
Bildung ist einer der Schlüssel für die Bewältigung der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen. Zu diesem Schluss kamen die Akteursgruppen der 2. Österreichischen Konferenz für Berufsbildungsforschung in Steyr 2010. Die stattgefundenen Diskussionen wurden im Tagungsband Turbulenzen auf Arbeitsmärkten und in Bildungssystemen zusammengetragen.Die DiskutantInnen verorten Turbulenzen auf mehreren Ebenen und bieten eine transdisziplinäre Betrachtungsweise. Die 25 Beiträge des Bandes werden im Buch fünf Themenbereichen zugeordnet. Beginnend mit dem Kapitel Globalisierung, Gerechtigkeit und Durchlässigkeit werden Herausforderungen und Zusammenhänge auf globaler als auch nationaler Ebene angesprochen. Thema ist die globale Fachkräfteausbildung, wie sie in den Ländern China, Indien oder Brasilien vorangetrieben wird, und ihre Auswirkungen auf österreichische Ausbildungssysteme. Die AutorInnen prognostizieren hier einen Verlust des Wissensvorsprungs im Westen. In diesem Abschnitt des Sammelbandes wird weiters auf österreichische und deutsche (Berufs)Bildungspolitiken eingegangen: Einerseits werden bestehende Ungleichheitsmechanismen beider Politiken aufgezeigt, andererseits grundsätzliche Fragen an die Berufsbildung gestellt.
Über Kompetenzen und Weiterbildungen
Der zweite Teil des Buches steht unter dem Titel Lernergebnisse, Qualifikationsrahmen und Kompetenzorientierung. Darin werden die Festlegung von Qualifikationen und ihre Messbarkeit auf europäischer Ebene thematisiert. Ein geraumer Teil wird auch der informellen Aneignung von Wissen gewidmet. Es geht um die Weitergabe von beruflichen und sozialen Kompetenzen der Auszubildenden, die durch die Ausbildungssysteme vermittelt werden (sollen). Die AutorInnen sind sich abschließend über die generelle Schwierigkeit von Kompetenzbildung einig.
Den Themen Arbeitsmarkt, Weiterbildung und Erwerbsverläufe widmet sich der dritte Teil dieses Bandes. Im Mittelpunkt dieser Beiträge stehen Erwachsene und ihre Teilhabe an beruflichen Weiterbildungsprozessen.
Jugendliche im Mittelpunkt
Die Inhalte des Kapitels Schnittstellen, Übergänge und Berufswahl fassen die Hauptfragen der Konferenz 2010 zusammen. Im Fokus stehen hier Jugendliche und ihre Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe. Als Praxisbeispiel wird die Evaluierung des Projektes „Ausbildungslotse“, das in den Regionen Hannover/Braunschweig/Göttingen/Wolfsburg durchgeführt wurde, vorgestellt. Für das Konzept des Ausbildungslotsen werden neue AkteurInnen in Schulen eingebracht, die das Ziel verfolgen, die Komplexität des Übergangs der Jugendlichen aufzuzeigen und verstehbar zu machen. Ausbildungslotsen unterstützen, beraten und begleiten Jugendliche auf diesem Weg. Dafür wurde in jeder Schule ein eigenes Büro eingerichtet. Ein weiteres Kennzeichen des Projektes ist die hohe Vernetzung zwischen Lehrkräften, Eltern, BerufsberaterInnen und betrieblichen AkteurInnen. Das Projekt wird jeweils in der Abschlussklasse durchgeführt. Die Evaluationsberichte sprechen von vier Voraussetzungen, die für einen Erfolg des Projektes gegeben sein müssen: ein fundierter Interventionscharakter, eine sorgfältige Bedarfsfeststellung, die Einbettung in den Schulalltag sowie die Vernetzung mit anderen AkteurInnen.
Im fünften und letzten Themenbereich werden Bildungsbenachteiligung und Chancengleichheit von speziellen Zielgruppen zur Diskussion gestellt. Als Benachteiligte Gruppen werden Frauen, frühe SchulabbrecherInnen und SchülerInnen mit intellektueller Beeinträchtigung ins Blickfeld genommen.
Conclusio
Das Buch ist transdisziplinär ausgerichtet. Verschiedene Disziplinen (Ökonomie, Soziologie, Psychologie) werden von unterschiedlichen Forschungseinrichtungen (Universitäten, Pädagogische Hochschulen, außeruniversitäre unabhängige Forschungseinrichtungen) in die Analyse mit einbezogen. Die Theorie wird mit Praxisbeispielen verbunden und ermöglicht durch ein Bündel aus qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden eine fundierte Darstellung der Turbulenzen am Arbeitsmarkt und in Bildungssystemen.
Zugleich werden Forschungslücken im Bereich der Berufspädagogik aufgezeigt, die unter anderem durch mehr Nachwuchsforschung gefüllt werden sollen. Positiv ist weiters, dass notwendige Handlungsbereiche und die damit verbundenen Problematiken auf allen globaler-europäischer-nationaler Ebene diskutiert werden. Was aber viel wichtiger erscheint, ist, dass „Mythen der Berufsbildungspolitik“ thematisiert und wissenschaftlich fundiert entzaubert werden. Zuschreibungsirrtümer die eine lösungshemmende Wirkung mit sich ziehen nennt beispielsweise
Elisabeth Krekel diese Mythen in ihrem Kapitel zur dualen Berufsbildung in Deutschland .
Dieses Buch kann als Versuch der Aufklärung dieser Zuschreibungen betrachtet werden und stellt somit einen wichtigen Schritt in Richtung lösungsorientiertes Handeln dar.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung und Diplomandin im Projekt „Ungleiche Vielfalt“.
Markowitsch, Jörg; Gruber, Elke; Lassnigg, Lorenz; Moser, Daniela (2011): Turbulenzen auf Arbeitsmärkten und in Bildungssystemen. Beiträge zur Berufsbildungsforschung.
Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag (Innovation in der Berufsbildung Band7), 479 Seiten