arbeitslos aussichtslos?

Die Herausgabe des neuen Schulhefts arbeitslos aussichtslos? Probleme und (fehlende) Perspektiven arbeitsloser Jugendlicher war Anlass für eine Podiumsdiskussion, die am 19. Oktober 2010 in der Hauptbücherei stattfand.

Österreich sieht sich immer mehr damit konfrontiert, etwas gegen die steigende Jugendarbeitslosigkeit zu unternehmen. Es ist an der Zeit, die Problematik direkt anzusprechen und konstruktive Lösungsvorschläge auszudiskutieren.

Sonja Hinsch, Herausgeberin des Schulhefts, hat die zur Buchpräsentation geladenen ReferentInnen nach den Gründen für Jugendarbeitslosigkeit und möglichen Gegenmaßnahmen gefragt.

Early School Leaving

Mario Steiner vom Institut für Höhere Studien und Mitautor des Buches nannte als Teilursache für Jugendarbeitslosigkeit den frühen Schulabbruch, auch definiert durch den Begriff Early School Leaving. Er erklärte die Problematik auf zwei Ebenen: Auf der systemischen Ebene nehmen die Berufschancen am Markt und die Struktur des Bildungssystems einen großen Anteil am vorzeitigen Bildungsabbruch Jugendlicher ein. Denn umso geringer die Chancen auf einen Arbeitsplatz für SchulabbrecherInnen sind, desto geringer ist auch die Early School Leaving-Quote. Laut Steiner sollte die Struktur des Bildungssystems  weniger komplizierter sein. Es brauche des Weiteren mehr Unterstützung, sei es finanziell oder informell, um Jugendlichen einen einfacheren Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Neben der systemischen Ebene spielt die individuelle Ebene eine große Rolle. Häufig sehen sich Jugendliche im österreichischen Schulsystem mit Selektionserfahrungen konfrontiert. Die frühe Eingliederung in Leistungsgruppen untergrabe das Selbstwertgefühl und fördere die Angst vor dem Versagen. Finanzieller Ressourcenmangel vieler Familien trage dazu bei, dass kaum Unterstützungsleistungen wie Nachhilfestunden erbracht werden können. Als Maßnahmen gegen den Bildungsabbruch nannte Steiner Reformen im Bildungssystem, die Selektion verhindern und eine bessere strategisch koordinierte Zusammenarbeit der verschiedenen AkteurInnen, wie z.B. staatlich und privat geführte Bildungsstätten (AMS, WIFI, Universitäten,), SozialarbeiterInnen und Forschungsinstitute.



Ein Problem von MigrantInnen?

August Gächter vom Zentrum für soziale Innovation hat seinen Beitrag für das Schulheft unter den Titel Wen (be)trifft die Jugendarbeitslosigkeit? gestellt. Er wies auf die bekannte Tatsache hin, dass bei geringer Bildung das Risiko, arbeitslos zu werden, höher ist. Mit mehr Bildung sei Arbeit lukrativer aber auch befriedigender. Entscheidend sei vor allem die Bildung und Herkunft der Eltern. Eltern, die aus einem nicht EU-Staat nach Österreich kommen, hätten zu einem Großteil nur einen Pflichtschulabschluss. Seinen Studien zufolge steige die Zahl der Jugendlichen der 2. Generation mit einer mittleren Ausbildung (Lehre, mindestens zweijährige Berufsbildende Mittlere Schule). Er wies darauf hin, dass die Zahl der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund mit höheren Ausbildungen fast parallel dazu steige. Kinder von EinwanderInnen würden vermehrt mittlere, Kinder von InländerInnen verstärkt höhere Ausbildungsabschlüsse erreichen. Dabei trete die InländerIn/AusländerIn Problematik in den Hintergrund, da es sich um ein rein soziales Problem handle. Um an diesem System etwas verändern zu können, müsse es in Österreich zu einem Ziel werden, jedeN gleich zu behandeln. Jedes Individuum sei unterschiedlich und es dürfe durch diese Differenzen nicht zu einem Hierarchiedenken kommen. Das Bildungssystem, zu dem August Gächter auch das AMS zählte, solle unterstützen statt selektieren.



Druck in der Schule und Budgetkürzungen

Emil Binder ist mit seiner Tätigkeit als Mitbegründer der Erwerbsloseninitiative AMSand im direkten Kontakt mit Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Für ihn ist es ein sehr emotionales Thema. Problematisch sieht er das gängige Schulsystem, da SchülerInnen ständig unter Druck gesetzt werden und im Unterricht kaum Zeit für Zukunftsgespräche sei. Er plädierte weiters für eine bessere pädagogische Ausbildung der LehrerInnen.

Wilhelm Koldus vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit will das Arbeitsmarktservice (AMS) nicht als makellose behördliche Instanz beschönigen. Dennoch versuche es, seine gesellschaftlichen Aufgaben zu erfüllen, die allerdings in den nächsten Jahren aufgrund der Budgetkürzungen nur schwer umsetzbar seien. So müsse das AMS in den nächsten fünf Jahren an weiteren Verbesserungen arbeiten.


Hauer, Michaela/ Hinsch, Sonja/ Rittberger, Michael/ Vana, Irina (2010): arbeitslos aussichtslos? Probleme und (fehlende) Perspektiven arbeitsloser Jugendlicher. Innsbruck – Wien Bozen: StudienVerlag, ISBN: 978-3-7065-4916-5; Umfang: 124 Seiten 



Die Autorin studiert Volkswirtschaft und ist Praktikantin des Paulo Freire Zentrums.

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