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Kritische Erwachsenenbildung in Brasilien unter Druck.

Unter dem Titel „Bildung zur Utopischen Imagination“ diskutierten die Pädagog*innen Sonia Couto Souza Feitosa und Rubia Salgado mit Gender-Aktivist*in Symmy Larrat Ansätze und Perspektiven von Erwachsenenbildung im Kontext politischer Entwicklungen in Brasilien und Österreich.

Das Symposium fand mit Unterstützung der Wienwoche am 17. September 2019 im Depot statt. Die Aktivitäten von maiz und das kollektiv, einem Verein zur Beratung und Bildung von Migrant*innen (Salgado), Transcidadania, einem Förderprojekt für Transsexuelle (Larrat) und dem Instituto Paulo Freire, einem Zentrum für Bildung zur politischen Transformation in São Paulo – Brasilien (Souza Feitosa), richten sich an gesellschaftlich und wirtschaftlich benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Alle drei Organisationen engagieren sich gegen neoliberale Bildungskonzepte, soziale Ungleichheit und Unterdrückung. Sie wollen Minderheiten befähigen, für gesellschaftlichen Wandel einzustehen und ihre Rechte zu verteidigen.

Alphabetisierung in Brasilien.

Die drei Vortragenden kommen ursprünglich aus Brasilien, einem Staat mit enormer ethnischer Vielfalt. Der Anteil von Einwohner*innen mit dunkler Hautfarbe liegt bei 56 Prozent. Die Geschichte ihrer Unterdrückung reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Im Zuge der Kolonialisierung wurden Menschen aus afrikanischen Ländern als Sklav*innen nach Brasilien verschleppt. Es folgten Armut und Ungleichheit. Rassistisches Gedankengut beeinflusst bis heute, wie Menschen sich selbst und andere sehen, ob sie öffentlich wahrgenommen werden und selbstbewusst sind.
Im Jahr 1989 wurde das Grundrecht auf Bildung in der brasilianischen Verfassung festgeschrieben. Laut Souza Feitosa sei es heute kaum möglich, sich ohne lesen und schreiben zu können, in Städten zu bewegen. Die linke Regierung von Lula da Silva und Dilma Rousseff verbesserte die Bedingungen von Bildungsinitiativen für die Landbevölkerung und benachteiligte Gruppen. Alphabetisierungsprojekte für Erwachsene wurden gefördert. Sie greifen revolutionäre pädagogische Ansätze von Paulo Freire auf. Diese wollen nicht belehren, sondern befreien und ermächtigen, selber zu denken.

Erwachsenenbildung für Minderheiten.

Transcidadania zählt zu einem der größten Eingliederungsprogramme für transsexuelle Personen in Brasilien. Sie bekamen die Möglichkeit, in staatlich subventionierten Posten zu arbeiten und den Teufelskreis von Armut, Obdachlosigkeit, Prostitution und Drogensucht zu durchbrechen. Ein Zusammenschluss von Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen entstand, die sich dafür einsetzten, Arbeits- durch Unterrichtsstunden zu ersetzen. In Zentren für Erwachsenenbildung bekamen die Teilnehmer*innen Wissensgrundlagen, Selbstverantwortung und ein fundamentales Verständnis politischer Prozesse vermittelt. Koordinator*innen wie Symmy Larrat geht es darum, dass Beteiligte sich selbst und ihre Lebenswelt besser verstehen. Musik, Tanz, Film und Theater gehören zum Unterricht. Freude als Form des Widerstands richtet sich gegen faschistische Strategien, die sich aus Angst speisen.

Transsexualität in Brasilien.

Larrat, Sexarbeiter*in, Transperson und Präsident*in der brasilianischen Vereinigung für Lesben Schwule, Bisexuelle und Transpersonen (ABGLT) kennt die Probleme der Betroffenen aus eigener Erfahrung. Transsexuelle sind in Brasilien weder staatlich noch juristisch anerkannt. Sie können weder von Sozialprogrammen profitieren, noch von ihren Bürgerrechten Gebrauch machen. Oft verlassen sie wegen Mobbing Schule und Familie früh. Die meisten sind bereits mit vierzehn Jahren obdachlos, migrieren nach São Paulo und verdienen ihr Geld als Sexarbeiter*innen. Vom regulären Arbeitsmarkt werden viele ausgeschlossen und in anderen Regionen polizeilich verfolgt. Bisweilen infizieren sich Leidtragende mit HIV und erkranken in der Folge gesellschaftlicher Unterdrückung auch psychisch. Mehr als irgendwo sonst auf der Welt werden sie zum Ziel von Mordanschlägen und Vergewaltigungen. Paradoxerweise ist Brasilien gleichzeitig eines der wenigen Länder, wo das staatliche Gesundheitssystem Geschlechtsumwandlungen unterstützt.

Die Erfolge von Transcidadania sind enorm.

Im ersten Jahrgang haben 25 von 73 Begünstigten nach dem Programm die Oberstufe besucht. Sieben Teilnehmer*innen wurden an einer staatlichen Universität zugelassen. Politische Anerkennung gab es vor allem für Errungenschaften in der Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Unter 25 Betroffenen befanden sich nach dem Programm zwölf Personen in Heimen und 13 hatten eine fixe Adresse. Sie lernten, mit administrativen Anforderungen wie Miete umzugehen und ihr Gehalt in neu gewonnenen beruflichen Stellungen einzufordern. Viele Institutionen hatten keine Erfahrung im Umgang mit Menschen, die zuvor aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. In dieser Beziehung sorgten Koordinator*innen für einen produktiven Dialog und unterstützten die Zusammenarbeit.

Präsident Bolsonaro macht Errungenschaften zunichte.

Seit dem Amtsantritt von Jair Bolsonaros im Januar 2019 werden soziale und kulturelle Programme gestrichen oder nicht mehr finanziert. Der gewaltsame Ausschluss abweichender Formen von Körper und Sexualität stabilisiert den Einfluss dominanter Bevölkerungsgruppen. Forschungsprojekte und staatliche Universitäten können sich finanziell kaum noch über Wasser halten. Besonders bedroht sind Initiativen für Jugend- und Erwachsenenbildung. Auch Transcidadania hat sich im letzten Jahr praktisch aufgelöst. Das Projekt besteht nur noch formal und bekommt keinerlei Fördergelder mehr. Der Unterricht in den Bildungszentren wurde eingestellt. Selbstverantwortung liegt nicht im Interesse der aktuellen Regierung. Menschen, die neue Perspektiven verfolgen oder sich für ihre Rechte einsetzten, sind nicht erwünscht. Doch die Aktivist*innen geben ihre Hoffnung nicht auf. Täglich arbeiten sie daran, verlorene Errungenschaften zu reaktivieren und Visionen zu verwirklichen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Fotos: © Rocio del Rio Lorenzo.

Weiterführende Links:

Maiz
Instituto Paulo Freire São Paulo (portugiesisch)
Transcidadania (portugiesisch)
Wienwoche

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Genderungerechtigkeit, Themen.