Die VIA-Produktionsschule in Innsbruck – Paulo Freire in der Praxis

Kurt Hofer hat die VIA-Produktionsschule in Innsbruck ins Leben gerufen. Seit nun mehr drei Jahren besteht dieses niederschwellige und praxisorientierte Bildungsprojekt für Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren, das sich an den Zielen Verantwortung, Integration und Arbeit (VIA) orientiert.
Das Konzept der Produktionsschulen ist in Österreich relativ neu: Jugendliche BildungsabbrecherInnen sollen dabei unterstützt werden, durch praktische Erfahrungen in verschiedenen beruflichen Bereichen ihre Fähigkeiten zu entdecken und weiterzuentwickeln. Das Ziel des sozialökonomischen Projekts ist es primär, das Selbstwertgefühl und die Motivation der TeilnehmerInnen zu steigern, um sich später selbstständig in einem ungeschützten Umfeld zurechtfinden zu können und die Chance auf eine geeignete Aus- oder Weiterbildungsstelle zu verbessern.

Fokus auf Mädchen mit Migrationshintergrund

Die VIA-Produktionsschule in Innsbruck hebt sich dadurch ab, dass sie nur für Mädchen zugänglich ist und einen Fokus auf Jugendliche mit Migrationshintergrund hat. Diese werden am Arbeitsmarkt häufig besonders benachteiligt. Im Moment arbeiten 40 junge Frauen in den Werkstätten im Bereich Holz, Metall, Textil oder Medien mit jeweils einer/einem verantwortlichen TrainingsleiterIn. Besonders stolz ist Kurt Hofer darauf, dass gerade die Bereiche Holz und Metall, als eigentlich atypische weibliche Beschäftigungsfelder, sehr beliebt bei den Mädchen sind.

Viele der Teilnehmerinnen sind über das Pflichtschulalter hinaus, haben aber keinen Schulabschluss oder keine Ausbildungsstelle gefunden und sind so aus dem regulären Ausbildungssystem herausgefallen. Knapp über die Hälfte der TeilnehmerInnen hat einen Migrationshintergrund. Die VIA-Produktionsschule bietet ihnen eine neue Perspektive. Nahezu alle Mädchen sind beim Arbeitsmarktservice (AMS) auf freiwilliger Basis als arbeitssuchend registriert (dies ist aber keine Voraussetzung für die Teilnahme am Programm). Dadurch sind sie offiziell sozialversichert und bekommen monatlich eine kleine finanzielle Unterstützung vom AMS.

Niederschwelliger Ansatz

Die Kriterien, die die Jugendlichen erfüllen müssen, um in der VIA-Produktionsschule aufgenommen zu werden, sind einfach: Sie müssen weiblich und zwischen 15 und 19 Jahre alt sein, außerdem sind aus Gründen der Sicherheit in den Werkstätten Basis-Deutschkenntnisse Bedingung. Bis zu 12 Monate, in Ausnahmefällen länger, können die Mädchen in der Innsbrucker Produktionsschule bleiben. Die MitarbeiterInnen sind interkulturell geschult und vermitteln bei Spannungen oder Konflikten. Gruppen- und Einzelcoachings werden regelmäßig angeboten.

Dies spürt man auch an der Atmosphäre vor Ort. Als Kurt Hofer unsere kleine Gruppe aus MitarbeiterInnen von NGOs aus Innsbruck und Prag durch die Räumlichkeiten der Schule führte, fielen die entspannte Stimmung und das gleichberechtigte Miteinander sofort ins Auge. Eigene Ideen sind hier ausdrücklich erwünscht und werden wertgeschätzt. Formale Leistungsbeurteilung spielt in der VIA Produktionsschule hingegen keine Rolle.

Die Mädchen erarbeiten Produkte in den Werkstätten, die sie dann in einem eigenen Laden in der Innsbrucker Innenstadt verkaufen. Bei dieser Gelegenheit können die Produzentinnen auch  Erfahrungen in Verkaufstätigkeiten sammeln.

Paulo Freires ermächtigende Pädagogik in der Praxis

Die VIA-Produktionsschule ist eine Institution, dessen Konzept viele Ähnlichkeiten mit dem pädagogischen Ansatz von Paulo Freire hat. Freires Theorie, ebenso wie seine praktische Arbeit basierte auf dem Respekt vor den Fähigkeiten der Zu-Erziehenden. Nur wenn auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht genommen wird, könne Bildung ermächtigen und motivieren. Erst dann erziehe man Menschen zu eigenverantwortlich handelnden, selbstbewussten Individuen.

In der Innsbrucker Produktionsschule wird genau dieser Ansatz verfolgt: Die teilnehmenden Mädchen bleiben frei in ihren Entscheidungen, gleichzeitig wird aber versucht, sie bestmöglich auf ihrem eigenen Weg zu unterstützen und anzuleiten. Durch das in der Praxis Erlernte, die Strukturierung ihres Alltags und den Gewinn an Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, soll es den jungen Frauen später gelingen, selbstbewusst und eigenverantwortlich am freien Arbeitsmarkt zu bestehen.

Der Projektkoordinator Kurt Hofer und sein Team von TrainerInnen sehen sich in der Rolle von UnterstützerInnen, die die Teilnehmerinnen fördern und fordern, dabei aber keine Beurteilungs- oder Kontrollinstanz darstellen. Die Aufgabe des Teams der Produktionsschule ist es hauptsächlich, Hilfestellung und fachliche Beratung in den einzelnen Werkstätten anzubieten. Häufig sind aber auch sozialarbeiterische Fähigkeiten gefragt, um die Mädchen zu ermutigen oder mit ihnen über Probleme zu reflektieren.

Bezogen auf die Zukunftschancen der Mädchen hat die vorläufige Bilanz des Projekts die Erwartungen der OrganisatorInnen sogar übertroffen. Der enthusiastische Projektkoordinator Kurt Hofer gerät ins Schwärmen, wenn er von den tagtäglichen Erfolgserlebnissen und vom Potential der Mädchen erzählt. Er hat mit Paulo Freire eines gemeinsam: Mit dem Glauben an die Menschen und ihre Fähigkeiten macht er uns allen Mut und gibt Hoffnung auf eine gerechtere, solidarischere Gesellschaft. Bleibt zu hoffen, dass die VIA-Produktionsschule auch anderswo Schule macht.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.



Weitere Informationen zur Schule in Innsbruck unter: www.via-produktionsschule.at

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.