Von seinen eigenen Erfahrungen in Brasilien geprägt, stößt der Autor Reflexionen über die Aktualität von politischer Alphabetisierung im Sinne Paulo Freires an. Im ersten von vier Teilen erzählt er von Bewegungen in São Paulo, die entscheidende Veränderungen auslösten. Warum alphabetisieren? Gibt es hier in Österreich nicht weitgehend Bürger und Bürgerinnen, die sehr bewusst die eine oder andere politische Linie vertreten und bei den Wahlen dann entsprechend entscheiden? Und dennoch ist da ein Gefühl, dass es heute (wie auch in anderen Zeiten) mehr bedarf: aktives bürgerschaftliches Engagement, breite kritische Auseinandersetzung und grundlegend neue Perspektiven für die Politik, die vor allem von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen werden. Was es braucht, ist a) eine differenziertere Wahrnehmung von politisch gesellschaftlicher Gestaltung und b) eine umfassende gesellschaftliche Verantwortungsübernahme.
Brasilianische Bewegungen für Beteiligung und Gerechtigkeit
Genau an diesen Punkten hat es in Brasilien in den letzten Jahrzehnten viel Bewegung gegeben. Bedeutsam ist dabei, dass diese nicht ausschließlich auf der Ebene ideologischer Auseinandersetzung stattgefunden hat, sondern bei den Bürgern und Bürgerinnen angesetzt hat und zwar bei jenen, die als sozial und politisch Ausgeschlossene bezeichnet werden; die keine eigene Stimme haben; bei jenen, die aus der Sicht der politischen Elite und Machthabenden keinen Wert außer als manövrier bare Masse haben.
Foto: Reconciliacão
Diese Einmischung der Stimmlosen, die viel mit dem zu tun hat, was Paulo Freire als Pädagogik der Unterdrückten konzeptionell für den Bildungsbereich formuliert hat, hat die politische Landschaft Brasiliens und ich möchte fast sagen Lateinamerikas grundlegend verändert. Auch hier wieder der Hinweis: Die Probleme wurden nicht weniger, aber Politik wird unter einer anderen Perspektive gemacht, die den staatlichen Machtanspruch umkehrt: nicht an den Mächtigen, sondern an der Beteiligung von der Gesamtbevölkerung, vor allem der Ausgeschlossenen, orientiert sich die Rechtfertigung von politischer Macht. Die Grundrechte aller wurden zur Leitlinie gesellschaftlicher Entwicklung.
Diese Veränderung hat der gesellschaftlichen Gestaltung eine andere Richtung gegeben und vielerorts inzwischen auch zu veränderten politischen Machtkonstellationen geführt: Inzwischen werden andere PräsidentInnen gewählt. Inzwischen erhalten soziale Programme einen anderen Stellenwert. Inzwischen wird die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen in den Bereichen Schule, Gesundheit und Transport, die sich an die gesamte Bevölkerung richten, als entscheidende Grundlage für die Entwicklung des Landes angesehen. Inzwischen werden andere Mindestlöhne bezahlt. Inzwischen haben auch weite Teile einer sozial ausgeschlossenen Bevölkerung ein anderes Selbstwertgefühl, mit dem sie ihre Rechte einklagen.

Foto: Dirk Oesselmann; Favela in São Paulo
Von einer Oase in der Megastadt
17 Jahre (1987-2004) lebte und arbeitete ich in Brasilien, wurde selbst bewegt und zu einem Teil dieser Bewegung. Die ersten 7 Jahre verbrachte ich in der Megastadt São Paulo. 20 Millionen Einwohner du fühlst dich wie ein Niemand in einem nicht enden wollenden urbanen Meer. Es ist unmöglich, diese Stadt zu überblicken. Man sagt: Man lebt nicht in São Paulo, man überlebt. Dennoch gibt es viele kleine Oasen Orte, die Menschlichkeit und Kraft der Veränderung ausstrahlen.
An dem Aufbau einer dieser Oasen konnte ich mitwirken, und das hat mich grundlegend geprägt: ein selbstbestimmtes Stadtteilprojekt inmitten von Slums in der Peripherie. Dort fand sich eine Gruppe von Frauen aus der katholischen Gemeinde zusammen, die den Kindern, die sich auf dem Gemüsemarkt etwas Essbares zusammensuchten, eine Suppe kochten. Da gab es Bibelgruppen, in denen die Menschen sich selbst in ermutigenden Geschichten aus langer Zeit wiedertrafen. Da gab es ein unbebautes Grundstück der lutherischen Kirche. Da gab es starke Frauen in den Slums, die Empörung, Verzweiflung und auch Hoffnung mit sich trugen. Jahrelang passierte wenig, dann kamen die verschiedenen Menschen zusammen und erkannten ihr eigenes Potential.
Es war ganz viel vorhanden, und doch fehlte etwas. Die Megastadt fraß alle Energien und Hoffnungen, etwas bewirken zu können. Es wurden keine Schuldigen gefunden, niemanden, an den man sich richten konnte, um das, was einem vom Gefühl her zustand, einklagen zu können. JedeR versuchte sein Glück, indem er/sie den Wahlversprechen hinterherlief oder sich den teils massakrierenden Vorgaben der Unternehmen unterordnete. Im Nachhinein aus der Sicht eines Menschen, der damals noch nicht in dem Stadtteil war, versuche ich zu verstehen, was da zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bis heute zentrale Veränderung ausgelöst hat.
Lesen Sie dazu den 2. Teil der Artikelserie.
Der Autor ist Professor für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Er lebte 17 Jahre in Brasilien und gab kürzlich eine dreiteilige Sammlung von Schriften Paulo Freires heraus.
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