Pädagogik der Wirtschaftskrise das Paulo Freire Zentrum wird fünf

Fünf Jahre Paulo Freire Zentrum geben Anlass zum Feiern, aber auch dazu, nachzudenken, was Paulo Freires Konzept der emanzipatorischen Bildung im heutigen Kontext bedeuten kann.An die 70 FreundInnen und Interessierte des Paulo Freire Zentrums fanden sich am 14. Mai 2009 im Wiener WUK ein. Im Zentrum des Abends stand der Versuch, Freires Begriff der Pädagogik in den Kontext der Wirtschaftskrise zu stellen und zu fragen: Welche neuen Möglichkeiten für gesellschaftliche Lehr- und Lernprozesse eröffnen sich in Zeiten der Krise?



Pädagogik der…Wirtschaftskrise?

Bildung nach Paulo Freire ist ein umfassendes Konzept des Lernens und der Emanzipation und geht weit über den engen Begriff des Bildungsangebots hinaus. So sieht auch das Paulo Freire Zentrum seine Aufgabe darin, oftmals getrennt betrachtete Begriffe wie Bildung, Forschung oder Politik in ihrem Zusammenhang zu betrachten, betonte Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums. Lernprozesse finden in sozialen Kontexten statt, die von Machtstrukturen geprägt sind daher ist umgekehrt jedes Verhältnis von Hegemonie notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis, zitierte Faschingeder den italienischen Philosophen und Politiker Antonio Gramsci. Durch die Krise werde das hegemoniale Liberalisierungsparadigma in Frage gestellt, neue Fragen aufgeworfen und Möglichkeiten eröffnet. Ob und wie dadurch gesellschaftliche Lernprozesse in Gang gesetzt werden können diesen Fragen widmeten sich die beiden Gäste am Podium.

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Paul Singer, Gerald Faschingeder, Kathrin Niedermoser (Foto: Martina Silberhorn)

Antworten aus einer historisch-ökonomischen Perspektive

Paul Singer ist Staatssekretär für Solidarische Ökonomie in Brasilien sowie langjähriger Freund und Mitglied des Ehrenpräsidiums des Paulo Freire Zentrums. Er setzte die aktuelle Krise in den historischen Kontext und stellte die Beziehung zu anderen Kapitalismuskrisen des 20. Jahrhunderts her, die er teils auch selbst erlebt hat. Man habe aus den Krisen, allen voran aus jener der 30 Jahre, zwar gelernt, nach welchen Regeln die Ökonomie funktioniere, nicht aber, wie weitere Krisen zu verhindern seien. Die Pädagogik sei also nicht perfekt es werde nicht genügend gelernt, folgerte Singer. Dank der Lehre von John Maynard Keynes konnte nach dem 2. Weltkrieg mit den Bretton Woods Institutionen ein stabiles Wirtschafts- und Finanzsystem aufgebaut werden, das dem Kapitalismus weitere Krisen erspart habe. Mit dem Neoliberalismus seien die stabilisierenden Befestigungen der Wirtschaft  allmählich abgebaut worden. Dadurch seien heute weniger Korrektive für Spekulation gegeben.

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Paul Singer (Foto: Martina Silberhorn)

Singer verwendete den Begriff Spekulation nicht in dessen aktuellem Sprachgebrauch, der in seinem Bild des plötzlich bösen Managers und Börsenmaklers doch stark von der aktuellen Krise geprägt ist. Spekulation in seinem ursprünglichen Sinn hieße vielmehr, Annahmen über die Zukunft zu treffen was wir alle täglich tun. In traditionellen Gesellschaften seien diese Annahmen weniger riskant gewesen, meinte Singer.

Spekulation finde im Alltag jeder/s kapitalistischen BürgerIn in Form einer Vielzahl an Kauf- und Verkaufentscheidungen statt. Folgt man Singers Definition von Spekulation, ist die Instabilität dem kapitalistischen System inhärent.

Der veränderte Gebrauch eines Wortes spiegelt auch Singers Annahme über das Potential des Lernens aus der Krise wider: Die Gesellschaft lerne, da neue Lösungen für auftretende Probleme gefunden werden müssen. Durch ständige gesellschaftliche Veränderung, wie zum Beispiel technologische Neuerungen, sei das Gelernte jedoch nicht beliebig oft anwendbar. Obwohl die Fundamente der Krise ähnlich seien wie in den 30er Jahren, müssen heute neue Lösungen gefunden werden.

Im Kollektiv gegen die Krise

Kathrin Niedermoser arbeitet als Jugendreferentin in der Gewerkschaft der Privatangestellten (Druck, Journalismus, Papier) und engagiert sich für bildungs- und sozialpolitische Themen. Sie beleuchtete das Bildungskonzept von Gewerkschaften in Zeiten der Krise. Niedermoser stellte fest, dass gewerkschaftliche Bildungsangebote stets mehr waren als Werkzeuge für die berufliche Qualifikation. Besonders Rosa Luxemburg habe, auch in ihrer Funktion als Lehrende in der Parteischule, Bildung als Aneignung und Selbstermächtigung verstanden. Es gelte, das eigene Bildungskonzept zu hinterfragen, betonte Niedermoser. Oftmals sei selbständiges Denken in Gewerkschaften mit Führungsprinzip rasch an Grenzen gestoßen.

Heute, so Niedermoser, gehe es im gewerkschaftlichen Bildungsangebot neben der Vermittlung von Fachwissen mehr und mehr um so genannte soft skills, wie Rhetorik. Dass zunehmend auf die Person ausgerichtete Qualifikation gefragt sei, spiegle Ihrer Meinung nach die Probleme der Mitglieder wider: Der Druck, als Individuum innerhalb des Systems zu funktionieren, sei hoch.
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 Kathrin Niedermoser (Foto: Martina Silberhorn)

Dennoch, die Pädagogik der Gewerkschaft beschränke sich bei Weitem nicht auf das Bildungsangebot. Vielmehr liege die Aufgabe der Gewerkschaft darin, in der Praxis dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Krise kollektiv entgegenzuwirken. Eine mögliche Form des kollektiven Handelns stellt der Streik dar. Streik sei wichtig, weil dadurch Selbstermächtigung ausgeübt werde, betonte Niedermoser. So bewege man sich in kleinen Schritten dorthin, wo man in Brasilien bereits stehe…



Lernen aus der Krise?

Während Paul Singer die Chance, aus der Krise zu lernen in der Anormalität der Situation ortete, die das automatisierte kollektive Benehmen und somit auch die Funktionsweise des Systems in Frage stelle, setzte Kathrin Niedermoser Hoffnungen in die Fähigkeit der Gewerkschaften, kollektiv aufzutreten und zu mobilisieren. In der Diskussion kamen zudem Forderungen nach solidarökonomischen Initiativen und Räumen zum gemeinsamen Lernen und Handeln auf.

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Der Krise trotzend genossen die TeilnehmerInnen anschließend das vom Verein Im Ausland zur Verfügung gestellte Buffet und feierten das 5jährige Bestehen des Paulo Freire Zentrums.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.


Barbara Daser berichtet auf sience.ORF.at von der Veranstaltung.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.