Dass die derzeitige Bildungssituation wenig zufrieden stellend ist, zeigen auch die aktuellen StudentInnen-Demonstrationen. Die Bedeutung und die Rolle von Bildung thematisierte Gerald Faschingeder im Rahmen eines Vortrags am Campus Altes AKH in Wien.
Der C1, der größte Hörsaal des Universitätscampus Wien, ist besetzt. Seit Ende Oktober schon. Grund der Besetzungen ist die Unzufriedenheit mit der aktuellen Bildungssituation. Bildung sollte Lernende zu selbstständigem, kritischem Forschen anregen. Sie sollte frei, selbst bestimmt und allen Menschen gleichermaßen zugänglich sein. Aktuelle Umstrukturierungen und Erneuerungen im universitären Bildungssystem weisen aber in eine andere Richtung. Bachelorstudienpläne und Erweiterungscurricula schränken die Wahlfreiheit und die Möglichkeit zur Selbstbestimmung des Studiums zunehmend ein. Der Mangel an Ressourcen erschwert die Situation nicht nur für Lernende, sondern auch für Lehrende. Angesichts dieser Entwicklungen tut sich die Frage auf, welche gesellschaftliche Bedeutung einer solchen Bildung überhaupt zukommen kann und welche Funktion Bildung so erfüllt. Der besetzte C1 bietet Raum für solche Überlegungen. Am 19. November hielt Gerald Faschingeder einen Vortrag zur Ökonomisierung der Bildung, der auch die aktuellen Entwicklungen kritisch hinterfragte.
Der Bildungsbegriff
Schon der Begriff Bildung an sich, so Faschingeder, sei gesellschaftlich bedingt. Daher seien auch sein Verständnis und die damit verknüpfte Information kontextabhängig und hätten sich seit der Begriffsherausbildung bis heute in der Bedeutung teilweise gewandelt. Der im ausgehenden 18. Jh. durch Humboldt geprägte Bildungsbegriff war noch ein eher apolitischer. Bildung trug, nach diesem Verständnis, stark zur Konstituierung des Subjekts bei, welches sich durch sie entwickelt und so zur Autonomie des Bewusstseins gelangt. Der Bildung wurde dabei das Potential zugesprochen, Individuen zur Reifung und Selbstbestimmung verhelfen zu können, sie diente aber nicht dazu, Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene voranzutreiben und so die Welt zu verändern. Im 19. Jh. verstand man Bildung dann zunehmend als Emanzipationsakt, der der sozialen Abgrenzung diente. Linke Strömungen sahen Bildung im Gegensatz dazu als Ermächtigung, für soziale Rechte und gesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen. Mit Paulo Freire verschaffte sich dann im 20. Jh. eine, im Bezug auf die tatsächliche Situation der schulischen Bildung, kritische Stimme Gehör: Lehrende würden im konventionellen Schulunterricht versuchen, SchülerInnen mit Wissen zu füllen, der Subjektivität der Lernenden würde so aber nicht Rechnung getragen.
Bildung als Ware?
Diese Entwicklungen spiegeln auch die zwei, von Faschingeder vorgestellten, Funktionen von Bildung wider, die in der jeweiligen Vorstellung manchmal mehr, manchmal weniger gleich ausgeprägt sind, nämlich die Ausbildungs- und die Ermächtigungsfunktion. Während die erste vor allem die ökonomische Ebene beinhalte und den Menschen für den beruflichen Bereich fördere, so aber auch zur Reproduktion von gesellschaftlichen Verhältnissen beitrage, ermächtige letztere den Menschen durch das Lernen dazu, die Welt zu verstehen und so zu verändern. Aktuelle Entwicklungen scheinen die zweite Ebene heute immer mehr in den Hintergrund zu drängen. Die kapitalistische Ökonomie, verfüge vereinfacht gesagt über eine Produktions- und eine Reproduktionssphäre. Während die Produktionssphäre stärker nach kapitalistischen Gesetzen funktioniere, diene die Reproduktionssphäre nicht vordergründig der Profitbildung, sondern der gesellschaftlichen Reproduktion (Erholung, Erziehung, Pflege). Bildung sei, so Faschingeder, eigentlich Teil der Reproduktionssphäre. Doch die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus, die nun wieder einmal spürbar geworden ist, verlange nach Lösungen, soll das kapitalistische System aufrechterhalten werden. Es würden daher immer mehr Elemente der Reproduktionssphäre in die Produktionssphäre verfrachtet, Bildung wäre nur eines von vielen. Durch das Zur-Ware-werden könnten diese Elemente nun zu Kapital gemacht werden und stützten so das kapitalistische System. Dass dadurch aber die Ermächtigungsfunktion der Bildung zu leiden habe, unterstreichen die neuen Tendenzen im Bildungssystem.
Bildung und Entwicklung
Im zweiten Teil des Vortrags ging Faschingeder (stellvertretend für die leider erkrankte Margarita Langthaler) auch auf die Rolle der Bildung in den Ländern des Südens ein. Die Kolonisierung könne dabei als zentraler Eingriff gesehen werden, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen würden: Vorkoloniale Bildungssysteme wurden zerstört und neue, den Interessen der Kolonialmächten dienliche, Systeme wurden implementiert. Unter diesen Veränderungen hatte vor allem die Ermächtigungsfunktion zu leiden, da man in ihr eine Gefahr für die koloniale Herrschaft erkannte. Bildung war nicht allen gleichermaßen zugängig und sollte vornehmlich dazu dienen, das koloniale System zu reproduzieren. Zwar gäbe es heute Gegenentwürfe und Debatten darüber, wie das Bildungssystem verbessert werden könnte, dennoch blieben auch nach der Dekolonisation große, richtungweisende Veränderungen eher aus. Auch die bildungspolitische Souveränität des Südens bliebe aufgrund verschiedener Faktoren eingeschränkt. So würden Schulbücher z.B. nicht selten in Ländern des Nordens hergestellt.
Die Entwicklungen der letzten Jahre sind also leider auch im Süden alles andere als zufrieden stellend. Sie hatten vor allem eine Verschiebung von Ressourcen vom Süden in den Norden mit sich gebracht, der Bildungszugang für arme und marginalisierte Gruppen sei (nach wie vor) eingeschränkt und nicht selten komme es zu einer Verschärfungen sozialer Unterschiede.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.