
Perfekt für „Paulo Freire EinsteigerInnen“ eignet sich dieses 2007 im Waxmann-Verlag erschienene Büchlein „Unterdrückung und Befreiung“, in dem Texte und Gespräche aus Freires erster Schaffensperiode zwischen 1970 und 1990 zu finden sind.Paulo Freires Schriften sind von unumstrittener Relevanz gerade deshalb lohnt es sich, einen Blick in dieses Buch zu werfen. Es ermöglicht einen Überblick und ein erstes Eintauchen in die Gedankenwelt eines Befreiungspädagogen, an dessen Aktualität die Herausgeber Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann und Dieter Kinkelbur keinen Zweifel aufkommen lassen.
Politische Alphabetisierung für Befreiung
Freire bezeichnete den Neoliberalismus als eine Ideologie, die menschliche Beziehungen auf Marktgesetze zu reduzieren versucht und keine moralischen Grundsätze entwickeln kann. Der Kampf gegen diese Ideologie und gegen die damit einhergehenden Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse fordern soziale Gegenbewegungen und vor allem auch eine Pädagogik der Hoffnung, wie Freire sie lebte. Angesichts dessen ist es nach Ansicht der Herausgeber höchste Zeit, uns durch die Beschäftigung mit seinen Ansätzen selbst einem Alphabetisierungsprozess zu unterziehen (S. 24). Eine politische Alphabetisierung sei notwendig, um der heranwachsenden, aber auch der erwachsenen Generation eine Möglichkeit zu geben, gesellschaftliche Prozesse in ihren Widersprüchen wieder geistig verfügbar zu machen, um handlungsfähig zu werden (ebd.).
Alphabetisierung meint bei Paulo Freire eben nicht bloß die Fertigkeit des Schreibens und Lesens. Der Prozess hat für ihn auch eine starke politische Dimension. Alphabetisierung geht einher mit Bewusstmachung, mit bewusstem Erleben und Erkennen der Zusammenhänge in einer entfremdeten Wirklichkeit. Dieser politische Charakter begleitet ganz allgemein Freires Sicht auf Bildung. Diese ist für ihn nicht bloße Weitergabe von Faktenwissen, sondern soll in problemorientierter Weise die Möglichkeit für kritisches Denken schaffen und immer wieder die Frage nach dem Warum provozieren. Bildung soll also nicht mit dem Ziel der Domestizierung, der Anpassung und Beherrschung geschehen. Freire tritt ein für eine Erziehung zur Befreiung.
Conscientização in der westlichen Welt
Was bedeuten diese Ideen nun konkret für uns und für die heutigen Industriestaaten Westeuropas und Nordamerikas? So lautet eine zentrale Frage, die sich PädagogInnen im Rahmen der Rezeption Freires stellen.
Es hänge von der Betrachtungsebene ab, so die Herausgeber. Auf der praktisch organisatorischen Ebene beispielsweise sei die Konzeption zu stark mit der Situation der LandarbeiterInnen in Lateinamerika verknüpft, sodass ein Transfer weder haltbar noch sinnvoll wäre. Die Bedeutung Freires liege vielmehr darin, dass er eine radikal andere Perspektive der Zukunft und eine politisierte sowie auf gemeinschaftliche Kontexte rückbezogene Sicht auf Bildung vorschlägt. Seine Ideen sollen zu Bildungsprojekten ermutigen, die sich nicht nur an ökonomische Erfordernisse und neoliberal-kapitalistische Wertvorstellungen halten.
Für Freire liegt die Antwort auf diese Frage darin, den Prozess der Bewusstwerdung (conscientização) zu verstehen. Dieser, so Freire, werde oft missverstanden bzw. als ein magisches Instrument mystifiziert, mit dem sich soziale Probleme lösen ließen. Einen derart idealistischen Standpunkt möchte Freire nicht vertreten. Conscientização kann nur als dialektische Beziehung zwischen Mensch und Wirklichkeit verstanden werden. Der Prozess erfordert eine kritische Bestimmung unseres historischen Standorts, er führt dazu, dass wir die Geschichte allmählich selber in die Hand nehmen, um sie zu machen und von ihr gemacht zu werden (S. 92).
Er stellt klar, dass es sich dabei um einen menschlichen Prozess handelt, der sich somit nicht auf die Dritte Welt oder auf unterentwickelte Kulturen (S. 92) beschränkt. Sowieso versteht Freire den Begriff der Dritten Welt nicht geografisch. Freires Gesprächspartner Alexander J. Seiler meint in einem Interview 1972, dass es in Europa nicht so sehr um materielle, denn um geistig-seelische Not der ArbeiterInnen gehe. Auch diese Not resultiere aus dem Aufwachsen und Gefangensein in einer Erziehung der Beherrschung. Die von Freire vielfach rezipierte Kultur des Schweigens sei in Europa eher als eine Kultur des Lärms zu beobachten, so Seiler. Für Freire entsteht der Lärm aus Worten, die nicht richtig gesagt werden können, weil den Menschen die historische Praxis dafür fehlt.
Theoretisches und Praktisches
Neben theoretischen Texten zu grundlegenden Ideen und Themen Freires, wie etwa zur Pädagogik der Befreiung, zum Konzept einer humanisierenden Bildung, zur kulturellen Invasion etc. finden sich im Buch Gespräche mit Paulo Freire unter anderem zur praktischen Bildungsarbeit, zur Rolle der Kirche und des Christentums. Dabei erzählt Freire immer wieder Anekdoten und Erlebnisse aus seinem Leben. Seine Arbeit und seine Schriften sind sehr geprägt von den eigenen Erfahrungen, die er im Exil gemacht hat. Er musste sich in einer fremden Kultur, in einem geborgten Alltag zurechtfinden und stellte fest, dass eine Kultur nicht schlechter oder besser ist als eine andere, sondern dass wir von den kulturellen Differenzen lernen können. Auch später konfrontierte ihn seine Arbeit in Europa, durch die er in Projekte auf der ganzen Welt involviert war, immer wieder mit dem Fremden. Die Erfahrungen außerhalb seines Heimatlandes hätten ihn gelehrt, eine Einstellung zu haben, eine Tugend zu praktizieren, die ich für eine fundamentale Tugend halte, nicht nur von einem politischen Standpunkt her, sondern existenziell: Toleranz (S. 127), so Freire.
Fazit
Paulo Freire zu lesen ist niemals ein leichtes Unterfangen. Die Lektüre verlangt neben hoher Sprachkompetenz viel Mut zum Mit- und Selberdenken. Doch wer dieses Büchlein zur Hand nimmt, entdeckt rasch, dass uns dieser brasilianische Pädagoge nicht nur für die Theorie und Praxis unserer Erziehungsarbeit, sondern für unser Überleben Entscheidendes zu sagen hat, so Ulrich Becker von der Universität Hannover. Dem kann nur zugestimmt werden!
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Freire, Paulo: Unterdrückung und Befreiung. Herausgegeben von Peter Schreiner, Norbert Mette, Dirk Oesselmann, Dieter Kinkelbur
in Kooperation mit Armin Bernhard. Münster 2007: Waxmann Verlag. ISBN 978-3-8309-1803-5