
Seit nun gut einem Jahrzehnt kann Globales Lernen als zentrales Paradigma der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit angesehen werden. Doch dem Konzept haftete stets etwas Unbestimmtes an: Zu unscharf waren die Konturen, zu weitreichend der Anspruch, der da lautet, dass Globales Lernen die pädagogische Antwort auf die Globalisierung sei.Diese konzeptionellen Herausforderungen diskutiert das von der Didaktik-Professorin aus Münster Gabriele Schrüfer und der Wiener Neustädter Südwind-Mitarbeiterin Ingrid Schwarz herausgegebene Buch Globales Lernen, das sich als geographischer Diskursbeitrag versteht.
Ungleiche Parallelaktion
Das Buch entstand aus zwei Sitzungen, die im Rahmen des Deutschen Geographentags 2009 in Wien stattfanden. Die Publikation ist unter anderem auch deshalb von Interesse, weil die Diskussionen zum Globalen Lernen in Deutschland und in Österreich unterschiedlich geführt werden. Während sie sich in Deutschland von der Perspektive der Bildung für nachhaltige Entwicklung Entwicklungsfragen annäherte, verlief in Österreich der Prozess umgekehrt: Von der entwicklungspolitischen Bildung ausgehend wurden verschiedene Bildungsansätze wie interkulturelle Pädagogik, Friedenserziehung, interreligiöses Lernen und eben auch Umwelterziehung integriert. (Siehe dazu der instruktive Beitrag von Helmuth Hartmeyer im Band)
Die konzeptionelle Entwicklung des Globalen Lernens fand vor dem Hintergrund internationaler Prozesse statt, die von den Vereinten Nationen und der UNESCO betrieben werden. Das hat den Vorteil, von Anfang an in offizielle Agenden aufgenommen zu werden. Die Kehrseite zeigt sich aber in der Sprache: Den Texten des Globalen Lernens haftet immer etwas Offiziöses an: Politisch korrekt versucht man es allen recht zu machen und nirgendwo anzuecken. Selten kann da Sprache griffig werden. Es ist eben gerade kein Lernkonzept, das aus der Solidaritätsbewegung oder gar dem Widerstand gegen hegemoniale Ungleichheitsverhältnisse kommt, sondern steht für das Beste, was die offizielle Welt des Lernens im Hinblick auf globale Entwicklung zu bieten hat. Und das muss naturgemäß ein Kompromiss sein.
Globales Lernen als umkämpftes Terrain
Positiv gesprochen sind Kompromisse immer Ergebnis von Auseinandersetzungen: ein politisches Ergebnis, das sich aus der Summe der Machtverhältnisse ergibt. Globales Lernen ist, wie vieles andere auch, umkämpftes Terrain. Es kann ausgesprochen langweilig werden, wenn es allen alles recht machen möchte, es kann aber auch Raum für politisch relevante Interventionen in Lernprozessen geben.
Der von Gabriele Schrüfer und Ingrid Schwarz herausgegebene Sammelband beinhaltet beide Ausrichtungen des Globalen Lernens. Auch Sammelbände sind immer Kompromisse und geben damit Zeugnis für die internen Diskrepanzen in einem spezifischen Diskursbereich. Die vorgelegten Texte reichen von fundamentaler Kritik des Globalen Lernens, reflektierend loyalen Diskussions-Beiträgen bis zu affirmativen Selbstdarstellungen.
sapere aude!
Überraschend hart ins Gericht mit dem Globalen Lernen geht der Frankfurter Geographie-Didaktiker Jürgen Hasse, der es als gegenaufklärerisches Projekt kritisiert, das politischen Interessen geschuldet sei. Es gehe darum, politökonomische Interessensgegensätze als harmonisierbar darzustellen und grundlegende Systemfragen auszublenden. Hasse zerlegt einen Kernbegriff des Globalen Lernens nach dem anderen und kritisiert deren mythischen Charakter: Begriffe wie Weltgesellschaft, Weltgemeinschaft, Eine Welt, Achtung vor der globalen Mitwelt betrachtet er als ideologische Verschleierung, die dekontextualisierend globale Verteilungskämpfe und dahinter liegende politökonomische Interessen verschwinden lassen wollen. Mit Verweis auf Sloterdijk charakterisiert Hasse den Globalisierungsdiskurs als von semantischen Raumfähren durchkreuzt, die dank ihrer unbegrenzten Ladekapazitäten für den heimlichen Transport überlaufender Bedeutung politisch, wissenschaftspsychologisch und schließlich diskurshygienisch so gefragt sind. (S. 51)
Als Gegenentwurf verweist Hasse auf die Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins und zitiert damit als einziger Beitragender des Bandes einen Klassiker der Entwicklungstheorie. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie wenig in den Beiträgen auf Entwicklungsforschung Bezug genommen wird. Geographiedidaktik wie Bildungswissenschaften muten als selbstreferentielles System an, die nur die eigenen Fachzeitschriften zur Kenntnis nehmen und damit mit ihrem Versuch, die ganze Welt zu begreifen, provinziell wirken. Es ist, als hätte es nie Dependenztheorien gegeben und als würden heute nicht allerorten die postkolonialen Diskussionsbeiträge debattiert.
