Bildung und Hoffnung in der Bildungsarbeit von Paulo Freire

Im 2007 erschienenen Buch „Bildung und Hoffnung“ sind Schriften Paulo Freires zusammengestellt, die den Fokus auf seine späte Bildungsarbeit legen und diese in einem breiten gesellschaftlichen Kontext beleuchten.Ziel der Sammlung von Essays und Reden, die von Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann und Dieter Kinkelbur in Kooperation mit Armin Bernhard neu übersetzt und herausgegeben wurde, ist es, die pädagogischen Ansätze Paulo Freires mit Hilfe einiger seiner besonders aufschlussreichen Texte zu beleuchten.

Erziehung als politisches Handeln

Paulo Freire hat sich nicht erzieherischen und pädagogischen Fragen alleine gewidmet, er hat diese auch stets in einen politischen Kontext gesetzt. Erziehung ist für Freire politisches Handeln. Er tritt für eine Erziehung im demokratischen Sinn ein, die auf dem Respekt vor der individuellen Lebenssituation der „Zu-Erziehenden“ basiert. Dies inkludiert die Anerkennung der Sprache, kulturellen Identität und sozialen Zugehörigkeit der Lernenden. Pädagogik sollte für Freire in diesem Sinne ein Instrument zur (Selbst-)Ermächtigung und Befreiung sein.

Aus dieser Perspektive heraus widmet er sich in seinen Texten grundsätzlichen gesellschaftlichen Problemen und formuliert fundierte Kritik an den auch heute noch existierenden Wirtschafts- und Herrschaftssystemen. Nie wird er hierbei jedoch dogmatisch. Paulo Freires Texte schlagen teilweise einen nahezu marxistischen Ton an. Gleichzeitig sind sie stets geprägt von einem Bild der Welt, das auf Werten wie Nächstenliebe und gegenseitigem Respekt aufbaut. Im Zentrum seiner Überlegungen steht der Mensch in seiner ganzen Vielfalt.

Paulo Freire bestärkt uns mit seinen Texten darin, dass Veränderungen zum Guten möglich sind. Die individuellen Bedürfnisse von Menschen, auch in pädagogischer Hinsicht, sind Grundlage für Freires Einsatz für eine neue Herangehensweise in der Bildungsvermittlung. Was möglich ist, hängt auch immer von der Sichtweise auf herrschende Verhältnisse ab. Wer diese als gegeben und feststehend begreift, kann  keine Veränderungen erwirken, weil die Hoffnung darauf von vorneherein als illusorisch abgetan wird. Zu dieser weit verbreiteten Lebenshaltung trägt laut Paulo Freire gerade das von den Eliten gestaltete Erziehungssystem bei, das oftmals unterdrückt, statt zu ermächtigen. Es erzieht uns zu Menschen, die nicht mehr an Veränderungen glauben.

Mit Bedacht verändern

Paulo Freire ist keiner, der Veränderungen vom Zaun bricht. Seine Analysen gesellschaftlicher Verhältnisse sind stets präziser Natur, umsichtig und bedächtig formuliert. Anhand einiger prägender Erfahrungen in seinem Leben sowie seiner Arbeit als Pädagoge und Politiker beschreibt er, dass auch seine eigene Entwicklung zum „Erzieher“ ein andauernder Lernprozess war, der keineswegs immer geradlinig verlief. Dieser Weg war einerseits geprägt von einer Kindheit und Jugend, die nicht immer einfach war, seinem Studium, seiner frühen pädagogischen Arbeit und der Entwicklung eines Alphabetisierungsprogramms für die Ärmsten der Armen Brasiliens. Andererseits beeinflusste ihn sehr stark der Lebensabschnitt im Exil, das er bedingt durch die Militärdiktatur in seinem Heimatland Brasilien aufsuchen musste. In diese Zeit der Entwurzelung und des Verlusts fällt seine fast zehnjährige Arbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, die seine frühe christliche Prägung widerspiegelt. Die Zeit im Exil ist wohl mit ein Grund für die Politisierung Freires. Sie begründet seinen großen politischen Einsatz und die Verbundenheit zur Arbeiterpartei Brasiliens („Partido dos Trabalhadores“), in die er nach seiner Rückkehr 1980 eintritt.

Mut machen

Die Herausgabe des vorliegenden Büchleins wurde erst durch das Engagement und die Überlassung der Nachdruckrechte an Texten durch Paulo Freies zweite Frau, Ana Maria Freire, möglich. Es liefert einen wichtigen Beitrag dazu, Paulo Freires Überlegungen grundsätzlich aufzuarbeiten und sie auch in andere theoretische Kontexte zu transferieren. Freires Ideen tendieren dazu, vereinfacht rezipiert zu werden. Eine vielschichtigere Auseinandersetzung ist jedoch notwendig, um sie im Kontext aktueller globaler Entwicklungen und Debatten nutzen zu können.

Obwohl Paulo Freires Rhetorik in diesen gesammelten Schriften oft fast prophetisch wirkt, bleibt er durch seine durchaus auch selbstkritischen Reflexionen immer am Boden der Tatsachen. Gerade dadurch, dass er sich selbst auf eine Stufe mit den Lernenden stellt und stets auch seine eigenen Ansichten hinterfragt, wirkt er authentisch. Dies hat Freire nach seinem Tod zu einer Ikone der befreienden Pädagogik werden lassen. Er versteht es wie kein Zweiter, seine komplexen pädagogischen Überlegungen in eine klare und überzeugende Sprache zu fassen. Damit gelingt ihm vor allem eines: Paulo Freire macht Mut, auch heute noch.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen, Themen.