„Schlechte Ehe“ und Katastrophenhilfe

Die gut besuchte Veranstaltung „Naturkatastrophen und soziale Vulnerabilität“, die im Rahmen des Themenschwerpunkts „Bildung im C3ntrum“ am 8. Mai 2012 stattfand, beschäftigte sich mit der Rolle von Bildung bei der Bewältigung von Naturkatastrophen. Anhand eines Forschungsprojekts und Kommentaren aus der Praxis wurde diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

„Schlechte Ehe“ und „die Zukunft säen“: eine Vergleichende Studie

In ihrem einstündigen Vortrag stellte Heidi Pichler (Uni Wien, IIASA) die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor, die sich mit der Frage beschäftigt, warum Kuba besser mit Naturkatastrophen umgeht als seine Nachbarländer Haiti und die Dominikanische Republik. Dafür führte sie Interviews in den drei Ländern durch. Auf theoretischer Ebene sollte beleuchtet werden, ob es kommunistisch administrierte Länder eher schaffen, Schäden durch die Katastrophen zu vermeiden als kapitalistisch administrierte.

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Die Metapher der Ehe beziehe sich laut Pichler auf die haitianische und dominikanische Katastrophenbewältigung, die als „mala union“ (schlechte Ehe) bezeichnet wird. In Kuba hingegen werde nach dem Grundsatz „sembrando el futuro“ (die Zukunft säen) gehandelt, der für eine nachhaltige Katastrophenhilfe stehe.

Soziale Vulnerabilität und Gewalt

Die unterschiedliche Betroffenheit durch Katastrophen kann mit dem Begriff der sozialen Vulnerabilität beschrieben werden. Im Falle einer Katastrophe sei zwar die Gesellschaft als Ganzes gefährdet (gesellschaftliche Vulnerabilität), aber nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betroffen (individuelle Vulnerabilität). So bilde sich beispielsweise der ungleiche Zugang zu Bildung in den Sterbestatistiken nach Naturkatastrophen ab.

Praktisch bedeute das, dass gebildete Gesellschaften sich leichter von Naturkatastrophen erholen können als ungebildete. Die Folgen der administrativen Lücken lassen sich in Haiti und der Dominikanischen Republik kurz zusammenfassen: Die vorhandenen sozialen Unterschiede werden durch Naturkatastrophen verschärft. Vergewaltigungen, genderspezifische Gewalt, Überlebensprostitution, steigende Infektionsraten usw. sind Probleme, die in den Ländern auch ohne Naturkatastrophen vorherrschen, im Mikrokosmos der Notlager aber überdurchschnittliche Dimensionen annehmen. Warum ist die Situation in Kuba anders?

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Kultur der Verantwortung. Kuba als Vorzeigeland?

In Kuba herrsche eine „Kultur der Verantwortung“. Die Bevölkerung werde bei Gefahr rechtzeitig über die Medien gewarnt und bei Bedarf evakuiert. Im Rest der Region hingegen bestehe die Tendenz abzuwarten, keine Panik zu verbreiten und Warnungen bis zum letztmöglichen Augenblick zu verzögern. Dieses Verhalten folge laut Pichler der Theorie, dass die Bevölkerung durch falschen Alarm eine wirkliche Warnung nicht mehr ernst nehme. Ihre Studie zeigt aber, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Während die Befragten in Kuba ein hohes Vertrauen in die Medien und ihr eigenes Einschätzungsvermögen angaben, sei dieses in den Vergleichsländern sehr gering.

Ein wichtiger systemischer Unterschied zwischen den Ländern sei neben der Organisation und dem Vertrauen der Bevölkerung in den Katastrophenschutz die Finanzierung. Die staatlich finanzierte kubanische Katastrophenhilfe sei insgesamt wirkungsvoller als die vom Staat kaum finanziell unterstützte haitianische bzw. dominikanische.

