
Bei Niki Glattauer wird Pinocchio zum neuen Symbolbild der viel diskutierten PISA-Studie. Wie wenig die Studie und ihre Ergebnisse die Schulsituation Österreichs erfasse, zeigt der Autor in seinem Buch Die PISA-Lüge. Wie unsere Schule WIRKLICH besser wird. Gleichzeitig eigne sich die Studie, das Unvermögen der Schule in Bezug auf Chancengerechtigkeit und -gleichheit aufzuzeigen.
Äpfel sind nicht gleich Birnen
Zunächst einmal werden laut Glattauer bei der PISA-Studie Äpfel mit Birnen verglichen, sprich international völlig unterschiedliche Schulsysteme (Finnland, Shanghai) gegenüber gestellt. Dazu komme, dass sich Österreich nicht am Ende des Rankings befinde, sondern eher im Mittelfeld, da nicht 34, sondern 65 Staaten an der Studie teilnahmen. Außerdem wurde der Fakt missachtet so Glattauers Kritik , dass viele der einheimischen Testpersonen zwar die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, jedoch weder ausreichende Deutsch- noch gute Kenntnisse in der eigenen Muttersprache aufweisen. Laut APA haben Wiens Hauptschulen einen Anteil von 62,8% (2007/08) an SchülerInnen mit nicht-deutschen Muttersprachen. Das Problem des Schulsystems dabei sei, dass aus Unterschieden Defizite gemacht werden, was zu Segregation statt Integration und folglich zu Ghetto- und Restschulen führe.
Zusätzlich werde PISA eher für machtpolitische Spiele als für bildungspolitische Reformen genutzt. Dabei wären als erste Reformschritte eine gemeinsame LehrerInnenausbildung, Kommunikation mit PsychologInnen und SozialhelferInnen notwendig, zitiert Glattauer einen Professor und einen AHS-Direktor. Reförmchen gebe es schon: die Neue Mittelschule (NMS). Doch diese als neu zu bezeichnen sei ebenfalls gelogen. Das Konzept hätte es schon vor 30 Jahren gegeben, es wäre jedoch in erster Linie für die positive Entwicklung heranwachsender Menschen und nicht für die eines heranwachsenden Arbeitsmarktes bestimmt gewesen.
Mit Pisa-Lügen alte Probleme aufzeigen
Nach einer Reihe von PISA-Lügen kommt Glattauer aber auch zu dem Schluss, dass gerade durch die umfangreichen Daten dieser Studie die traurigen Tatsachen aufgezeigt werden konnten, dass Bildung in Österreich vererbt werde, immer noch keine faire Benotung zwischen ArbeiterInnen- und AkademikerInnenkindern aufgrund der bestehenden Zwei-Klassen-Schulgesellschaft stattfinde sowie ein überholtes Schulsystem Ghetto- und Restschulen entstehen lasse. Kinder mit ihren je eigenen Muttersprachen blieben so unter sich bzw. unter anderen, die ebenfalls kein oder kaum Deutsch können. Dies erschwere wiederum das Erlernen der deutschen Sprache. Durch das deutliche Sichtbarwerden der Problematik anhand der PISA-Lügen könnten neue Lösungen gefunden werden.
Österreich darf nicht sitzenbleiben
Im Rahmen der PISA-Studie fänden zwar Überlegungen und kleine Maßnahmen zur Verbesserung des Schulsystems statt, doch fehlt Glattauer der große Wurf. Kleine Änderungen wie u.a. die Abschaffung des Sitzenbleibens ab diesem Jahr ist ihm zu wenig, denn schließlich solle auch Österreich[s Schulsystem] nicht sitzen bleiben.
Hoffnung setzt er auf das durch Ex-Finanzminister Hannes Androsch initiierte Volksbegehren Bildungsinitiative (VBBI). Dieses stellt Forderungen wie Schul-Autonomie, veränderte LehrerInnenbildung, die generelle Aufwertung des Lehrberufs, Wertschätzung durch einheitliche bessere Ausbildung und leistungsbezogenes Dienst- und Besoldungsrecht durch den Bund sowie den Ausbau und einen Finanzierungsplan für Hochschulen und Universitäten. Lebenslanges Lernen soll durch mehr staatliche Mittel gefördert und Weltoffenheit gegenüber Internationalität in gesellschaftlichen Einrichtungen und wirtschaftlichen Betrieben geschaffen werden. Durch eine grundlegende Flexibilisierung der Lernbedingungen soll der Lernerfolg nicht länger vom sozialen Kontext abhängen. Das entsprechende Umfeld, um beispielsweise Deutsch lernen zu können, spiele eine große Rolle, noch wichtiger aber sei die Pflege der eigenen Muttersprache, die das erfolgreiche Erlernen einer anderen Sprache erst möglich mache, so die von Glattauer zitierte Volksschullehrerin Sanja Dugonjic.
Herzensbildung und Solidarität
Um aus diesen Problemen herauszufinden und Österreichs Schulen wirklich besser zu machen, setzt der Autor auf mehr Herzensbildung: Kinder brauchen die Möglichkeit, ihre eigene Stimme zu finden, darüber hinaus seien Raum für Individualität, Heterogenität, Freude am Lernen und Leisten sowie ein wohlwollender Umgang mit sprachlichen, religiösen und kulturellen Unterschieden notwendig. Statt zu trennen und zu disqualifizieren, solle Anerkennung und Wertschätzung von Differenzen im Mittelpunkt stehen und das Selbstwertgefühl der SchülerInnen gefördert werden.
Laut dem Wirtschaftspsychologen Othmar Hill sollen die Kinder bei essentiellen Lebensfragen wie Wer bin ich? Wohin bin ich geneigt? Wofür brennt mein Herz? unterstützt werden. Mit der Forderung nach einem Gymnasium für alle zitiert Glattauer die Journalistin Barbara Tóth aus einem Artikel im Falter:
Eine Schule, die Kinder aus privilegierten Haushalten mit Altersgenossen aus der Unterschicht zusammenführt, eröffnet neue Perspektiven für beide Seiten. Vor allem aber lehrt sie die Besseren einen Wert, für den es keine Unterrichtseinheit gibt: Solidarität.
Ein rasantes, provokantes und informationsreiches Buch mit humorvollen sowie nachdenklich stimmenden Schilderungen über die Situation an Österreichs Schulen, über das (Nicht-)Funktionieren der Bildungspolitik und das längst überholte Schulsystem. Eindrücklich wird dargestellt, dass tiefgreifende Reformen bereits viel zu lange aufgeschoben wurden. Die Darstellung Glattauers regt zum kritischen Hinterfragen des aktuellen österreichischen Bildungssystems, der Relevanz von PISA und seinen Zwecken und eventuell auch zur Reflexion über alte Bildungsstrukturen sowie ihre unzeitgemäße Intoleranz gegenüber Internationalität und kultureller Heterogenität an.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Glattauer, Niki: Die Pisa-Lüge. Wie unsere Schulen wirklich besser werden. Wien 2011: Uebereuter Verlag. ISBN: 978-3-8000-7514-0