Ein Festival dem Theater der Unterdrückten!

Die beste Vorbereitung für Revolution sei, sie so oft wie möglich zu proben. Diesem Gedanken Augusto Boals folgten von 21. Oktober bis 1. November u.a. brasilianische, indische und britische Theatergruppen, die beim Welt-Forumtheater-Festival 2009 durch ganz Österreich tourten. Sie schafften auf und vor den Bühnen Raum und Zeit, um die Überwindung von Unterdrückung „auszuprobieren“.

Wer glaubte, dass das Theater der Unterdrückten durch den Tod seines Initiators Augusto Boal im Mai 2009 verwelke, wurde in Wien, Graz, Linz, Salzburg, Tirol und Niederösterreich eines Besseren belehrt. Über dreißig Gruppen aus aller Welt traten in Workshops und Forumtheater-Aufführungen in Dialog mit dem „Publikum“, das beim Forumtheater vom/von der passiven ZuschauerIn zum/zur aktiven ZuschauspielerIn wird (engl.: spect-actor, zusammengesetzt aus spectator und actor). Diese spect-actors gehen auf die Bühne, schlüpfen in die Rolle eines/einer Unterdrückten im zuvor aufgeführten Theaterstück und versuchen in der Handlung (und eben nicht nur im Wort) alternative Strategien zur Überwindung aufzuzeigen. „Zeigt nicht nur, was ihr tun würdet. Zeigt, was getan werden könnte!“ forderte etwa der Brite Adrian Jackson die Anwesenden auf, auch jenseits der eigenen gewohnten Handlungen ins Stück zu intervenieren.

Spannende Aufführungen der Theater-„Champions League“

Bei diesem bunten Zusammentreffen, das an vergangene Festivals in Paris, Rio und Toronto anknüpfte, waren alle Berühmtheiten der Forumtheater-Welt vertreten: Julian Boal, der Sohn von Augusto Boal und seine Gruppe GTO Paris; Adrian Jackson, „Joker“-Trainer und Leiter der Cardboard Citizens (London); eine elfköpfige Delegation des CTO Rio de Janeiro, das Augusto Boal über 23 Jahre leitete; die indische Gruppe Jana Sanskriti aus Kalkutta, die in Indien über 1000 Mitglieder zählt; Chen Alon aus Israel und Nour A-Din Sh’hadda aus Palästina, die die Gruppe Combatants For Peace vertraten.

Dabei wurden Themen wie prekäre Arbeitsverhältnisse (GTO Paris), Zwänge patriarchaler Strukturen und die Schwierigkeiten von ehemaligen Häftlingen (Cardboard Citizens London), die scheinbare Determiniertheit weiblicher Biografien (CTO Rio) oder Zwangsehen (Jana Sanskriti) mit den spect-actors diskutiert und Alternativen „geprobt“. Bertold Brecht hätte wohl seine Freude gehabt, als sich die Kluft zwischen Bühne und Audienz immer mehr aufhob: durch die „Moderation“ der sehr guten JokerInnen (sie vermitteln in jedem Stück zwischen SchauspielerInnen und spect-actors und regen zu Diskussion und Intervention an) spielten pro Aufführung ca. fünf „ehemalige ZuschauerInnen“ ihre Vorschläge zur Überwindung des Konflikts vor.

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CTO Rio bei der Präsentation ihres Stückes „Coisas do Gênero“ bei dem ohne Worte gespielt wurde. Trotzdem schaffte es diese junge Zuschauspielerin ihrem „Ehemann“ einen Rock überzuziehen.



und der kleinen Schwestern

Doch neben den internationalen Superstars machten auch viele weniger bekannte Gruppen auf sich aufmerksam. So beeindruckten etwa die sechs SchauspielerInnen der Gruppe „Drama Box“ aus Singapur mit ihrem Stück „Trick or Threat“, das u.a. am 25. Oktober im Wiener WUK aufgeführt wurde. Es beschreibt das multiethnische Singapur von heute, das durch einige Bombenanschläge zu einem Ort der Angst und des gegenseitigen Misstrauens wurde. Die Gruppe bringt dies durch eine Szene in einem Zug auf den Punkt, in dem ein muslimischer Malaysier von allen übrigen Insassen durch sein Aussehen und seine große schwarze Tasche sofort als potenzieller Terrorist verdächtigt wird.

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Eine Zuschauspielerin schlüpft in die Rolle des vermeintlichen Terroristen.

Das Spannende an Situationen wie diesen ist ihre Übertragbarkeit auf alle anderen Länder der Welt: überall wo Angst regiert, steigt auch das Misstrauen gegenüber so genannten „Fremden“. Das Forumtheater wird so zum Ort des internationalen Austauschs, des gemeinsamen Überlegens von Handlungsperspektiven. Diese sind in Wien wie in Kapstadt anwendbar – oder zumindest einen Versuch wert.

Eine andere kleine Theatergruppe aus Österreich führte passend zum Frauenschwerpunkt des Festivals das Stück „SEXYsMUSS“ auf. Dabei zeichneten sie auf sehr subtile Art und Weise den österreichischen Alltagssexismus nach, einmal in der U-Bahn, dann beim Sonntagsbesuch des Onkels und zuletzt im Badezimmer-Gespräch mit der Mutter. Die „AFTG – Aktionsforumtheatergruppe“ zeigte ein Österreich jenseits der gängigen Meinung, wir würden im Gegensatz zur Türkei etwa im gelobten Land der Gleichberechtigung leben.

Mehr als 30 Workshops

… doch viele davon leider zeitgleich. Es war eine wahre Qual der Wahl, auf welchen Workshop man noch am ehesten verzichten konnte. Der Workshop Identitäten und Polaritäten gestalten war dabei einer der emotional berührendsten. Chen Alon, ehemaliger israelischer Elite-Soldat, saß da mit seinem Kollegen Nour A-Din Sh’hadda, Palästinenser und ehemaliger Gefanger wegen Terrorverdacht. Vor zehn Jahren hätten sie noch aufeinander geschossen, jetzt machen sie in der israelisch-palästinensischen Gruppe „Combatants for Peace“ Theater für den Frieden. Sie wussten schon vor zehn Jahren, dass sie andere, neue Wege beschreiten müssten, doch ihre beiden Umfelder holten sie immer wieder auf die alten, kriegerischen Wege zurück. So bräuchten sie noch heute viel Anstrengungen, ihren Freunden zu erklären, warum sie sich mit „dem Feind“ zum Theater spielen treffen würden.

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Der Weg zur Realisierung von Utopien ist also oft recht steinig. Im Anschluss an den Workshop meinte eine Festival-Teilnehmerin dazu passend: „Ich fand es so spannend, dass in diesen Tagen so viele Möglichkeiten aufgezeigt wurden, wie wir Unterdrückung überwinden können. Doch wir sollten noch viele mehr ausprobieren.“

Alle Fotos von Thomas Zobernig.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und Student der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Themen.