Globales Lernen eine politische Bildung im Weltzusammenhang

Der 2. Vortrag der Reihe Der politische Mensch in der globalen Polis: Zur Rolle der politischen Erwachsenenbildung widmete sich dem Globalen Lernen. Helmuth Hartmeyer sprach am 9. November 2011 über die Herausforderungen von Bildung in einer globalisierten Welt. Moderiert wurde der Vortrag von Hakan Gürses (Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung).Gleich zu Beginn brachte Hartmeyer, Vorsitzender der Strategiegruppe Globales Lernen und Leiter der Abteilung Förderungen Zivilgesellschaft in der ADA, den im Bildungsbereich derzeit häufig diskutierten Begriff Kompetenzen ein. Durch diesen könne ein Zugang zur heutigen Globalität erschlossen werden, um so die Welt in ihrer Vielfalt in Erfahrung zu bringen. Zentral hierbei sei, welche Methoden zum Kompetenzerwerb in der politischen Erwachsenenbildung verwendet werden ein Thema, das nur selten Beachtung findet.

Erfahrungen & Erkenntnisse

Hartmeyer, der selbst vierzehn Jahre Lehrer war, bearbeitet das Thema Globales Lernen auch mit StudentInnen als Lehrbeauftragter der Internationalen Entwicklung. Globalität begegne uns in so vielen Bereichen des täglichen Lebens, dass es entscheidend sei, mit dieser richtig umzugehen. Über die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, und unser Verhalten, mit dem wir auf sie reagieren, müsse mehr nachgedacht werden, ohne sich jedoch von der Globalisierung verunsichern zu lassen. Erkenntnisse werden durch Erfahrungen gemacht, brachte es Hartmeyer auf den Punkt. So könne man die Tatsache, dass unsere Umwelt sich rasch verändert und wir TeilnehmerInnen einer Entwicklung mit sehr hoher Mobilität sind, als Chance oder als Behinderung sehen. Als wissenschaftlicher Forscher in der, über die und durch die Welt, wie Hartmeyer es formulierte, gelange er zu der Erkenntnis, dass es mehr Bildung braucht, um Lösungen für unsere Probleme zu finden. Doch Weltverbesserung per se sei kein Bildungsprogramm. Auch sei es ein Trugschluss zu glauben, mit mehr Informationen Änderungen bewirken zu können. Dem Globalen Lernen gehe es daher nicht primär um Wissensvermittlung. Das Wissen in der Welt und über die Welt verdopple sich alle fünf Jahre und kein noch so hoch entwickeltes Lernverfahren könne diesem Tempo standhalten, so Hartmeyer. Es gehe vielmehr um eine kritische Auseinandersetzung mit Einstellungen und Haltungen, um die Hinterfragung von geglaubtem Wissen. Durch das Einbetten in einen globalen Kontext werde politische Bildung zu Globalem Lernen.

Dialog, Konsens und gemeinsames Gestalten

Helmuth Hartmeyer stellte dem rasanten Wachstum des Wissens ein Plädoyer für Entschleunigung entgegen: Statt mit Angst zu arbeiten, wie es unsere Medien gerne tun, wäre es besser, die Herausforderungen der heutigen Zeit mit mehr Ruhe, Muße und Langsamkeit anzugehen. Bildung solle das Hier und Jetzt verstärkt in den Mittelpunkt rücken. Denn das ausschließliche Fokussieren auf die Zukunft verhindere das kritische Betrachten der Gegenwart. Unsere Gesellschaft brauche mehr Dialog, Konsens über Perspektiven und gemeinsames Gestalten von Politik. Diese Meinung rundete er mit einer beliebten Redewendung ab: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Von Entwicklungspolitischer Bildung zum Globalen Lernen

Bildung als Selbstzweck, wie sie im 18. Jahrhundert im humboltschen Idealismus als Sinn von Erziehung gesehen wurde, gebe es heute nicht mehr. Den Unterschied zwischen den Konzepten der entwicklungspolitischen Bildung, die in den 1990er Jahren praktiziert wurden, und Globalem Lernen erklärte Hartmeyer folgendermaßen: Die damalige Erziehungstheorie besagte, dass der Mensch durch Bildung befreit werden könne, was zu einer Art „Postulativpädagogik“ führe. Dies meint, dass ein bestimmtes Ziel vorgegeben wurde, und genau das erscheint Hartmeyer gefährlich, da dies letztlich nur über Indoktrination erreichbar sei. Die entwicklungspolitische Bildung beziehe sich auf dort, wobei das Globale Lernen seinen Ausgangspunkt im hier sähe. Es beziehe sich damit stärker auf die Lebenswirklichkeit in der Gegenwart und setze selbstorganisiertes Lernen in den Mittelpunkt.

Diskussionsstoff

Worum geht es denn nun beim Globalen Lernen, warum ist es so wichtig? Für die ZuhörerInnen kristallisierten sich zahlreiche Inhalte heraus, auch wenn diese im Anschluss zum Teil kritisch diskutiert wurden. Bewusstsein und Gesinnung können nicht mittels didaktischer Instrumente beeinflusst werden, sondern lediglich durch intrinsische Motivation und selbstorganisiertes Lernen. Kontingenz, Persönlichkeitsbildung und kulturelle Pluralität waren nur einige der wichtigen Punkte in der abschließenden Diskussion. Aus dem Publikum kam die Anmerkung, dass zuerst die richtigen Lernvoraussetzungen für die Menschen geschaffen werden müssten, bevor man sich mit der Aneignung von Kompetenzen überhaupt beschäftigen könne. Und dass Bildung allein nicht viel in der Welt verändern könne. Hartmeyer machte daraufhin auf die Problematik der Individualisierung aufmerksam. Er sehe es problematisch, dass der Großteil der Bildungspraxis auch heute noch weit weg von politischen Fragestellungen und gesellschaftlichen Problemen sei. Das Globale Lernen setze deshalb bei der Einbettung der/des Einzelnen in Globalität an.

Die Autorin ist Praktikantin im Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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