Der Kern der Kritik Jürgen Hasses erscheint mir aber nicht im Widerspruch zum Globalen Lernen zu stehen: Politisch affirmative Erziehung führt vom Metaziel der Aufklärung weg. Eine zentrale Aufgabe allgemeiner Bildung läge darin, die Zwiespältigkeit des Globalisierungsprozesses nicht mit dem didaktisch verbrämten Wunsch, auf der richtigen Seite stehen zu wollen, sondern mit einer kritischen Reflexion globalisierter System- und Lebenszusammenhänge zu beantworten. (S. 59)
Ein konsequent an der Maxime der Aufklärung orientiertes Globales Lernen wäre doch denkbar, meine ich. Allerdings kann es sein, dass man sich damit nicht nur Freunde macht; und wahrscheinlich wäre genau dies dann auch als Qualitätsmerkmal anzuerkennen.
Leibnitz versus Newton
Konzilianter fällt die Kritik der aus Salzburg stammenden Geographin Ulli Vilsmaier aus, die sich mit dem fundamentalen Widerspruch im Globalen Lernen befasst, gleichzeitig über nichts weniger als die ganze Welt zu sprechen, als würde man nicht dazugehören, und doch auch als Teil dieser Welt zu sprechen: „Während wir in unsrer leibhaftigen Verankerung auf dem Globus Teil dessen sind, sind wir doch auch davon verschieden, weil wir es selber sind, die wir das Ganze sagbar und fassbar machen.“ (S. 36) Von welchem Raum ist hier die Rede? Aus welcher Perspektive wird er konstruiert? fragt Vilsmaier. Ihr anspruchsvoller Text ist eine wirklich gescheite Intervention in die Debatte. Zu lernen ist dort einiges über die Qualität von Raum. Vilsmaier kritisiert das Raumkonzept des Aufklärers Newton mit jenem des Aufklärers Leibnitz. Wir sehen, auch die Aufklärung ist nicht einförmig. Es gilt, so Ulli Vilsmaier weiter, ein positivistisches Raumverständnis zugunsten eines diastatischen, gewissermaßen eines dialektisch gedachten zu überwinden.
Die anderen Beiträge des Sammelbandes reagieren leider kaum auf diese herausfordernden Kritiken. Geradezu brutal wirkt der Übergang von Jürgen Hasses Fundamentalattacke auf das Globale Lernen zum rein empirizistisch argumentierenden Text von Annette Scheunpflug und Rainer Uphues. Die Doyenne des Globalen Lernen fordert genau das, was Ulli Vilsmaier in ihrem Beitrag als positivistische Kurzsichtigkeit kritisiert hatte: eine empirische Wende, um die Wirksamkeit des Globalen Lernen erheben zu können. Wäre nicht ein dialektischer Zugang angemessener, um zu erfassen, zwischen welchen politischen und ökonomischen Widersprüchen sich Globales Lernen bewegt? Der Text von Scheunpflug und Uphues wirkt wie eine Bestätigung der Kritiken von Hasse: Das Globale Lernen stellt sich als unpolitisches Konzept dar, das sich gewissermaßen als Sozialtechnologie anempfiehlt, dabei aber Machtverhältnisse nicht ernsthaft anspricht.
spannungsvoll
Viel wäre noch über die weiteren Beiträge dieses etwas inkohärenten Sammelbandes zu sagen, die manchen interessanten Einblick in die gegenwärtige Praxis des Globalen Lernens erlauben, insbesondere im Text der Praktikerinnen Heidi Grobbauer und Karin Thaler.
Bei den letzten beiden Beiträgen von Johann-Bernhard Haversath und Marten Lößner hat sich dem Rezensenten leider nicht erschlossen, weshalb sie in den Band aufgenommen wurden, sprechen sie doch vom Konzept des Lernens an der Welt und erwähnen das Globale Lernen gar nicht.
Der Sammelband zieht damit einen im wahrsten Sinn des Wortes spannungsvollen Bogen von Fundamentalkritik über empirische Beobachtungen bis zu konkreten Modellen für die Bildungsarbeit.
Gabriele Schrüfer und Ingrid Schwarz (Hg., 2010): Globales Lernen. Ein geographisches Diskursbeitrag. Münster: Waxmann. 183 Seiten. ISBN 978-3830923527. 24,90 EUR.
Die Rezension ist auch im Heft 3/2011 der Zeitschrift für Internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik (ZEP) erschienen.