
Eine Präsentation des Buches „Das pädagogische Unverhältnis“ von Nora Sternfeld über Lehren, Lernen und Emanzipation.
Pädagogik ist eine zutiefst politische Angelegenheit und man könnte Nora Sternfelds Buch einfach als eine kritische Einführung lesen, die bildungstheoretisch relevante Aspekte in den Theorien von Rancière, Gramsci und Foucault zusammenfasst. In den drei Hauptkapiteln des schmalen Bandes wird ein prägnanter Überblick darüber geboten, wie sich im Denken dieser drei Theoretiker Pädagogik, Philosophie und Politik miteinander verstricken, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sein könnten, aber auch welche Leerstellen sich dabei auftun.
Politik, Philosophie und Bildung
Da wird Rancières Vorschlag gegen das „Prinzip der Verdummung“ und für einen emanzipatorischen Lernprozess vorgebracht: Die Hierarchie der wissenden Lehrenden und der unwissenden Lernenden im Universalunterricht soll dadurch unterbrochen werden, dass die Ordnung des Erklärens außer Kraft gesetzt wird. Neben Einblicken in die Geschichte des klassischen Bildungsbegriffs steht die Kritik, dass Rancière das pädagogische Verhältnis als politikfreien Raum imaginiere, wenn sich Emanzipation in nicht zu institutionalisierenden, methodischen Veränderungen erschöpft und die Thematisierung herrschender Ungleichheit ausbleibt. Hier wird Gramsci herangezogen, für den das pädagogische Verhältnis immer politisch ist und dieses Verhältnis sogar eine Grundstruktur der Politik darstellt. Im Zuge der Sicherung gesellschaftlicher Zustimmung belehren die Herrschenden die Beherrschten und lernen dabei auch von ihnen. Zugleich könne laut Gramsci auf Basis dieses wechselseitigen Prozesses von Lernen und Lehren auch Hegemonie in Frage gestellt werden. Bildung als umkämpftes Terrain ist bei Gramsci also sowohl Feld der Herstellung von Konsens und der Stabilisierung von Herrschaft sowie einer Praxis der Veränderung und Emanzipation, einer Strategie des Klassenkampfes.
Vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Kritik in der Bildungstheorie allerdings erscheine die Grenze zwischen Widerstand und Stabilisierung zunehmend verschwommen und ungreifbar, stellt Sternfeld fest. Und spätestens seit der Rezeption von Foucault in der kritischen Bildungswissenschaft ist nicht nur dem Subjekt der Boden unter den Füßen weg-dekonstruiert worden. Begriffe wie Partizipation, Empowerment und Selbstreflexion, sowie „alternative“ didaktische Methoden wie Teamarbeit und offenes Lernen sind dem Verdacht ausgesetzt, einer neoliberalen Ordnung in die Hände zu spielen.
Eine gewisse Vertrautheit mit poststrukturalistischer Theorie und Dekonstruktion wird in Sternfelds weitreichenden Ausführungen vorausgesetzt. Insgesamt jedoch mit einem hohen Grad an Übersichtlichkeit und Verständlichkeit werden hier drei verschiedene theoretische Zugänge diskutiert und zum Teil miteinander in Zusammenhang gesetzt.
Auf der Suche nach der verlorenen Emanzipation
Aber Sternfelds Buch lediglich als ein bildungstheoretisches Panorama darzustellen, würde deutlich zu kurz greifen. Denn die Autorin bettet ihre Beschäftigung mit Foucault, Rancière und Gramsci in ein ambitioniertes theoretisches Projekt ein, das für sie als selbst Unterrichtende durchaus konkret ist: der Suche nach Möglichkeiten der Emanzipation, nach Handlungsspielräumen einer kritischen pädagogischen Praxis. Mit einer Reihe von Dilemmata sieht sich die Autorin dabei konfrontiert: Wie kann Pädagogik zur Selbstermächtigung führen, wenn es dafür keine Anleitung gibt? Wie kann die Hierarchie zwischen Wissenden und Unwissenden im Lernprozess aufgelöst werden, wenn gerade dieser sie doch am laufenden Band neu inszeniert?
Mit Bezug auf Paulo Freire stellt Sternfeld fest, dass es im Sinne einer kritischen pädagogischen Praxis eine Grundsatzentscheidung zu treffen gelte: zwischen der Normierung des Sag- und Denkbaren einerseits und dessen Veränderung und Durchkreuzung andererseits. Zugleich nimmt Sternfeld die poststrukturalistische Kritik ernst und versucht nichts Geringeres als eine „dekonstruktive Neuperspektivierung des pädagogischen Verhältnisses“ (S.125) mit emanzipatorischem Anspruch.
Die Reflexion der spezifischen Unterworfenheit der Lehrenden in der pädagogischen Theorie bleibe weitgehend aus, weil meist nur die Befreiung der Lernenden fokussiert werde. Darauf basiert ein erster Vorschlag der Autorin: die Perspektive auf die Lehrenden zu lenken. Gewissermaßen formuliert Sternfeld damit die Frage nach der Emanzipation der Lernenden um und stellt sie an sich selbst: Wie können sich die Lehrenden selbst „entunterwerfen“?
Ein „entschiedenes Vielleicht“?
Einen zentralen Ankerpunkt ihrer Suche nach Handlungsmöglichkeiten macht die Autorin bei Freud aus, der das Erziehen, ebenso wie das Regieren und Psychoanalysieren, als eine unmögliche Aufgabe darstellt. Weil es auf einem dynamischen Verhältnis der Lehrenden zu nicht vorhersehbaren Lernenden beruhe, sei der Verlauf des Lernprozesses nie vollständig berechen- und planbar. Dementsprechend spricht Sternfeld vom pädagogischen Unverhältnis, das zu einem gewissen Grad immerzu scheitere egal ob es auf die Untermauerung herrschender Zustände oder aber deren Unterwanderung und Durchkreuzung angelegt ist. Gerade in dieser Unmöglichkeit, im Scheitern ortet Sternfeld schließlich einen möglichen Ausweg.
Auf ein konstitutives Außen als Drittes im pädagogischen Verhältnis, sozusagen das emanzipatorische Ziel oder die Idee hinter der Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, gelte es gleichzeitig zu bestehen und es doch undefiniert zu lassen. „Postrukturalistische Bildung hat einen Zweck: Sie steht im Dienst einer Sache, doch diese steht nicht fest“ (S.128), bringt Sternfeld letztlich vor und bietet ein „entschiedenes Vielleicht“ an. Damit soll die Grundsatzentscheidung im Sinne Freires getroffen und zugleich mit poststrukturalistischer Skepsis konfrontiert werden.
Die Autorin arbeitet sich an den Positionen Rancières, Gramscis und Foucaults ab und spürt ihre blinden Flecken auf. Dadurch erschließen sich ihr also mögliche Versatzstücke der versuchten Neuperspektivierung des pädagogischen Verhältnisses. Und ob diese schließlich gelingt oder Sternfeld selbst kreativ an diesem hochgesteckten Ziel scheitert, ist wohl eine der schwierigsten Fragen, vor die dieses Buch seine LeserInnen stellt.
Die Autorin ist ehemalige Praktikantin des Paulo Freire Zentrums und studiert Kultur- und Sozialanthropologie.
Nora Sternfeld: Das pädagogische Unverhältnis. Lehren und lernen bei Rancière, Gramsci und Foucault. Wien: Turia + Kant, 2009. 157 Seiten. 15,00 . ISBN: 978-3-85132-530-0