Warum Globales Lernen keine Leer-Programmatik ist

Zahlreich sind die Vorwürfe und Kritikpunkte von Jürgen Hasse in seinem Beitrag im Sammelband Globales Lernen. Ein geographischer Diskursbeitrag gegenüber dem Bildungskonzept Globales Lernen. Helmuth Hartmeyer hat eine Replik dazu verfasst.

Der Humangeograf Jürgen Hasse postuliert, dass es die Globalisierung nicht gäbe, sondern sehr unterschiedliche Narrative das Konstrukt Globalisierung entstehen ließen. Ein Bildungskonzept, das jedoch eben diese Globalisierung zum Ausgangspunkt seines Selbstverständnisses mache, mutiere deshalb ihm zufolge zu einer Leer-Programmatik (Hasse: 45), der es weder gelingt, Strukturen und Prozesse des Weltgeschehens objektivierbar zu analysieren noch die subjektiven Weltbezüge zum Ausgangspunkt allen Lernens zu machen. Ebenso ins Leere geht nach Hasse auch ein von ihm beobachteter Ansatz, die normativen Vorgaben politischer Institutionen rational verstehbar zu machen.

Zentralen Begriffen in Konzepten des Globalen Lernens wie Weltgesellschaft, Weltgemeinschaft, Eine Welt oder Globale Mitwelt schreibt Hasse einen mythischen Charakter zu (Hasse: 47f.) und kritisiert die unreflektierte Übernahme dieser Begriffe in pädagogische Programme, wo sie zu Medien der Gegenaufklärung werden könnten. Das Mega- und Metaprogramm Globales Lernen sei deshalb nahezu prädestiniert, gesellschaftliche Ungleichheiten sowohl auf globaler aber auch lokaler Ebene zu vernebeln. Es bräuchte vielmehr ein aufklärungsorientiertes Lernen, das sich nicht in Engen politischer Normen bewege und an Utopien orientiere, denn es führt, so Hasse, politisch affirmative Erziehung vom Metaziel der Aufklärung weg (Hasse: 59).

Globales Lernen unpolitisch?



Der Vorwurf ein unpolitisches Konzept zu vertreten wird ProponentInnen des Globalen Lernens gegenüber immer wieder erhoben. Er rührt in der Mehrzahl der Fälle daher, dass BefürworterInnen des Globalen Lernens aus pädagogischer Erkenntnis der direkten Linearität die Vermittlung der (richtigen) Information führt zum (richtigen) Handeln eine Absage erteilen. Die aktuelle Forschung hat mehrfach gezeigt, dass wir keinen direkten Zugriff auf das Bewusstsein haben. Auch soll und kann Globales Lernen, so seine VertreterInnen, kein Ersatz für Globale Politik, Entwicklungspolitik oder Weltinnenpolitik sein (Hartmeyer: 255). Ob hingegen konkrete Programme des Globalen Lernens antiaufklärerisch und damit politisch nicht bildend oder gar verbildend sind, müsste im Einzelnen untersucht werden. Dafür bleibt Jürgen Hasse den empirischen Nachweis schuldig.

Globalisierung ein Konstrukt?

Den Begriff der Globalisierung zu einem bloßen Konstrukt zu erklären, der in der Welt der Lernenden nicht erfahrbar gemacht werden kann, halte ich für einen wenig hilfreichen und letztlich sekundären Diskussionspunkt. Die zunehmenden internationalen Verflechtungen und Zusammenhänge in Politik, Wirtschaft, Sozialem, Kulturellem und vielem mehr werden von einer Mehrzahl der Menschen nicht nur aber vor allem in den Ländern, in denen das Globale Lernen Fuß gefasst hat, in ihrer Lebenswelt wahrgenommen. Dieses deshalb zu einem unabdingbaren Gegenstand von Bildung zu machen, liegt nahe. Ebenso ist es aber auch angezeigt, sich mit all den damit verbundenen Begriffen wie Eine Welt oder Weltgesellschaft kritisch auseinander zu setzen und zu analysieren, welche ideologischen Vorstellungen sich dahinter verbergen mögen. Jedenfalls ist es wichtig, Globalisierung nicht als vollendete Tatsache zu verstehen, sondern als zu gestaltende Entwicklung.

Individualisierte Bildung

Wo ich Hasse zustimme ist die Kritik, dass im vorherrschenden Gesellschaftssystem Bildung insgesamt zu sehr auf das Individuum abzielt und damit unpolitisch wirkt, weil es die systemischen Zusammenhänge und die Gestaltungskraft von Kollektiven absichtsvoll außen vor lässt. Dieser Gefahr begegnet auch das Globale Lernen, sobald es seine vorrangige Stoßrichtung auf die Integration in das etablierte Bildungssystem anstrebt und einen Herrschaftsverhältnisse ändern wollenden Anspruch aufgibt. Ein kritisches und vor allem auch selbstkritisches Bildungsverständnis sollte unbedingt im Globalen Lernen erhalten bleiben, andernfalls kann es leicht zu einem willfährig verwendeten Instrument z.B. im aktuellen Diskurs um Kompetenzen und Standardisierung werden.

Jürgen Hasse kritisiert schließlich einen zu konstruktivistischen Zugang zu Bildung in den von ihm untersuchten Darstellungen von Zielsetzungen des Globalen Lernens. Die österreichische Strategiegruppe Globales Lernen hat sich mit genau dieser Fragestellung Was soll mit Globalem Lernen erreicht werden? auseinandergesetzt und den Anspruch an das Konzept entsprechend reduktionistisch formuliert. Globales Lernen soll das Analysieren und Verstehen globaler Zusammenhänge sowie das kritische und differenzierte Reflektieren globaler Entwicklungen fördern und zur Erschließung alternativer Deutungs-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten in einem globalen Kontext beitragen (Strategiegruppe: 8).

Der Autor ist Leiter der Abteilung Förderungen Zivilgesellschaft der Austrian Development Agency (ADA) und Vorsitzender der Strategiegruppe Globales Lernen.  Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.




Literatur:

Hasse, Jürgen: Globales Lernen Zum ideologischen Gehalt einer Leer-Programmatik. In: Schrüfer, Gabriele/ Schwarz, Ingrid (Hg.): Globales Lernen. Ein geographischer Diskursbeitrag. Münster 2010.

Hartmeyer, Helmuth: Die Welt in Erfahrung bringen. Globales Lernen in Österreich. Frankfurt am Main/ London 2007.

Österreichische Strategiegruppe Globales Lernen: Strategie zum Globalen Lernen im formalen Bildungssystem. Wien/ Salzburg 2009.

Willebrand, Kristina: Globales Lernen und (selbst)kritische Bildungstheorie. Wien 2011.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.