Im zweiten Teil des Interviews geht es darum, wie Theater als Forschungsmethode eingesetzt werden kann und welche Motivation hinter seinem Buch steht.
Wir haben gehört, dass Sie demnächst einen Workshop zu Theater als Forschungsmethode leiten. Wie kann Theater als Forschungsmethode eingesetzt werden?
Theater kann als Methode eingesetzt werden, um zu einem bestimmten Thema oder einer bestimmten Fragestellung zu forschen. Das Forschungsinstrument ist der eigene Körper, die eigenen Erfahrungen, die eigene Stimme, alles das, was man in diesen Workshop von sich einbringt. Man kann sich das ganze als eine Laborsituation mit einem gewissen Versuchsaufbau vorstellen. Die Elemente sind die verschiedenen TeilnehmerInnen, die, wie bei einem chemischen Versuch gemischt werden und man beobachtet dann, was dabei geschieht. Das ist das Experiment. Die Erkenntnis kommt dann über die Erfahrung, also über das Tun und Handeln. Der Forschungsgegenstand kann dabei alles Mögliche sein. Man kann zu Geschlechterthemen, zu geschichtlichen Hintergründen, politischen Themen etc. forschen. Die Frage wird dabei in den Raum gestellt und das Forschungsthema wird inszeniert. Man beobachtet dann, wie sich eine Situation entwickelt, wenn man diesen oder jenen Input dazugibt. Man baut sich sozusagen ein kleines Labor und eine Versuchsanordnung auf, in der man eine Situation dann erforschen kann. Das Ganze kann auf unterschiedliche Arten dokumentiert werden, man kann qualitative Evaluationen durch Fragebögen machen, sehen wie Fragen vor und nach dem Workshop beantwortet werden und beobachten, was sich verändert. Das ist in gewisser Weise ein bisschen wie Feldforschung, wo man als Workshopleiter als teilnehmender Beobachter fungiert. Das Ganze ist eine intersubjektive Wissenschaftlichkeit.
Sie haben auch ein Buch zum TdU geschrieben, das 2009 erschienen ist, Augusto Boal. Einführung. Wie ist die Idee zum Buch entstanden?
Ich wurde gefragt. In Deutschland wurde eine neue theaterpädagogische Zeitschrift, Thepakos, gegründet und man hat mich gefragt, ob ich für die zweite Ausgabe einen Artikel über das TdU schreiben wollte. Nach diesem Artikel wurde ich dann gefragt, ob ich nicht auch ein Buch darüber schreiben wolle. Ich habe mir dann etwas Bedenkzeit erbeten und danach auch zugesagt.
Was war Ihre Motivation zuzusagen und was war das Ziel des Buches?
Ich war mir erst gar nicht sicher, ob ich zusagen sollte, das Buch zu schreiben. Ich sehe mich vom Alter und der Erfahrung her eher noch einer SchülerInnengeneration zugehörig. Geholfen hat mir die Überlegung, dass ich gefragt wurde, d.h. man hat mir das zugetraut. Auch das SchülerInnen-LehrerInnen Verständnis von Freire hat mir geholfen und die Überlegung, dass ich mir durch das Schreiben selbst die Möglichkeit gebe, viel dazuzulernen. Wahrscheinlich hätte ich mich sonst nie hingesetzt und soviel dazu gelesen, mir soviel dazu überlegt, wie ich’s dann im Endeffekt getan habe. Die Arbeit daran hat mich gereizt. Außerdem wollte ich das, was ich immer als Mangel erlebt habe, durch das Buch ausgleichen. Nämlich der Mangel, dass es seit 1989 von Boal nichts auf Deutsch gibt, außer exzellente Sekundärliteratur, die teilweise aber sehr anspruchsvoll ist oder zu einem bestimmten Spezialgebiet geschrieben wurde. Liest man die als Erstliteratur, verwirrt sie vermutlich mehr als sie hilft. Man braucht hier schon Grundlagen, um die Fachliteratur dann lesen zu können. Ich hatte das Gefühl, dass beim Lesen ein Missverständnis entsteht, wenn man das gelbe Büchl (Boal 1989) liest und Rückschlüsse auf die jetzige Situation zieht. Ein Beispiel, das ich gelesen habe, war, dass das TdU antiquiert sei, weil in der Theaterpädagogik inzwischen viel mehr Wert auf Ästhetisches gelegt würde und TdU sei nicht ästhetisch. Solche Missverständnisse entstehen vermutlich, weil in der Primärliteratur Grundlegendes nicht explizit genug gesagt wird oder es leicht überlesen wird oder aber weil das TdU eher über eine Workshopkultur im deutschsprachigen Raum verbreitet wurde und Workshops von Boal hier meist nur wenige Tage dauerten. Hier ist wahrscheinlich das Bild entstanden, TdU sei nur etwas für kurze Zeiteinheiten. Dass es sich aber um Theater handelt, das genauso wie jedes andere ernsthafte Theater über mehrere Monate gehen kann und dass es diese Zeit auch braucht, um das Potential auszuschöpfen, ist bei manchen nicht durchgesickert. Und das habe ich schade gefunden und hab mir gedacht, das würde ich gern sagen. Und wenn ich es sage, hören es nicht so viele, also schreib ich es, dann lesen es vielleicht ein paar mehr.
Das hoffen wir auch. Vielen Dank für das Interview.
Die Interviewerinnen sind Mitglieder desonline-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Boal, Augusto (1989): Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Frankfurt: Suhrkamp.