Zukunft trotz(t) Herkunft war der eingängige Titel einer Veranstaltung der Arbeiterkammer Wien in Kooperation mit der Armutskonferenz, BildungGrenzenlos und Boja Bundesweites Netzwerk offener Jugendarbeit, die am 31. Mai 2011 stattfand. Diskutiert wurde, wie Sozial- und Bildungspolitik zusammenarbeiten müssen, um allen jungen Menschen die Chance auf ein gutes Leben zu ermöglichen.Frühe SchulabgängerInnen in Österreich und ihr Hintergrund
Dass die soziale und kulturelle Herkunft einen großen Einfluss auf die Bildungs- und Arbeitschancen von Jugendlichen in Österreich hat, ist eine oftmals belegte Realität. Auch wenn mit 8,3% die Quote von frühen SchulabgängerInnen junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren, die höchstens einen Pflichtschulabschluss vorweisen können und aktuell nicht in einer Ausbildung stehen im europäischen Vergleich relativ niedrig ist, sagt die Zusammensetzung dieser Gruppe viel über gravierende soziale Probleme in Österreich aus.
Erna Nairz-Wirth der WU Wien zeigte in ihrem Vortrag, dass nur 3,9% der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsstand Risiko laufen, ihre Schullaufbahn frühzeitig zu verlassen. Bei Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsstand liegt das Risiko bei 19,6%. Noch drastischer zeigen sich die Unterschiede bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Jugendliche, die in Österreich geboren sind und keinen Migrationshintergrund haben, laufen zu 4,5% Gefahr höchstens die Pflichtschule abzuschließen. Bei Jugendlichen, die in einem Nicht-EU15-Land geboren sind, liegt die Risikoquote bei 30%.
Die frühe Beendigung der Bildungslaufbahn hat in einer Wissensgesellschaft, wie der österreichischen, schwerwiegende Konsequenzen für junge Menschen, erklärt Nairz-Wirth. Die Arbeitslosigkeit ist um ein fünffaches höher als bei Jugendlichen mit einem Abschluss der Sekundarstufe II. Außerdem erzählen alle Jugendlichen, die Teil ihrer Studie waren, dass sie stigmatisierende Erfahrungen gemacht haben. Dies führt oftmals zu einem sozialen Rückzug, der die strukturelle Benachteiligung für jedes Individuum noch verstärkt.
Über Ungleichheiten & Bedrohungen
Die Zahlen unterstreichen das Argument der ersten Vortragenden der Veranstaltung, Rita Nikolai von der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie zeigte in ihrem Vortrag die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit zwischen Sozial- und Bildungspolitik. Denn nur durch Bildung ist sozialer Schutz nicht leistbar, außerdem muss Sozialpolitik gegen Ungleichheit arbeiten, um Kindern und Jugendlichen überhaupt einen Zugang zum System und einen erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen.
Als dritter Vortragender brachte Josef Bakic vom FH Campus Wien die Perspektive der Sozialarbeit in die Diskussion ein. Soziale Arbeit beschäftigt sich genau mit diesen 8,3% von jungen Menschen, die keinen höheren Bildungsabschluss haben und konstant der Bedrohung ausgesetzt sind, aus dem System zu fallen.
Josef Bakic erklärte, dass Jugendliche im öffentlichen Diskurs oft als Bedrohung dargestellt werden. Der Fokus bei jungen Menschen, besonders bei denen, deren Leben nicht systemkonform verläuft, liegt auf ihren Problemen und nicht auf den Talenten und Potentialen, die sie mitbringen.
Was können wir verbessern?
Im zweiten Teil der Veranstaltung hatten nun alle TeilnehmerInnen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und ihre Expertise in Workshops miteinander zu teilen. Die Workshopthemen erstreckten sich von Prävention in der Schule, über den Übergang Schule-Arbeitsmarkt, hin zu der allgemeinen Frage nach Koordination und Brücken zwischen den verschiedenen AkteurInnen.
Das Ziel jedes Workshops war es, Verbesserungsvorschläge für den jeweiligen Bereich zu erarbeiten, die am Ende der Veranstaltung Minister Rudolf Hundstorfer, Stadtrat Christian Oxonitsch und VertreterInnen der Armutskonferenz, der Arbeiterkammer und eines Unternehmens für Personalmanagement vorgestellt wurden.
Erfolgreiche Initiativen und fehlende öffentliche Unterstützung
In dem Workshop zum Übergang von Schule zu Arbeitsmarkt wurden zuerst good practices von sozialen Initiativen, die diese Lücke schließen wollen, vorgestellt. Die Produktionsschule Linz bietet jungen Menschen die Möglichkeit, im geschützten Rahmen eines handwerklichen Lernbetriebs den Einstieg ins Arbeitsleben zu proben, um dann mit einer Lehre weiterzumachen. Das Sprungbrett bietet Beratung und langfristige Begleitung von Mädchen für ihre berufliche Laufbahn. Sie möchten den Berufshorizont der jungen Mädchen erweitern, traditionelle Geschlechterrollen aufbrechen und Interesse für technische Lehrberufe fördern.
Beide Initiativen zeigten, wie wichtig eine langfristige Beziehungsarbeit mit Jugendlichen und klare Strukturen der Zusammenarbeit sind, die dann wieder Freiraum zur Selbstfindung bieten. In den Beiträgen der anderen TeilnehmerInnen des Workshops stand ebenfalls die Sozialarbeit im Vordergrund. Von den zentralen AkteurInnen in diesem Bereich Schulen und Firmen, die Lehrlinge aufnehmen wurden interessanterweise keine good practice Beispiele berichtet.
In den anderen Workshops lag das Hauptaugenmerk ebenfalls auf niederschwelligen Initiativen von Vereinen und sozialen Einrichtungen. Dass diese Initiativen und Vereine großartige Arbeit leisten und Räume für soziale Innovationen eröffnen, ist unbestritten.
Sie entwickeln neue Strategien, um mit den oben beschriebenen Realitäten umzugehen, für die es in öffentlichen Institutionen wenig Flexibilität und in der Privatwirtschaft wenig Interesse gibt.
Die Schwierigkeit dabei ist jedoch, dass sie dies unter denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen leisten müssen. Die Notwendigkeit von langfristigen, nachhaltigen Finanzierungsmodellen für diese Aktivitäten wurde von allen Workshops als Wunsch an die politischen VertreterInnen formuliert.
Die Reaktion des Sozialminister Hundstorfer darauf blieb vage und zeigte, dass die gegenwärtigen europäischen und nationalen Fördersysteme nicht auf die aktuellen Realitäten in der Schule und der sozialen Arbeit zugeschnitten sind.