Leider wurde im Vortrag nicht darauf eingegangen, was nun das Kulturelle an der „Kultur der Verantwortung“ sei. Ein Kommentar aus dem Publikum ergänzte diese Darstellung mit der Tatsache, dass die kubanische Katastrophenhilfe zwar dezentral agiert, aber streng hierarchisch organisiert und eng mit dem Militär verzahnt ist. Diese top-down Situation, die von vielen unter anderen Umständen als soziale Kontrolle wahrgenommen wird, sei im Katastrophenschutz allerdings lebensrettend.

Die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit (EZA)

CIMG2139.JPGMartina Schloffer (ÖRK) meinte in ihrem Kommentar, dass im Falle von Katastrophen die Rolle der EZA umso wichtiger sei, je schwächer ein Staat ist. Der Wirkungsradius der Akteure sei allerdings begrenzt, weil sie oft nur nach der bereits eingetretenen Katastrophe aktiv werden können. Die Vulnerabilität einer Gesellschaft hänge aber vor allem von Präventionsmaßnahmen (z.B. erdbebensicheres Bauen, Hygienetrainings usw.) ab, die über die akute Hilfe hinausgingen.

CIMG2167.JPGErwin Künzi (ADA) betonte in seinem Kommentar die Rolle von technisch-adaptiven Maßnahmen in der Bewältigung von Naturkatastrophen. Die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit sei auf der Ebene des nachhaltigen Managements gefordert. Man solle beispielsweise Projekte wie den Mangrovenanbau an der vietnamesischen Küste zum Schutz vor Überschwemmungen fördern. Damit kritisierte er, dass nur drei Prozent der weltweiten Katastrophen-finanzierung in Präventionsmaßnahmen fließen.

Beide Kommentare gaben einen Einblick in die Praxis der österreichischen EZA. Die Bedeutung von Bildung wurde zwar betont, konkrete Bildungsprojekte wurden aber nicht vorgestellt. Vielmehr wurden, speziell von Erwin Künzi, Investitionen in technisch-adaptive Maßnahmen hervorgehoben. Die anschließende Diskussion drehte sich um die strukturellen Bedingungen der Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften und um die Frage, wie dem Klimawandel am besten begegnet werden könne und im weiteren Sinn auch, wo das Geld der EZA hinfließen soll. Lieber in Bildung oder doch in technische Anpassungsstrategien?


Alte Debatte und neue Fragen (Kommentar der Autorin)

Im Allgemeinen hatte es den Anschein, als beschäftige sich die Veranstaltung mit zwei alt bekannten Schlagwörtern innerhalb der Klimadebatte: Mitigation und Adaption. Während die Studie von Heidi Pichler und der Kommentar von Martina Schloffer in die Richtung Mitigation durch Bildung argumentierten, sprach Erwin Künzi hauptsächlich von Anpassungsstrategien. Der Frage aus dem Publikum, ob eine Gesellschaft sich zunächst als Ganzes verändern müsse, um Adaption erst möglich zu machen, wurde mit dem oft zitierten Beispiel von afrikanischen Mädchen, die keine Zeit für Bildung hätten, wenn sie stundenlange Wege zur Wasserbesorgung hinter sich legen müssten, begegnet. Immer wieder taucht diese scheinbar ausweglose Diskussion auf, in der verschiedene Realitäten aus ihrem Kontext gezogen und benutzt werden, um andere Argumente mundtot zu machen.

Alternative Bildungsprojekte, die vielleicht auch für die erwähnten afrikanischen Mädchen attraktiv sein könnten, wurden am Podium nicht besprochen. Auch dass gerade das Beispiel Kuba zeigt, dass sich Mitigation und Adaption nicht widersprechen müssen, bekam keine Aufmerksamkeit in der Diskussion. Die Veranstaltung ließ daher viele Fragen offen und verlangt nach weiteren Auseinandersetzungen mit dem Thema.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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