Alfred Faschingeder machte Schulfunk, bis 1984, als er und der Schulfunk zusammen in die Pension gingen. Seine Vorgeschichte, die zum Schulfunk führte, ist verworren und spiegelt die Realität der parteipolitisierten Volksbildung in Österreich wieder. Es mangelt nicht an Widersprüchen.
Jenseits der einen Partei
Ohnehin hatten die politischen Parteien ihre Hände irgendwie in allen Medien. Das Kriterium für Erfolg war damit ein anderes. Mein Onkel also ein ÖVP-Volksbildner? Quellen, Zeitzeugenberichte müssten belegen, wofür er inhaltlich einstand. Ich weiß es nicht. Als mich Kurt Scholz, der ehemalige Präsident des Wiener Stadtschulrates, querdenkerisch, aber zweifelsfrei rot, fast umarmte, weil ich der Neffe meines Onkels war, der vom Schulfunk, er hat so wichtige Sachen auf Sendung gebracht, so etwas gibt es ja heute nicht mehr im ORF, – als ich das hörte, zweifelte ich an einfacher parteipolitischer Farbenlehre. Bildung verpflichtet, vermag eigene Wege zu gehen, abseits parteipolitischer Engführung.
Ausgabe 1970
letzte Ausgabe 1984
Eine Zeitlang sollte mein Onkel Sendungen für die Landwirtschaftskammer machen. Bald schon kehrte er zum Schulfunk zurück; die Kämmerer sahen ihre Interessen zu wenig artikuliert. Ein Gefälligkeits-Journalist war Alfred Faschingeder nicht.
Und doch war das mit der Partei eine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere mich an sein Erstaunen, als er erfuhr, dass sein eigener Vater nicht ein Schwarzer, sondern ein Roter war: Das war ein Schock! So eine Nachricht, der eigene Vater, und das mit 82 Jahren erst erfahren.
Sozialdemokratisches Erbe
Sein Vater starb in einer Zeit, als die Partei bereits elf Jahre lang verboten war, im Februar 1945. Nicht im Krieg, sondern an einem Herzinfarkt, plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Wie hätte er, mein Großvater, von seiner eigenen Jugend frei erzählen können? Dass er, vom Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, seine Jahre in linken Soldatenräten verbracht hatte. Dass er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei wurde, wie auch sein Bruder, ein Eisenbahner, wo das ohnehin zum Anstellungsprofil gehörte. Jener Bruder, der später aus Ehrengründen aus der SPÖ austrat, aus Protest gegen die Verlogenheit seiner Partei.
Als der Vater meines Onkels, mein Grovater Florian Faschingeder, ausgelernter Fleischer und Selcher, eine Saison lang Küchenfleischhauer im Schweizerhaus ja, das im Prater war, den Sommer 1922, da mag das linke Kämpfertum der Zeit im Soldatenrat bereits passiver Parteiloyalität gewichen sein. Wir wissen nichts darüber, ob und was mein Großvater in seiner Partei, der SDAP, gemacht hat: Sitzungen besucht? Bei Kundgebungen die Fahne getragen? Flugzettel verteilt? Oder nur den Parteibeitrag gezahlt? Woher sollte mein Onkel etwas darüber wissen. Mit 82 sollte er es erfahren.
Hollabrunn unter NS-Herrschaft
Und vorher, vor dem Schulfunk, vor der schwarzen Partei, was war da? Noch vor dem Studium, da war die Kindheit und Jugend in Hollabrunn. 1927 geboren, erlebte mein Onkel mit 11 Jahren den Anschluss. Das Klagen des Vaters, das Murren der Mutter. Man wusste in der Fleischerei der Eltern, dass man zur falschen Partei gehört hatte. Die anderen wussten es auch. Der Vater wurde vom Bürgermeister persönlich verwarnt: Verhalten Sie sich unauffällig. Vor Dachau kann ich Sie nicht schützen. Das Verschwinden der jüdischen Mitschüler. Abendliches Anklopfen der Hollabrunner Juden an der Fleischhauerei Faschingeder, denn nur im Schutz der Dunkelheit wagten sie sich aus dem Haus. Bei den Faschingeders bekam man auch etwas, wurde nicht verjagt, wie vielleicht bei anderen Fleischern, zumindest bei dem einen, der NS-Parteigenosse war. Bis auch der letzte Jude verschwand, und das dauerte nicht lange. Bereits im September 1938 war Hollabrunn judenfrei, alle bereits vertrieben, nach Wien oder ins Ausland. Zwei hatten Selbstmord begangen.
Alfred Faschingeder kam zur Hitlerjugend. Dann Flakhelfer. Schließlich Kriegseinsatz an der Flak, stationiert auf der Knödelhütte in Hütteldorf.
Der Deserteur
Als sein Vater im Februar 1945 verstarb, durfte Alfred zum Begräbnis kommen. Er verlängerte seinen Heimaturlaub, in dem er – gemeinsam mit dem Kaplan – den Urlaubsschein fälschte. Die Gelegenheit wurde genutzt, um zu desertieren. Es war vielleicht gar nicht seine Idee; der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes, ein Dr. Brichta, wollte ihn verstecken. Man vertraute einander, obwohl die Faschingeder Dr. Brichta nicht kannten. Die gemeinsame Furcht vor den Nazis verband, die gemeinsame Überzeugung, dass die Wehrmacht bald besiegt sein würde.
Was tat mein Onkel? Saß er in einem dunklen Loch, unter einer Falltüre, zitterte, ob er doch noch entdeckt werden würde? Nur nachher war man schlauer als vorher und wusste, dass der Krieg nur mehr zwei Monate dauern sollte. Mein Onkel schaute aus dem Haus des Dr. Brichta, am helllichten Tag, auf den Hollabrunner Hauptplatz hinaus. Blieb unerkannt, denn er hatte sich rasiert, ein Kopftuch aufgesetzt. Verkleidet als Hausangestellte. War das schlau? Mutig oder frech? Subversiv oder lebensdurstig? Hunger auf Luft und Licht.
Der Appetit wird ihm vergangen sein, als die Militärpolizei kam und fragt, wer denn die unbekannte Person im Haushalt des Dr. Brichta sei. Ein Nachbar, NS-Parteigänger, hatte Anzeige erstattet. Ein Blick auf das „Mädchen“ genügte der Militärstreife aber und sie zog wieder ab. Lebenslust kann gefährlich sein, aber manchmal muss man auch etwas wagen.
Der Onkel, der aus der Wehrmacht desertierte, Schulfunk machte und später seinen Rasen pflegte. Mir will er als Beispiel für Volksbildung in einem mediatisierten Zeitalter nicht aus dem Kopf. Der Mensch ist Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so, die werden von den Menschen gestaltet.
Alfred Faschingeder ist am Mittwoch, dem 29. September 2010 um 2.00 Uhr nachts im Krankenhaus St. Pölten im 84. Lebensjahr verstorben.
r.i.p.
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Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums und seit Jahren in der Erwachsenenbildung sowie universitären Lehre tätig.
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Zu Teil 1: Mein Onkel, der unbekannte Volksbildner 1