Viktor Matejka stürzte sich mit großem Impetus in die Volksbildung, die für ihn von Anfang an nicht Broterwerb allein, sondern Mitarbeit an der Demokratisierung und gerechteren Verteilung des Wissens bedeutete.
Als politisch links stehendem, aber weder ideologisch noch organisatorisch gebundenem Menschen bot die neutrale Wiener Volksbildung, nach deren Auffassung Wissenschaft und Bildung als neutrale Werte der Gesellschaftsentwicklung zugute kommen, Matejka ein großes Arbeitsfeld als vielseitig tätigem Vortragenden und Kursleiter. (1)
Einen Teil jener Volksbildung bildeten Bibliotheken, denen eine wichtige Funktion in der im Wesentlichen kostenfreien bzw. mit minimalen Gebühren verbundenen Vermittlung von Büchern zukam. In der Folge sollte Matejka in verschiedensten Funktionen immer wieder für Bibliotheken verantwortlich sein.
Wiener Arbeiterkammer.
Sein diesbezüglich erster Verantwortungsbereich war der eines Bildungsreferenten der Wiener Arbeiterkammer. Diesen Posten ebenso wie seine Leitungsfunktion im Volksheim Ottakring hat er auf Ersuchen des Wiener Volksbildungsreferenten Karl Lugmayer Anfang 1934 übernommen. Im Windschatten anfänglicher Bemühungen von Teilen des austrofaschistischen Regimes, nach der Zerstörung der Demokratie und der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, versuchte Matejka zu retten, was letztlich doch nicht zu retten war. Denn der Februar 1934 beendete nicht nur die sozialdemokratische Arbeiterbildungs- und -kulturbewegung, sondern versetzte auch der Basis der neutralen Volksbildung einen entscheidenden Schlag: Nicht mehr das aufklärerische Bündnis von Wissenschaft und Volksbildung sollte als Grundlage dienen, vielmehr wurde es durch Heimatpflege, Sozialromantik und religiös bestimmte Weltanschauung als neuem Fundament ersetzt.
Verein Arbeiterbüchereien.
Als Vertreter der Arbeiterkammer war Matejka Vorstandsmitglied im Verein Arbeiterbüchereien, der die konfiszierten sozialdemokratischen Arbeiterbüchereien weiterführte. Dort setzte ein Tauziehen um die Literatursäuberung ein. Otto Spranger, der die Geschäfte des Vereines führte, versuchte, literarische Zensurmaßnahmen nach Möglichkeit zu verhindern, und genoss dabei die tatkräftige Unterstützung Matejkas. Obwohl Lugmayer von einem vorübergehenden Standrecht der Bücherauswahl sprach, konnte er bis 1936 die Politik Sprangers und Matejkas decken. (2) Das autoritäre Regime gestattete außerdem bald keine Halbheiten mehr und setzte im Juli 1936 mit dem neuen Wiener Volksbildungsgesetz und der Kommunalisierung und endgültigen Demolierung der Arbeiterbüchereien diesen hinhaltenden Bemühungen ein jähes Ende. Das muss auch in einem größeren Zusammenhang gesehen werden: Denn fast zeitgleich erfolgten die Entfernung Matejkas aus dem Volksheim Ottakring, die politische Kaltstellung Ernst Karl Winters als Repräsentanten der Befriedungsbemühungen gegenüber der Arbeiterbewegung und der Bildung einer antinazistischen Volksfront, die Schaffung der nach faschistischen Vorbildern gestalteten Kulturorganisation der Vaterländischen Front Neues Leben und das Juliabkommen 1936 zwischen Österreich und dem Deutschen Reich, das den Nationalsozialisten zusätzliche Türen und Tore öffnete.
Säuberungen der Bibliotheken.
In den Bibliotheken waren nun rigide Säuberungen angesagt. Insgesamt mehr als 2000 Titel wurden bei den kommunalisierten Wiener Büchereien auf sieben Sperrlisten gesetzt, die alle bisherigen Zensurmaßnahmen in den Schatten stellten.
In seinem engeren beruflichen Arbeitsfeld war Matejka auch für die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien verantwortlich. Zu diesem Zeitpunkt zählte sie zu den größten sozialistischen Büchersammlungen der Welt. Als Matjeka sein Amt als Bildungsreferent antrat, war der Bibliotheksleiter Fritz Brügel bereits aus dieser Funktion entfernt und in die Tschechoslowakei geflüchtet. Die Buchbestände der Wiener Arbeiterkammerbibliothek blieben bis 1938 im Gegensatz zu den AK-Bibliotheken in den Bundesländern unangetastet und auch benützbar. Dazu hat sehr wesentlich der Charakter als wissenschaftliche Studienbibliothek beigetragen, deren geringere Breitenwirkung sie den VertreterInnen des Regimes weit weniger gefährlich erscheinen ließ als die Volksbibliotheken. Allerdings wurde beim aktuellen Buchzugang und in der Personalpolitik den bestimmenden politischen Kräften Rechnung getragen. War der Zugriff zum Buchbestand für BibliotheksbenützerInnen bis 1936 zur Gänze unbeschränkt, so setzte auch hier in diesem Jahr eine Wende ein: Ab Jänner 1937 war eine Benützung sozialistischer, kommunistischer und nationalsozialistischer Literatur an die Genehmigung des Generalsekretärs und des Präsidenten des Gewerkschaftsbundes gebunden. (3)
Kampf gegen den Nationalsozialismus.
Nicht nur die mit seiner Vertreibung aus dem Volksheim Ottakring einhergehenden Ereignisse verstärkten in Matejka das Bewusstsein, dass in der Bewahrung der österreichischen Unabhängigkeit die letzte Chance liege, dem Nationalsozialismus zu entkommen. Als österreichischer Patriot war er bereits die gesamte Erste Republik hindurch ein entschiedener Verfechter österreichischer Eigenstaatlichkeit gewesen. In realistischer Einschätzung mangelnder Abwehrkräfte im eigenen Land intensivierte er gegen Ende des Ständestaates seine Reiseaktivitäten und internationalen Kontakte. In Paris war Matejka in Audienz bei Kardinal Jean Verdier, der ihm im Dezember 1937 eine Botschaft an den Wiener Erzbischof Theodor Innitzer mit der Bitte mitgab, der braunen Flut standzuhalten ein Appell, der sich wenige Monate später bereits als nutzlos erweisen sollte, wie es Innitzers zustimmende Reaktion auf den Anschluss bewiesen hat. (4)
Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.
Lesen Sie weiter über Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (III).
(1) Viktor Matejka, Kleine Erinnerung nach hundert Wiener Volksbildungsjahren ein Fragment, in: Ursula Knittler-Lux (Hg.), Bildung bewegt. 100 Jahre Wiener Volksbildung. Festschrift zur Ausstellung in der Volkshalle des Wiener Rathauses vom 4. bis 25.Oktober 1987, Wien 1987, 81-86.
(2) Alfred Pfoser, Literatur und Austromarxismus, Wien 1980, 212.
(3) Karl Stubenvoll, 75 Jahre Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien 1921-1996. Wien 1997, 55.
(4) Viktor Matejka, Anregung ist alles. Das Buch Nr. 2. Wien 1991, 90 ff.