Vom Zusammenhang zwischen Ausbildung, Entwicklung und Migration.
In den letzten Jahren hat sich in den Entwicklungsdiskurs das Thema Migration und damit die Frage eingeschlichen, wie Fluchtursachen „bekämpft“ werden können. Ein Ansatz ist berufliche Bildung. Sie soll im globalen Süden einen ökonomischen Aufschwung bringen. Und damit womöglich Migration vorbeugen.
Was wissen wir über die Beziehung zwischen TVET (Technical and Vocational Education and Training, dt. Berufsbildung) und Migration? Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus den Feldern Migration, Entwicklung und Bildung tauschten sich im Rahmen einer Konferenz am 21. Jänner 2020 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung darüber aus, ob und wenn ja, wie TVET Migrationsbewegungen beeinflusst.
„Migration ist eine gelebte Erfahrung für mich.“
Damit eröffnete Volker Wedekind, Direktor für Wissenschaft und Wissensaustausch der School of Education der Universität Nottingham, seine Keynote. Mit deutschen Eltern wuchs er in Südafrika auf und lebt mittlerweile in England. Aber: Das sei nicht die Art von Migration über die die Medien sprechen. In der österreichischen Öffentlichkeit sei etwa von „Wellen von Migranten“ die Rede. Doch Migration beschäftige nicht nur Europa. Auch Südafrika sei mit vielen Migrant*innen aus anderen afrikanischen Ländern konfrontiert. In China bewegten sich große Mengen von Menschen von ländlichen Gebieten in Städte. Bewegungen gehen auch nicht vorrangig vom globalen Süden in den globalen Norden. Ungefähr gleich viele Menschen bewegen sich in Richtung Nord-Nord. Migration, so Wedekind, ist ein globales Phänomen.
„Ein Bild hielt uns gefangen….“
„…Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.“, zitierte Wedekind Ludwig Wittgenstein, um darauf hinzuweisen, dass wir Begriffe mit Bildern verbinden. Die Konzepte Migration, Entwicklung und Bildung verknüpften wir oft unwillkürlich mit bestimmten Bildern. Zu „Migration“ zeigte er ein Bild von einem überfüllten Boot. „Entwicklung“ entspreche einer rostige Maschine, die nur etwas Öl brauche, um zu funktionieren – ein sehr wirtschaftliches Verständnis. Ebenso werde „Bildung“ als eine Art funktionaler Maschinerie gesehen, die mit den richtigen Reformen zu erwünschten Ergebnissen führe.
Vom Versuch, Migration zu definieren.
Migration sei zuallererst nichts Neues. Menschen haben sich schon immer bewegt. Aber heute machten Nationalstaaten, Grenzen und Pässe diese Bewegungen schwierig. Migration ist mannigfaltig: Eine zentrale Frage ist, ob Menschen gezwungen werden oder freiwillig gehen. Ob aus wirtschaftlichen und professionellen Gründen, ob Flucht und Asyl, ob Klimamigration oder interne Migration, ob regulär oder irregulär – immer hätten Akteur*innen eine Form von agency (dt. Handlungsfähigkeit): Sie treffen eine Entscheidung, ob sie bleiben oder gehen.
Migration in Zahlen.
Auf die globale Bevölkerung gesehen, migriert nur ein kleiner Prozentsatz: 2015 bewegten sich 244 Millionen Menschen bei einer globalen Bevölkerung von 7.3 Milliarden. Das sind eine Person aus 30. Davon sind wieder nur ein Teil Flüchtende: 2016 waren es 22.9 Millionen. Binnenvertriebene sind in internationalen Daten zu Migration nicht angeführt. Zwischen 2008 und 2014 mussten 184.6 Millionen Menschen aufgrund von Katastrophen fliehen. 2016 flohen 6.9 Millionen Menschen infolge von Konflikten.
Entwicklung ist mehr als Wirtschaft.
– Auch wenn sie oft darauf reduziert wird. Als Alternative zu diesem funktionalistischen Verständnis führte Wedekind das „Doughnut-Modell“ von Kate Raworth an. Die britische Ökonomin definiert einen sicheren Ring für die Gesellschaft, der nach innen durch soziale Bedürfnisse begrenzt ist, die sichergestellt werden sollen, und nach außen durch eine „ökologische Decke“, die die Grenzen des Planeten respektiert.
Berufliche Bildung im Entwicklungskontext.
Berufsbildungen seien sehr heterogen, was das Niveau, die Institutionen und die Orientierung angehe. Daher sei es schwierig, Politikempfehlungen zu formulieren. TVET sei im globalen Süden nicht sehr populär, eher werde es als letzter Ausweg gesehen. Arbeitslose Jugendliche würden durch TVET auch oft nicht in den Arbeitsmarkt eingegliedert, sondern eher dort „abgestellt“. Eine Überlegung sei eine Art „höhere TVET“ an Universitäten.
Jedoch stelle sich allgemein die Frage, wie sinnvoll es ist, angesichts der „4. Industriellen Revolution“ in Berufsbildung zu investieren – wo unklar ist, wie „Arbeit“ an sich zukünftig aussehen wird. Wedekind warnte außerdem vor der Überschätzung von unternehmerischen Dynamiken: „Weltweit sind nur sehr wenige Menschen erfolgreiche Unternehmer. Unternehmertum kann daher keine realistische Strategie sein, um Massenarbeitslosigkeit zu lösen.“
Zur Frage nach dem Zusammenhang von Migration und TVET.
Eine Studie (von Van Diemen aus dem Jahr 2019) zeige, dass TVET keinen Einfluss darauf habe, ob junge Menschen migrieren oder nicht. Bi- und multilaterale Übereinkommen könnten für eine bessere Planung wie auch Kontrolle helfen, aber es gebe auch wenige Beispiele, dass Menschen in ein anderes Land gehen, weil dort ihre Ausbildung anerkannt wird. Vielmehr seien Faktoren wie Finanzen und Schocks als Auslöser von Migration von Bedeutung.
Wedekind schloss: Die Beziehung Migration – Ausbildung – Entwicklung ist komplex. Internationale Zusammenarbeit ist dabei essentiell. Und die zentrale Frage ist: Was sind die Bedürfnisse der Migrant*innen?
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Foto „Rusty Gears“ © SC Cunningham. Flickr All creative commons license.
Fotos © Jonas Nitschke, ÖFSE.
Weiterführende Links:
Volker Wedekind: https://nottingham.academia.edu/VolkerWedekind
Kate Raworth: https://www.kateraworth.com/
Studie von Van Diemen (2019): In search of the ‚better life‘. The position of TVET, employment opportunities and migraition in the livelihood strategies of youth in Gulu, Lira and Nwoya district, Northern Uganda: https://edukans.org/wp-content/uploads/2019/02/Frederike-van-Diemen-1010542-Master-thesis-THE-POSITION-OF-TVET-EMPLOYMENT-OPPORTUNITIES-AND-MIGRATION-IN-THE-LIVELIHOOD-STRATEGIES-OF-YOUTH-IN-GULU-LIRA-AND-NWOYA-DISTRICT-NORTHERN-UGANDA.pdf