Ein Stadtteilprojekt in den Slums von São Paulo bewegt und verbindet Menschen, lässt neue Ideen entstehen und Solidarität wachsen. Doch was braucht es, um eine solche Bewegung zu initiieren bzw. aufrechtzuerhalten? Und was hat dies mit Paulo Freire zu tun?
Kraft durch Vernetzung und Leitbilder
Die Entstehung eines breit anerkannten Stadtteilprogramms ist nicht nur dem Zufall geschuldet. Es gab einen Auslöser und einen Willen, die gemeinsam eine Art Initiativkraft bildeten und die unterschiedlichen Menschen zusammenbrachten. Auslöser war die Empörung über die wachsende Zahl an Kindern, die auf dem Gemüsemarkt von Essensresten lebten. Aus Gesprächen darüber festigte sich eine Gruppe, die dies nicht mehr hinnehmen wollte und einen Rückhalt bei anderen fand: HändlerInnen, die ihnen Gemüse und Fleisch gaben, die sie nicht mehr verkaufen konnten; ein Pastor, dessen Gemeinde ein leer stehendes Grundstück vermacht wurde; Mütter, die Angst um ihre Kinder hatten; und freiwillige HelferInnen, die die Idee, täglich den Kindern eine Suppe anzubieten, toll fanden.
Diese Initiativkraft hielt eine Weile, konnte aber keine Basis für eine weiterführende Veränderung allein errichten. Entscheidend war, dass die Gruppe sich als Gruppe fand und ihre Ideen zu einem handlungstragenden Leitbild verdichtete. Das geschah teils durch die Bibelstudien, die die Menschen immer wieder auf die Frage nach dem Wesentlichen zurückholten. Es geschah auch durch die Unterstützung anderer, die dazukamen, zuhörten und eigene Gedanken einbrachten, was den Blick weitete sowie Chancen und Hürden durchspielte. Es geschah schließlich auch durch Zelebrationen, bei denen gefeiert und geteilt wurde. Die Konzentration auf das Wesentliche, das Beleuchten der größeren Rahmenbedingungen, die gegenseitige Selbstversicherung und Ermutigung sowie die Bildung gemeinschaftlichen Zusammenhalts so würde ich aus heutiger Sicht die verschiedenen Elemente beschreiben, die die Initialzündung waren und das Projekt seit 1986 über Jahre hinweg trugen und verbreiteten.
Bildung und Liebe
Bildung und Liebe waren die beiden Stichworte, die immer wieder fielen, wenn es um die zentralen Merkmale der Arbeit ging. Bildung steht für die Bewegung und für den Prozess, in dem wir ich war seit dem zweiten Jahr des Bestehens dabei in Erkenntnis, Verständnis und Handlungsmöglichkeiten spürbar wuchsen. Bildung brachte das versteckte und verstummte Potential der Menschen in der Peripherie zum Vorschein sie glaubten teilweise selbst nicht daran, zu was sie imstande waren. Bildung zeigte jedem und jeder einzelnen den Wert des Anderen, wie wir uns als Kollektiv entdeckten. Im selben Atemzug wurde und wird (eine Gruppe von Menschen dieses Projektes besuchte uns im Juni dieses Jahres in Freiburg) die Liebe genannt. Für uns mag das seit der Ära der Kaffeewerbung kitschig und abgenutzt klingen. Dem Mund dieser Menschen entnehme ich eine tiefgreifende emotionale Wurzel, angenommen zu sein und andere annehmen zu wollen. Es geht davon eine ungeheure Kraft aus, gemeinsam immer weiter zu machen, auf die Möglichkeit zu einem besseren Leben und auf die eines guten Ausgangs zu hoffen.
Und damit sind wir schon bei Paulo Freire. Er schrieb in seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Büchlein Pädagogik der Autonomie:
Eine der wichtigsten Aufgaben der kritischen Lehrpraxis besteht darin, die Rahmenbedingungen herzustellen, dank derer die Lernenden sowohl in ihrer Beziehung zueinander als auch in der gemeinsamen Beziehung zu den Lehrenden die tiefe Erfahrung des Sich-Annehmens üben; ein Sich-Annehmen als soziale und historische Wesen, als denkende, kommunizierende, sich verändernde, schöpferische Wesen; Wesen, die sich Träume erfüllen und in der Lage sind, zornig zu werden, weil sie zur Liebe fähig sind. Die sich als Subjekt annehmen, weil sie fähig sind, sich als Objekt zu erkennen. Sich selbst anzunehmen bedeutet nicht den Ausschluss anderer. Gerade das `Anderssein‘ des `Nicht-Ich‘ oder `Du‘ führt mich in aller Radikalität zur Annahme meines Ichs. (Freire, Paulo: Pädagogik der Autonomie. Münster: Waxmann, 2007, S. 40f.)
Paulo Freire als Symbolfigur
Paulo Freire war ein Name, der im Stadtteilprojekt immer wieder auftauchte. Er wurde genannt, wenn wir über die Bildung redeten, die wir anstrebten. Er hatte so vieles in Worte gefasst, was wir wollten und gab der Bewegung Richtung und Strategie. In diesem Sinne wurde er zu einer Symbolfigur, auf die sich alle schnell einigen konnten.
In unserem Projekt bildeten sich mehrere Gruppen, die sich dem MOVA, dem Movimento de Alfabetizacao (Alphabetisierungsbewegung), die in Verbindung mit Paulo Freire stand, anschlossen. Hierdurch erhielt das Projekt, das tagsüber vor allem mit den Kindern und Jugendlichen der umliegenden Slums arbeitete, nochmals eine ganz andere Verankerung im Stadtteil, vor allem in der Bevölkerung der umliegenden Favelas. Die MOVA-Gruppen setzten sich zu einem Großteil aus Frauen zusammen, die über 50 Jahre alt waren. Die Lehrerin der Alphabetisierungsprogramme wurde bezahlt durch den Verkauf von selbstgefertigten Süßigkeiten.
1989 wurde Paulo Freire zum Bildungsminister der Stadt São Paulo, was einen ungeheuren Enthusiasmus nicht nur bei uns auslöste. Die MOVA-Gruppen erhielten Unterstützung von außen, vernetzten sich über die ganze Stadt hinweg und bekamen dadurch einen enormen Aufwind. Paulo Freire widmete sich darüber hinaus vor allem dem städtischen Schulsystem: Schule sollte lebensnäher und kritischer sein. Fehlende finanzielle Mittel, das schwierige Erbe eines vernachlässigten öffentlichen Bildungsbereichs und vieles mehr ließen ihn allerdings 1991 im Alter von 70 Jahren das Handtuch werfen. Wir waren natürlich enttäuscht, gaben aber trotzdem nicht auf, obwohl der Wind wieder stärker aus anderen politischen Richtungen wehte.
Hier gibts den 3. Teil der Artikelserie.
Der Autor ist Professor für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Er lebte 17 Jahre in Brasilien und gab kürzlich eine dreiteilige Sammlung von Schriften Paulo Freires heraus.
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