Die beste Schule Deutschlands im Bildungsdialog

Wien war die erste Station der Österreich-Tournee von Wolfgang und Stefanie Vogelsaenger. Der Direktor und die Lehrerin der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen berichteten am 26. März 2012 in der Pädagogischen Hochschule vor etwa hundert ZuhörerInnen von ihren Erfahrungen mit einem unkonventionellen Schulmodell.Bereits 1973 setzte sich eine Gruppe von LehrerInnen, Eltern, ArchitektInnen, PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen das Ziel, ein neues Schulmodell zu entwerfen. Das Resultat ist ein alternatives Schulgebäude mit zirkulärer Anordnung der Klassen- und LehrerInnenzimmer, Tischarbeitsgruppen und Projektunterricht ohne Glockenläuten. Aufgenommen werden die SchülerInnen unabhängig davon, welche Empfehlung sie von der Grundschule bekommen haben. Heute zählt die Integrierte Gesamtschule in Göttingen um die 1500 SchülerInnen. 2011 wurde sie von der Robert-Bosch-Stiftung als beste Schule Deutschlands ausgezeichnet.

Es ist eine Frage der Haltung

Die häufig beteuerte Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems entlarvte Wolfgang Vogelsaenger mit einigen Statistiken als einen Mythos und postulierte: „Ja, das deutsche Schulsystem ist durchlässig nach unten!“ Die Verantwortlichkeiten für Bildung in Deutschland stellte er als ein Durcheinander und Nebeneinander von Kompetenzen und Strukturen dar. Das Problem sei, dass es kein gemeinsames Konzept von Schule gebe. Das ständige Benoten, Testen und Einstufen lenke mehr von den wichtigen Aufgaben und der individuellen Förderung ab, als dass es zu Verbesserungen führe.

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Foto: robert-bosch-stiftung/theo barth

Den Schlüssel für eine erfolgreiche Entwicklung der Schule sieht Vogelsaenger in einer Vertrauens- und Verantwortungskultur von Schulleitung, LehrerInnen und SchülerInnen. Das Motto seines Schulkonzeptes lautet: „Die Schulleitung lässt die LehrerInnen los und die LehrerInnen lassen die SchülerInnen los, so entstehen eigene Lernprozesse.“ In diesem Sinne werden die Vokabeln Klasse und LehrerInnen durch Stammgruppe und FachtutorInnen ersetzt. Das Konzept der Eigenverantwortung und der individuellen Einteilung transparent und im Konsens wird übrigens auch im Sekretariat, im Mensateam und bei den HausmeisterInnen umgesetzt. Aber auch die strukturellen Voraussetzungen dürfe man nicht unterschätzen. Die räumliche Anordnung, die Zeiteinteilung sowie die Abschaffung des Sitzenbleibens seien genauso ausschlaggebend.

Verantwortung braucht einen Ort

Ein wichtiges Thema für Wolfgang Vogelsaenger, das bei bildungspolitischen Debatten eher selten erwähnt wird, ist die Architektur des Schulgebäudes. Die Jugendlichen brauchen einen überschaubaren und vertrauten Raum.  Die Zimmer der Schule sind in einem Kreis angeordnet, dessen Zentrum einen offenen Freiarbeits- und Differenzierungsraum für alle darstellt. Das Gebäude beinhaltet außerdem einen Theaterraum, eine Sporthalle, eine Spielezentrale, eine Küche, eine Bibliothek und einen Zirkus. „Die räumlichen Gegebenheiten spielen eine große Rolle und sind ausschlaggebend für einen angenehmen Lebens- und (nicht nur) Lernraum“, so Vogelsaenger.

Verantwortung braucht Zeit

Jede Stammgruppe wird von zwei FachtutorInnen durchgehend von der 5. bis zur 10. Schulstufe begleitet. Im ersten Jahr wird den Kindern viel Zeit gegeben, anzukommen, sich kennenzulernen und sich zu orientieren. „Außerdem kann es passieren, dass ein Schüler oder eine Schülerin aus privaten Gründen ein Jahr eine sehr geringe Aufnahmefähigkeit hat und dann in den letzten zwei Jahren wieder die Kraft hat, aufzuholen“, erzählte Stefanie Vogelsaenger. Auch die Stundentaktung ist flexibel: Sie richtet sich nicht nach dem Glockenläuten, sondern nach den Projekten. Mit diesem entspannten Zeitsystem könne sehr gut auf die individuellen Lernprozesse der Jugendlichen eingegangen werden, so die Pädagogin. Die Integrierte Gesamtschule ist außerdem eine Ganztagsschule. Dies bedeutet, dass Hausübungen in der Schule erledigt werden und am Nachmittag Freizeit und Bewegungspausen fester Bestandteil des Stundenplans sind.

Heterogenität nutzen und Eltern mit einbeziehen

Die Stammgruppen werden in fünf Tischarbeitsgruppen zu je sechs SchülerInnen eingeteilt, die sich nach Leistungsheterogenität, Geschlechterheterogenität und Schülerwünschen zusammensetzen. In den ersten zwei Jahren werden die Tischgruppen von den FachtutorInnen eingeteilt, während in den nächsten vier Jahren VertreterInnen der SchülerInnen die Gruppen bestimmen. Die Tischarbeitsgruppen bekommen jeweils eine Grund- und eine erweiterte Aufgabe, um Unter- beziehungsweise Überforderung entgegenzuwirken. Die Aufgabe ist dann erfüllt, wenn alle in der Gruppe die Lösung verstanden haben und erklären können. Noten gibt es nur in den letzten zwei Jahren, davor werden Lernentwicklungsberichte mit FachtutorInnen, SchülerInnen und Eltern besprochen. Bis zu viermal im Jahr besuchen die zwei FachtutorInnen die Tischarbeitsgruppen Zuhause, um im „Trialog“ die Lernentwicklungen zu besprechen und den Eltern einen Einblick in die Unterrichtsinhalte zu geben. Für etwaige Probleme in der Lerngemeinschaft steht jedem Jahrgang eine Sozialpädagogin oder ein Sozialpädagoge zur Verfügung.

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Foto: robert-bosch-stiftung/theo barth


Die beste Schule Deutschlands

Der ehemalige deutsche Bundespräsident Christian Wulff, der einige Jahre zuvor noch die Gesamtschule abschaffen wollte, überreichte der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule 2011 den Schulpreis „Die beste Schule Deutschlands“. Sechs verschiedene Kriterien wurden dabei beurteilt: Leistung; Umgang mit Vielfalt; Unterrichtsqualität; Verantwortung; Schulklima, Schulleben, außerschulische PartnerInnen und Schule als lernende Institution. Der Vortrag im Rahmen des Bildungsdialogs 2012 der Grünen Bildungswerkstatt wurde seinem Motto Von anderen lernen gerecht: Lernen wir von einer ganztägigen Gesamtschule, die es in die Liga der Vorzeigeschulen geschafft hat!

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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