagieren. Damit werden neue Formen der Partizipation geschaffen. Aber auch neue Möglichkeiten für Demokratie?

BILD2a.JPGDie wichtigste Eigenschaft von Social Media in Bezug auf soziale Bewegungen sei, dass der Zugang zur Empörung anderer Menschen so groß sei wie noch nie. Die Möglichkeit der Vernetzung eröffne neue Wege. Für viele UserInnen bedeute die Beteiligung an sozialen Netzwerken mit politischem Inhalt ein Aufwachen aus einer Politik-Verdrossenheit, die sie bisher an aktiver Teilnahme gehindert hat. Im Netz herrschten eigene Regeln und man könne sich offener und direkter mit vielen Interessierten über politische Themen austauschen. Trotzdem solle man den Einfluss von Social Media auf Soziale Bewegungen nicht überbewerten. Diese existierten auch ohne Internet und die Social Media selbst als soziale Bewegung zu bezeichnen, sei absurd. Was es allerdings nicht ohne Internet geben würde, so Voigt provokant, sei der Kapitalismus in seiner heutigen Ausprägung. Der Turbokapitalismus brauche ein Turbo-Internet. Fakt sei, dass das Internet die Möglichkeit zur Partizipation an Formen des Protests erleichtere, wie auch eine Zuhörerin aus eigener Erfahrung bestätigte. Durch Austausch verschiedener Meinungen, die nicht dem Filter der Massenmedien passieren, kann der Blick auf viele Themen vielschichtiger sein.

Social Media und Macht

Weder im Vortrag noch in der Diskussion wurde die positive Konnotation Sozialer Bewegungen angezweifelt. Dass es auch bürgerliche oder rassistische soziale Bewegungen gibt und diese ebenso die Social Media für ihre Zwecke verwenden, wurde nicht erwähnt. So schien es im Vortrag fast so, als hätten Social Media nur Vorteile. Dass Social Media aber keine machtfreien Orte sind, zeigen zahlreiche Beispiele von Astroturfing, die Voigt später, während der Diskussion, einwarf. Der Begriff leite sich vom Namen eines US-Kunstrasenherstellers ab und bezeichne das Phänomen, dass bezahlte SchreiberInnen in Foren aktiv werden, die Diskussion im Sinne der AuftraggeberInnen steuern und somit Graswurzelbewegungen imitieren.

BILD3.JPG

Die ursprünglichen Fragen des Abends rückten erst während der Diskussion wieder in den Mittelpunkt: Können Social Media auch Orte der Bildung sein? Inwiefern können sie Soziale Bewegungen real beeinflussen? Entscheidend für die Wirkung von Umstürzen wie der Arabellion seien, laut Voigt, nicht kurzfristige oder spontane Aktionen im Internet, sondern Strukturen und Netzwerke, die sich in den Jahren kurz vor den revolutionären Ereignissen bildeten. Insofern spielten Social Media bei der Dokumentation der Arbeit Sozialer Bewegungen eine wichtige Rolle. Noch nie zuvor habe es ein ähnliches Aktions-Archiv gegeben wie das Internet. Wie sich diese Tatsache auf zukünftige Gesellschaftsformen auswirke, könne man nur erahnen. Voigt meinte, er könne sich vorstellen, dass nach der Erfindung der Dampfmaschine ähnliche Vorträge zum Thema „Wie hat die Dampfmaschine die Gesellschaft verändert?“ stattfanden wie jetzt zu Internet, ohne dass die Menschen zu dieser Zeit auch nur den Hauch einer Ahnung davon hatten, welche Folgen diese Erfindung wirklich hatte.

Es sei an mancher Stelle viel zu früh, ein Urteil darüber zu fällen, was das Internet und Social Media für Möglichkeiten und Gefahren mit sich bringen. Nie zu früh sei es aber, über solche Themen nachzudenken. Das Märchen von Twitter und der Revolution wurde an diesem Abend entzaubert, hat aber neue Perspektiven und Fragen aufgeworfen, die viel weiter gehen als die eingangs gestellten.

Die Artikel zu den anderen Veranstaltungen der Reihe finden Sie hier:

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at. Fotos: Nadine Mittempergher

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.