Im Rahmen des Themenschwerpunktes „Bildung im C3ntrum“ des C3 – Centrum für Internationale Entwicklung stellte die Islam- und Erziehungswissenschaftlerin Felicitas Klingler am 23. April 2012 ihre Publikation über Gewalt gegen Frauen und feministische Bildungsarbeit in der osttürkischen Stadt Van vor.
Die Provinz Van mit ihrem gleichnamigen, von Bergen umrahmten türkisfarbenen See zähle zu den schönsten Gegenden der Türkei, darüber waren sich Felicitas Klingler und die Moderatorin Judith Hanser vom Verein „Miteinander Lernen“ einig. Verdunkelt wurden die anfangs vorgeführten Bilder jedoch von der katastrophalen Situation vieler dort lebender Frauen: Über die Hälfte der verheirateten Frauen seien von Gewalt betroffen.
Dem Thema Gewalt und feministischer Bildungsarbeit widmete sich Felicitas Klingler im Rahmen ihrer Magisterarbeit. Daten dazu sammelte sie in einer einmonatigen Feldforschung im Vaner Frauenverein. Dieser wurde 2004 von sieben Frauen ins Leben gerufen, um die gesellschaftliche Situation der Frauen durch feministische Bildungsarbeit, juristische und psychologische Betreuung zu verbessern. Die Forscherin sprach sowohl mit den Mitarbeiterinnen des Vereins als auch mit von Gewalt betroffenen Frauen, die die Angebote des Vereins nutzen.
Sozioökonomischer und politischer Kontext
Die Provinz Van zählt laut Klingler zu den ärmsten Regionen der Osttürkei. Neben einer schlechten ökonomischen und infrastrukturellen Erschließung sei die Region geprägt vom Konflikt der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) mit dem türkischen Militär. Der kurdische Bevölkerungsanteil sei sehr hoch, in einer Umfrage hätten ca. 50% der Frauen angegeben, kurdisch zu sprechen. Außerdem werde die Provinz immer wieder von starken Erdbeben erschüttert. In punkto Bildung würde man eine sehr hohe Analphabetenrate vorfinden, 50% der Frauen und 16% der Männer könnten weder lesen noch schreiben.
Gewalt gegen Frauen in Van
Laut Klingler erlebten 53,4% der verheirateten Frauen in Van Gewalt. Die meisten Frauen nämlich 84% seien verbaler Gewalt ausgesetzt. Des Weiteren würden 66% der befragten Frauen angeben, emotionale Gewalt zu erleben, 44% würden von physischer Gewalt sprechen, 34% von ökonomischer und 17% von sexueller Gewalt. Als TäterInnen identifizierten die Frauen zur Hälfte ihre Ehemänner, jedoch auch Schwiegermütter, andere Familienmitglieder und Menschen außerhalb der Familie.
Nationalismus, Patriarchat und traditionelle Wertesysteme als Nährboden für Gewalt
Bevor Klingler näher auf die Gespräche mit den Mitarbeiterinnen einging, nannte sie den vorherrschenden kurdischen und türkischen Nationalismus als zusätzlichen Faktor, der die Situation der Frauen in Van verschlechtere. Bereits im 20. Jahrhundert hätte man seitens des türkischen Staates begonnen, den KurdInnen beispielsweise durch Sprachverbote eine türkische Identität aufzuoktroyieren. Eine starke Diskriminierung der KurdInnen bestehe bis heute fort. Demzufolge hätte sich die kurdische Bevölkerung ihrerseits zunehmend abgegrenzt, um die eigenen Traditionen zu bewahren. Dies gehe laut Klingler mit der Verdrängung der kurdischen Frauen seitens ihrer eigenen Gemeinschaft aus dem öffentlichen Raum einher, um sie dem Assimilierungsdruck zu entziehen.
Die Mitarbeiterinnen des Frauenvereins, erzählte Klingler, würden den Ausgangspunkt für die Gewalt gegen Frauen in der patriarchalen Gesellschaftsstruktur verorten. Als Ursachen für Gewalt identifizierten sie zum einen das verstärkte Kollektivbewusstsein, in dem Frauen die Interessen der Familie vor ihre eigenen stellen würden. Zum anderen wurde die psychosoziale Abhängigkeit der Frauen von ihren Familien thematisiert ein Leben ohne Familie sei für die Frauen kaum vorstellbar. Weiters würden laut den Mitarbeiterinnen die gesellschaftlich produzierten und unwidersprochenen Frauenbilder und Frauenrollen zur Gewalt beitragen. Eine weitere Ursache liege laut Klingler in den Ehr- und Traditionskonzepten „Namus und Töre“, die meist von Männern definiert und oftmals nach Belieben umgedeutet und ausgelebt würden. Im derzeit dominanten Ehrkonzept sei auch verankert, dass Männer und Familien über die Sexualität und die Körper der Frauen bestimmen.
Umdeutung von Ehrkonzepten und Kommunikation auf Augenhöhe
Um die Gewalt an Frauen zu verhindern, so Klingler, müsse sicherlich an vielen Schrauben gedreht werden. Laut ihren Befragungen sei eine davon die Umdeutung des Ehrkonzeptes „Namus“, beispielsweise in Form eines Wandels von der Fremd- zur Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Ein weiterer Punkt sei die Verbesserung der Kommunikation zwischen Frauen und Männern. Vom Frauenverein angebotene Kommunikationstrainings, die in Kooperation mit der türkischen und internationalen Frauenorganisation „Women for Women’s Human Rights“ (WWHR) durchgeführt wurden, hätten bereits sehr viel bewirkt. In einer Evaluierung von WWHR hätten 63% der Klientinnen nach dem Seminar angegeben, physische Gewalt durch die verbesserte Kommunikation verhindern zu können 74% hätten dadurch größeres Mitspracherecht in der Familie erwirkt.
Welche Rolle kann feministische Bildungsarbeit spielen?
Am Ende ihre Vortrages spannte Klingler dann die Brücke zur Bildungsarbeit und präsentierte, inwiefern die Angebote des Frauenvereins von Klientinnen angenommen und umgesetzt wurden. Die Wissenschaftlerin konnte zum einen beobachten, dass einzelne Aspekte des Denkangebotes, beispielsweise die Verteidigung der Frauenrechte, von den Klientinnen übernommen und auf deren eigene Erfahrungen übertragen wurden. Außerdem konnten von Gewalt betroffene Frauen mithilfe des Vereins aus ihrer eigenen Biographie Erkenntnisse gewinnen und neue Strategien entwickeln. Schließlich erwähnte Klingler noch den wechselseitigen Austausch und das Voneinander Lernen zwischen den Nutzerinnen und Mitarbeiterinnen, das die Arbeit des Vereins prägen würde.
Diesen Grundsatz nämlich dass jedeR etwas weiß und alle voneinander lernen können vertrat auch Paulo Freire, dessen Todestag sich diese Woche am 2. Mai 2012 zum 15. Mal jährte.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.