
Die Theateraktivistin Birgit Fritz hat ihr über viele Jahre gesammeltes Wissen über das Theater der Unterdrückten in ihrem neuen Buch „InExActArt“ festgehalten. Der Untertitel „Ein Handbuch zur Praxis des Theaters der Unterdrückten“ betont die besondere Eignung des Buches für die praktische Anwendung. Es kommen aber auch theoretische Aspekte dieser politischen Theaterarbeit vor.
Birgit Fritz eine Pionierin im Wandel
Birgit Fritz ist eine Pionierin der österreichischen Theater der Unterdrückten Szene und konnte viele Menschen (wie mich) in den Bann dieser emanzipatorischen Theaterform ziehen. Dies ist ihrer Tätigkeit als Multiplikatorin zu verdanken, ob als Lektorin am Institut der Afrikanistik und Internationalen Entwicklung, wo sie jahrelang eine Lehrveranstaltung zur transkulturellen Theaterarbeit leitete oder durch ihren Grundlagenlehrgang an einer Wiener Volkshochschule. Auch mit ihrem 2003 gegründeten Verein „TdU Wien“ organisierte sie zahlreiche Workshops und Veranstaltungen mit PraktikerInnen des Theaters nach Augusto Boal aus der ganzen Welt. Dieser Verein erfährt jetzt einen Generationenwechsel und Fritz ist im Begriff, einen neuen Verein zu gründen, der den gleichen Titel wie das Buch trägt: „InExActArt„. Mit dem Eintreten in einen neuen beruflichen Lebensabschnitt, unter anderem als Feldenkraispädagogin, hat sie ihre in über 300 durchgeführten Workshops gesammelten Erfahrungen über das Theater der Unterdrückten in einem Buch verewigt.
Das Werk ist sehr persönlich gehalten, da die Inhalte Fritz‘ langjährigen Erfahrungen und Beziehungen entspringen. Die Autorin folgt dem Prinzip des kollektiven Schaffungsprozesses des Theater der Unterdrückten auch in ihrem Buch. So kommen einige internationale KollegInnen in Form von Beiträgen oder Interviews zu Wort, wie Sanjoy Ganguly von der weltweit größten Theater der Unterdrückten Gruppe Jana Sanskriti in Indien, Julian Boal der Sohn Augustos vom GTO Paris, Hector Aristizábal Exil-Kolumbianer in den USA, Barbara Santos vom CTO Rio, Serando Camara Baldé vom GTO Bissau und Ralph Yarrow – Gründer des MA Theater und Entwicklung in Großbritannien.
Inspiration & Werkzeug für die Praxis
Das Buch besteht aus vier Teilen, wobei die ersten drei eher praxisnahe sind. Birgit Fritz teilt ihr Repertoire an Übungen und Spielen mit uns und erklärt ausführlich deren dahinter liegende Bedeutungen und Ziele. Im ersten Teil werden Übungen zum Einstieg und Beziehungsaufbau beschrieben. Es folgt eine detaillierte Anleitung einer der „Königsdisziplinen“ des Theaters der Unterdrückten, des Forumtheaters. Diesen umfangreichen Leitfaden sehe ich als besonders hilfreich an, da das Anleiten dieses Prozesses als JokerIn eine große Herausforderung und Verantwortung darstellt. Im dritten praktischen Teil werden vertiefende Übungen genannt, die das sinnliche Bewusstsein anregen. Weiters wird der Ästhetik der Unterdrückten Platz eingeräumt. Dabei wird der Blick erweitert auf Kunstformen, die im Theater relevant sind, wie Musik, Poesie, Fotografie, Malerei oder die Gestaltung von Skulpturen. Der vierte Teil mit dem Titel „Orientierung vor dem Horizont“ öffnet das Themenfeld für die internationale Theater der Unterdrückten Bewegung und weitere Aspekte, die in der politischen Theaterarbeit von Bedeutung sind, wie Transkulturalität, Feminismus und Friedensarbeit. Die gebürtige Kärntnerin lässt uns hier an ihren Erfahrungen in der weltweiten Theater der Unterdrückten Community Teil haben: Sie zeigt an Hand der Kooperation von der ATG (Aktionstheatergruppe) Halle aus Deutschland und Jana Sanskriti aus Indien auf, wie politische Theaterarbeit lokal verwurzelt und gleichzeitig global vernetzt sein kann. Im Porträt der ATG Halle werden Entstehungsgeschichte, Organisationsstrukturen, Arbeitsweisen und Herausforderung einer freien Theatergruppe beleuchtet.
Die facettenreiche Welt des Theaters der Unterdrückten
InExActArt ist ein sehr wertvolles Werkzeug für PraktikerInnen und (potentielle) TrainerInnen des Theaters der Unterdrückten. Da die Anleitungen den Großteil des Buches ausmachen, eignet es sich sehr gut als Hilfestellung für die Durchführung eigener Workshops. Fritz folgt in der Struktur des Buches einem wesentlichen Prinzip Freires, der Einheit von Aktion und Reflexion. Sie integriert also auch in den praxisnahen Kapitel theoretische Aspekte und politische Überlegungen. Das Werk beinhaltet sehr viele Facetten, die Fritz im Laufe ihrer Tätigkeit kennen gelernt hat und die vermutlich in ihrem Verständnis ineinander fließen. Als LeserIn vermisste ich aber manchmal einen roten Faden. Die zwar sehr interessanten, aber auch sehr verschiedenen Aspekte stehen oft unverbunden im Raum. Persönliche Erfahrungen von Fritz und ihren KollegInnen wechseln sich ab mit Beschreibungen von nahestehenden Gruppen, allgemeinen Grundsätzen und politischen Reflexionen. Einerseits mangelt es diesem Sammelsurium zwar an Struktur, andererseits wirkt dieser persönliche Stil auch sympathisch. Er lässt spüren, dass das hier festgehaltene Wissen durch das Leben gemeinsam mit anderen Menschen und mit Leidenschaft erworben wurde. Dieses Wissen ist, so wie das Theater der Unterdrückten selbst, nicht in Schubladen zu ordnen, sondern entspricht einem facettenreichen Lebensweg in den Worten eines lange in Japan lebenden Freundes von Birgit Fritz Engeki-Do dem Weg des Theaters.
Das Buch ist erhältlich über das Theater der Unterdrückten – Wien:
office@tdu-wien.at
www.tdu-wien.at
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
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