Der engagierte Lehrer und seine Feinde

Selten so gelacht bei der Lektüre eines bildungspolitischen Büchleins – das werden sich viele der LeserInnen denken, die zu Niki Glattauers Lagebericht an Österreichs Schulen, „Der engagierte Lehrer und seine Feinde“ greifen. Doch sein pointenreicher Bericht entfaltet ein düsteres Bild und gibt zu denken.Niki Glattauer ist Lehrer an der KMS 18 jener Schule, mit der das Paulo Freire Zentrum seit einigen Jahren zusammenarbeitet. Lehrer? Nein, er ist Lehrerin, denn er verwendet nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle seine KollegInnen ausschließlich die weibliche Form, um auf ein Strukturproblem der österreichischen Schule aufmerksam zu machen: Der Berufsstand der LehrerInnen ist wenig angesehen, nicht gut bezahlt und wird daher von Männern gemieden. (Bis zum Titel am cover hat es diese bestechende Idee allerdings nicht geschafft, das war wohl dem Verlag zu riskant. Dort ist nur die Rede vom „engagierten Lehrer“.)

Doch das ist nur der Anfang von gut 200 Seiten Problemdiagnose.

Die Feinde der Lehrerin

Glattauers Grundthese ist, dass Österreichs Lehrkräfte schon einiges zustande bringen könnten, wenn man sie nur ließe. Der/die engagierte LehrerIn hat aber Feinde, was Glattauer in seinem Schlusswitz am Beispiel einer Unterrichtseinheit zu Romeo und Julia in der 4B anschaulich schildert:

„- Niemand hat nur Freunde. (Pause) Alle Menschen haben auch Feinde. Die einen haben mehr, die anderen weniger. Das ist bis heute so. Manche Menschen kämpfen ein ganzes Leben lang gegen ihre Feinde, es herrscht blanker Hass, man versucht seinen Feind zu vernichten, oft über Generationen hinweg, und irgendwann weiß keiner mehr, wie die Auseinandersetzung angefangen hat, und schon gar nicht, warum. Darum sollte …

– Lehrer auch?

– Was Lehrer auch?

– Lehrer haben auch Feinde, stimmt’s? (Pause) Die sie vernichten wollen, weil sie sie hassen.

– (Pause) Patrick, da geht es jetzt nicht um Berufsgruppen, sondern um …

– Ich weiß, wer die größten Feinde der Lehrer sind.

– Aha?

– Kaugummis (hahaha).“

(Niki Glattauer (2010): Der engagierte Lehrer und seine Feinde. S. 200f.)

„Kaugummi“ ist zuletzt also die Metapher für all das, was LehrerInnen am wirkungsvollen Lehren und Erziehen hindert: Das Fehlen menschenwürdiger Arbeitsplätze in der Schule, die unglückliche Halbtagesstruktur der Schule, mangelnde Schulautonomie, fehlende Anerkennung, überholter Fächerkanon, die Ideologie des Sitzenbleibens, etc. etc. Vor allem aber kritisiert Glattauer die Trennung der SchülerInnen im Alter von 10 Jahren, die bestehende soziale Ungerechtigkeiten zementieren:

„Höhere Töchter und Söhne werden jedenfalls in Wien – weiterhin die AHS besuchen, tiefere Jessicas und Alis weiterhin die Hauptschule.“ (S. 196)

Die LehrerInnen und ihr Arbeitsumfeld

Im Mittelpunkt seiner Kritik und im Fokus seiner Forderungen steht die Arbeitssituation der LehrerInnen in der Überzeugung, dass deren Wohlbefinden ausschlaggebend für ein erfolgreiches Miteinander in der Schule ist. Die Wertschätzung, die LehrerInnen in unserer Gesellschaft entgegengebracht wird, ist viel zu gering. Ausdruck dieser ist beispielsweise der Arbeitsplatz, der de facto nicht existiert. LehrerInnen sind darauf angewiesen, Schulsachen immer wieder zwischen Eigenheim und Schule hin und her zu schleppen, weil diese für LehrerInnen keine Möglichkeit und Räume bietet, zu arbeiten.

Dazu kommen keine gebührende Entlohnung sowie so gut wie null Chance auf Beförderung oder Karrieresprung, so Glattauer. Diese Situation in einem derart verantwortungsvollen Job bringt viele zur Verzweiflung Schuld dafür bekommen oft Kinder, Medien, Eltern oder der Migrationshintergrund zugesprochen.

Glattauer erinnert uns auch daran, dass sich der Fächerkanon seit Maria Theresia nicht verändert hat und die Schulgebäude, 50-Minuten Abschnitte und das Schuljahr selbst Relikte aus militärisch-pädagogischen Zeiten zwischen Drill und Kaserne darstellen. Eine Schulklasse misst 65 Quadratmeter und somit exakt soviel wie vor 300 Jahren. Glattauer fragt provokant nach einem zweiten Beruf, in dem sich Arbeitsverhältnisse derart wenig verändert haben, wie im Schulwesen.

Die Vielfalt

Glattauer weiß, dass es sowas wie Migrationshintergrund gibt. Er weiß es, weil in der KMS Schopenhauerstraße 89,3% der SchülerInnen nicht deutsche Muttersprache haben. Und er kann es nicht mehr hören. Sein Kapitel über „echte und unechte ÖsterreicherInnen“ stellt Glattauer unter den Titel „Ayran statt Schulmilch“ und zitiert dort ausführlich aus … einer Diplomarbeit, die im Rahmen des vom Freire Zentrum durchgeführten Projektes „Hauptschule trifft Hochschule“ entstanden ist. Lisa Pesendorfer hat sich 2009 unter der Betreuung von  Andreas Novy ausführlich mit der Lage an der KMS 18 beschäftigt. Glattauer selbst sieht im Migrationshintergrund nicht die Ursache für schulische Probleme von Kindern und Jugendlichen. Vielmehr verdecke der Migrationsdiskurs die sozialen Differenzen zwischen Ober-, Mittel- und Unterschicht. Auch dazu führt Glattauer das Paulo Freire Zentrum an, das im Februar 2010 in der KMS 18 zur Auftaktveranstaltung des Projektes „Ungleiche Vielfalt“ mit Rüdiger Teutsch geladen hatte. Dieser diskutierte mit Murat Ssoy das Thema der Einbindung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das österreichische Bildungssystem. Die bekannten Fakten zur ungleichen und ungerechten Behandlung von MigrantInnen wurden dort aufbereitet.

Glattauer sieht hier die Folgen gesellschaftlicher Strukturen:

„In erster Linie zeugen die Umstände vom Versagen einer Gesellschaft, die sich einst „Gastarbeiter“ geholt hat, sie bis zum heutigen Tag behandelt wie „Fremd“-Arbeiter, und sich jetzt wundert, dass diese aus dem Fremden-Eck nicht herausfinden oder, sagen wir es ruhig, oft genug gar nicht herauswollen.“ (S. 58)

Glattauers Buch sei allen empfohlen, die Einblicke in den Alltag an einer sozial exponierten Stelle des österreichischen Schulkosmos gewinnen möchten. Wir sind gespannt auf die Lektüre des jüngst erschienenen Nachfolge-Buches „Die PISA-Lüge. Wie unsere Schule wirklich besser wird“.

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